Kurzgeschichte: Des Pfarrers Wölfe

Ich liebe Die drei Musketiere – und Werwölfe, Zombies und Zauberer. Also warum nicht einfach alles in einen Topf werfen? Heraus kamen die Geschichten von Maria und Jukka, der Hexe und dem Gefrorenen.

Im Deutschland des dreißigjährigen Krieges ziehen die beiden durch die Lande und erleben inmitten des gebeutelten Landes gruselige Abenteuer in einer verwunschenen Kirche oder begegnen einem tödlichen Biest und einer traurigen Schönheit. Es sind Abenteuer mit dem Übersinnlichem, in der Tradition von Salomon Kane und Evil Dead. Hier wird das Böse sowohl mit Magie, als auch mit Pistolen bekämpft.

Des Pfarrers Wölfe

 

Das Abendrot malte die verfallene Kirche in Licht wie Blut und die schweren Wolken glühten wie schmelzendes Eisen.

Das verlassene Gotteshaus stand in einer kleinen Lichtung, umringt von dichten Bäumen. Der einzige Weg durch den Wald war überwachsen und würde in wenigen Jahren zurück an den Wald fallen, der sich mit der ihm eigenen Ruhe zurückholte, was die Menschen ihm kurzfristig entrissen hatten. Aber von der Kirche, diesem Haus aus grauem Stein und staubigem Glas und verschobenen Schindeln, von der Kirche hielt sich der Wald noch zurück, als würde er warten und beobachten. Der Wald hatte Geduld.

Keine Geduld hatten die Männer, die sich durch den Wald der Kirche näherten. Fünf waren es, und so sehr sie sich in Gestalt und Gebaren unterschieden, so glichen sie sich in ihrer Kleidung: Kein Strumpf der nicht weniger als drei Löcher hatte, kein Stulpenstiefel mit geradem Absatz, kein Wams und keine Hose ohne Flicken. Und sie alle trugen Waffen.
Der Mann an der Spitze, ein großer, breitschultiger Mann mit blondem Haar und aufmerksam beobachtenden Augen, trug Rapier und Dolch.

Zwei Pistolen steckten im breiten Gürtel, ein Bandelier mit Pulverfläschchen und Kugeltasche hing um seine Brust. Er setzte seine Schritte trotz seiner Größe umsichtig und machte so nur wenige Geräusche. Erst zur Mittagszeit war er so bis auf wenige Schritt an einen Hirsch herangekommen. Nur weil der Wind drehte, blickte der Hirsch auf und wollte rennen – die Kugeln aus den Pistolen waren schneller als er. Der erfolgreiche Jäger hieß Jukka Skarsgard.

Ein gutes Stück hinter ihm ging ein dunkelhaariger Kerl von gut über dreißig Jahren, das Kinn erhoben und mit dem Blick eines Mannes, der Befehle erteilte. Am Gürtel steckten Pistole und ein langes Messer. In der Armbeuge hielt er – wie ein geliebtes Kind – den Bihänder, dessen geflammte Klinge in einer Lederscheide steckte und Griff die Form eines Barrakuda-Kopfes hatte. Dies war der Hauptmann des Trupps: Johan Salvius.

Neben Hauptmann Salvius hielt sich ein dünner Mann mit dunklem Gesicht und flacher Nase. Am Hut steckte eine zerrupfte Krähenfeder. Er trug eine Axt bei sich und als Stock hielt er eine Hellebarde in der Rechten. Er nannte sich Peter Horn und sein Blick sah nicht nur den Wald und die Bäume, sondern er las ihre Zeichen wie kein anderer des Trupps. Er war es, der dem Hauptmann zur Eile geraten hatte, denn bevor die Sonne unterging, würde ein Sturm beginnen der die ganze Nacht wüten würde. Hauptmann Salvius war zu lange mit Peter unterwegs, um dessen Vorhersage anzuzweifeln – noch nie hatte sich der Schwede beim Lesen des Wetters geirrt.

Der Mann hinter Horn und Salvius, hatte gleich zwei Bürden zu tragen: Zum einen führte er den Packesel des kleinen Trupps, ein altes mageres Vieh dass immer wieder bockte, – zum anderen plagten ihn seit zwei Tagen Zahnschmerzen, so heftige, dass seine linke Wange angeschwollen war wie ein Apfel. Jammernd stieg Hans Meßberg über Wurzeln und trat gegen Sträucher, um seinen Schmerz andere spüren zu lassen. Als Führer des Esels hatte er es sich einfacher gemacht und seine Waffen – Hellebarde und Messer – zum anderen Zeug des Trupps auf den Rücken des Esels gebunden, neben das Kochgeschirr und die Fleischstücke des toten Hirschen.

Die Nachhut bildete Karl Stass, ein Mann in den besten Jahren und von kräftigem Wuchs. Eine Hand auf dem Knauf seines Schwertes, hielt er mit der anderen seinen Hut und zog sein Cape immer wieder zurecht, wenn es sich in einem Ast verfangen hatte. Auch achtete er als einziger darauf, dass seine Stiefel nicht allzu sehr schmutzig wurden – was ihm nicht recht gelingen wollte.

Von diesen Männern als erster betrat Jukka die Lichtung, in deren Mittelpunkt die verlassene Kirche stand. Seine rechte Hand legte sich auf die geladene Radschlosspistole, während seine Augen und Ohren aufmerksam die Umgebung aufnahmen. Er hörte keine Schritte außer denen seiner Kumpane und sah keine Bewegung außer dem Huschen eines Eichhörnchens.

Hinter ihm traten der Hauptmann und Peter aus dem Wald. Die drei Männer blieben einen Moment stehen. Dann – es war nicht mehr erforderlich als ein Blick – gingen Jukka und Peter in weitem Bogen um die Kirche herum. Hauptmann Salvius zog sein großes Schwert blank, dass die geflammte Klinge, lang wie ein Mann, im Abendrot rot schimmerte. Die drei Kämpfer näherten sich der Kirche.

Hans und Karl blieben beim Esel und den Bäumen.

Salvius blieb drei Schritte vor der Tür der Kirche stehen. Es ware eine breite Tür, mit zwei Flügeln. Das Holz war lange Zeit nicht gepflegt worden, doch hingen die Türen noch gerade in den Angeln und waren stabil genug, um den ein oder anderen Winter ihre Pflicht zu tun. Hinter den Fenstern, die zu beiden Seiten der Tür lagen, war keine Bewegung zu sehen. Salvius wartete noch zwei Atemzüge, um sicher zu sein, dass Jukka und Peter auf ihren Posten waren. Dann ging Salvius schnell die letzten Schritt, trat mit einem Stiefel auf die Klinke und eide Flügel schwangen mit einem rostigen Singen auf.

Das Abendlicht fiel in das Kirchenschiff, Salvius‘ Schatten streckte sich bis zwischen die zwei Bankreihen. Staub glitzerte in der kalten Luft. Sonst war keine Bewegung im Gotteshaus. Das Schwert erhoben, stand Salvius vor der Schwelle, ließ seinen Blick achtsam über die Sitzbänke und in die Schatten schweifen. Bis er schließlich zum Altar sah: Einen brusthohen Steinquader, schmucklos und schlicht vor einem ebenso schlichten Kreuz, an dem ein hölzerner Erlöser hing.

Hauptmann Salvius senkte sein Schwert, berührte mit einem Knie den Boden und bekreuzigte sich. »Herr, gestattet müden Reisenden Schutz vor Regen und Dunkelheit«, sprach er leise. Er richtete sich wieder auf und rief seine Leute. Sie versammelten sich vor der Kirche, luden ihre Habe vom Rücken des Esels und banden ihn an einen nahen Baum, damit er grasen und unter den Ästen Schutz finden sollte.

Als das erste Donnergrollen zu hören war, gingen sie in die leere Kirche und Salvius schloss die Türen hinter ihnen. Regen prasselte auf die Schindeln und gegen die Fenster. Über der Kanzel war ein Stück der Decke eingefallen, Bruchstücke hatten den Kanzeldeckel angeschlagen und lagen zu Füßen der Säulen. Regen fiel auf das Holz und weichte es auf. Ansonsten war die Kirch trocken.

»Immerhin wurde diese Kirche im rechten Glauben gebaut,« stellte Karl fest und zog seinen Hut.

»Was macht’s, wie man betet, solang’s Gott gefällt«, erwiderte Peter.

Entschieden gab Karl zurück: »Gut für meine Nachtruhe ist es, dass hier Luthers Bibel gelesen wurde und nicht die lateinische der Papisten!«

»Hier wurde schon seit Jahren keine Messe mehr gehalten«, meinte Jukka.

»Und darum können wir hier alle in Ruhe schlafen.« Hauptmann Salvius wies auf eine Stelle an der rechten Wand. »Jukka, richte dort ein Feuer ein. Durch das Loch in der Decke wird der Rauch gut abziehen.«

Jukka nickte nur und trug das Feuerholz, das sie unterwegs aufgesammelt und dem Esel aufgebürdet hatten, zu der angegebenen Stelle. Dort wickelte er die Äste aus dem Wachstuch und baute sie zu einer Feuerstelle zusammen. Unter das Holz legte er eine Handvoll Reisig. Aus einer Tasche zog er seine Zunderbüchse und schlug mit Eisen und Feuerstein Funken, die den Zunder in Brand steckten. Dieses kleine Feuer schüttete er über den Reisig, der erst glomm und schließlich in Flammen aufging, die wiederum das Holz entzündeten. Mit der ihm eigenen Ruhe, beobachtete und pflegte Jukka das Feuer.

In der Zwischenzeit, hatten der Hauptmann und Peter Horn ihre Schlafplätze bereitet und waren nun dabei, die restlichen Stücke des Hirsches auszupacken. Nachdem der Hirsch von Jukka erlegt worden war, hatte Peter ihn zerlegt und sie hatten an Ort und Stelle eine erste köstliche Mahlzeit gehabt. Was übrig blieb, hatten sie mitgenommen und wollten es jetzt am Feuer aufwärmen. Also traten sie zu Jukka. Salvius legte seinen Mantel auf den Boden und lehnte seinen Rücken an die Wand. Er streckte die müden Glieder, gähnte herzhaft und lachte. »Eine trockene Ruhestätte und gutes Fleisch – so einfach bin ich glücklich zu machen.«

»Ne Frau fehlt«, meinte Peter und grinste.

»Ein starkes Bier«, fügte Jukka hinzu.

»Morgen, Leute. Morgen finden wir ein Dorf, Frauen und Bier«, sagte Salvius und lächelte. Dann rief er: »Karl, Hans, wir wollen essen!«

»Hebt uns was auf«, rief Karl zurück. »Hans ist mir noch eine Revanche schuldig.«

»Aber isch hab Humber«, nuschelte Hans mit geschwollener Backe.

»Erst würfeln wir eine Runde«, forderte Karl. Er warf sein Cape nahe dem Feuer an die Wand und schüttelte einen ledernen Becher, dass die Würfel darin klapperten. »Ich spüre, dass der Herr ein freundliches Auge auf mich hat.«

»Glücksspiel is ne Sünde«, bemerkte Peter.

»Nicht wenn ein Gläubiger einen Sünder erleichtert«, sagte Karl. »Ich bete jeden Tag zum Herrn, und du Hans?«

»Isch würd ihn nen guden Mann nennen, wenn er mir den faulen Zahn nähme«, nuschelte Hans, der sich im Schneidersitz auf den Mantel setzte.

»Ein Zahnarzt würde dir schneller helfen.«

»Da reisch ich ihn mir lieber schelbst rausch. Zu so einem Pfuscher gehe ich nicht. Die bringen mehr von unsch um als die Kugeln der Kaiserlichen.«

Alle fuhren herum, Hände an den Waffen, Blicke starr auf die Kirchentür geheftet – denn diese war aufgestoßen worden. Mit einem Schwall kalter Luft, die das Feuer tanzen ließ, und eine Schwall Wasser, trat eine Gestalt über die Türschwelle, ein Schatten vor dem Dunkel der Dämmerung. Die Gestalt blieb einen Moment in der offenen Tür stehen, reglos. Sie musterte die Söldner, wie sie selbst gemustert wurde. Von der Krempe des breiten Hutes lief das Wasser, eine Straußenfeder bog sich vor Nässe. Unter der Krempe war nur ein schmaler Schlitz, nicht breiter als zwei Finger, dann stand auch schon ein hoher Kragen vor dem Gesicht. Der reichte hinab bis zu den Knöcheln. Wasser, das über den Mantel lief, tropfte auf die Spitzen von Reitstiefeln. In der Linken hielt die Gestalt eine Satteltasche.

Einen langen Moment sagte niemand etwas.

Die Gestalt kniete sich hin, bekreuzigte sich und murmelte etwas. Als sie sich wieder erhob, sagte sie: »Ist noch Platz an eurem Feuer für eine Reisende?« Sie sprach Rotwelsch, jene Sprache aus dem Deutschen, Jiddischen, Spanischen und der Zigeunersprache, deren sich Gauner und Soldaten bedienten.

Salvius, sein Schwert in der Hand, aber noch nicht gezogen, trat vom Feuer fort und ging in den Mittelgang. »Seid Ihr allein?«

»Und ihr – nur zu fünft?«, gab die Fremde mit deutlich italienischem Akzent zurück. Sie drehte sich um und schloss die Tür hinter sich.

Am Lagerfeuer leckte sich Peter über die Lippen und seine Hand streichelte das Blatt seiner Axt, während seine Blicke auf die Gestalt der Frau geheftet blieben.
Die ging durch den Mittelgang zu Salvius – aber sie blieb nicht vor ihm stehen. Der Hauptmann musste zurückweichen, um von ihr nicht angerempelt zu werden, als sie zum Feuer trat. Sie legte die Satteltasche ab und streckte die behandschuhten Hände aus, damit das Feuer sie wärmte.

Salvius trat neben die Fremde. Mit einem Nicken zu der leichten Satteltasche, fragte er:

»Seid Ihr eine Kurierin?«

Die Fremde schüttelte den Kopf. Während ihre Finger die Knöpfe des schweren Regenmantels lösten, sagte sie: »Ich reise viel, doch bestimme ich allein meinen Weg. Es überrascht mich, dass Ihr mit Euren Männern hier Zuflucht sucht, Herr …?«

»Hauptmann«, stellte Salvius klar. »Hautpmann Salvius.«

»Ist mir eine Ehre, Hauptmann Salvius. Ich bin Maria Foscari.«

Peter, die Hand immer noch an der Axt, betrachtete die Fremde mit offener Lüsternheit.

»Du bist also allein, keine Verstärkung.«

»Ich brauche niemanden, um mir euch vom Hals zu halten, Söldner!« Maria Foscari streifte den schweren Mantel ab – und als erstes fielen die Blicke der Männer auf die Waffen, die sie trug: An dem breiten Miedergürtel steckten sowohl zwei schlanke Pistolen als auch lange Messer, zudem ragte aus dem rechten Reitstiefel der Griff eins Dolches.

Hosen und Bluse waren aus dunkelblauem Stoff, die kurze Jacke aus schwarzem Leder mit silbernen Knöpfen. Obwohl Kleider sowie Waffen von guter Qualität zeugten, waren sie schmucklos und trugen offenkundige Zeichen des vielfachen Gebrauchs.

Maria Foscari selbst hatte ein schmales Gesicht, mit vollen spitzen Lippen. Das dunkle Haare hatte sie hoch gesteckt, unter den Hut. Jeder der fünf Söldner musterte sie mit Verlangen, doch sie stand nur da, strahlte Ruhe und Selbstsicherheit aus, während sie jeden einzeln musterte. Nur einen Atemzug ruhten ihre Augen auf jedem – und zuletzt sah sie Jukka an. Dies war der Blick von jemandem, der so vieles gesehen hatte, das sie nichts mehr überraschen konnte.

Trotzdem war diese Frau nicht müde der Welt, die ihr nichts Neues mehr geben konnte, sondern sie blickte auf die Männer wie eine Jägerin. Jukka war fasziniert von diesem Blick. Er, der Jäger, spürte nicht mehr das Verlangen eines Mannes gegenüber einer Frau, sondern die Verbundenheit zweier Seelenverwandter. So lockerte er den Griff um sein Rapier und wies auf das Hirschfleisch. »Habt Ihr Hunger?«

»Wenn Ihr einen Bissen entbehren könnt, wäre ich sehr dankbar.«

Jukka hielt ihr sein Stück hin. »Ich bin Jukka.«

»Dank, mein Herr.« Sie nahm das Stück, schnitt es entzwei und warf eine Hälfte zurück zu Jukka. Sie wartete, bis Jukka abgebissen hatte, erst dann aß sie selbst.

Salvius hatte andere Sorgen als den Hunger der Foscari. Obwohl sein Tross klein war und sie seit Wochen für keine Armee mehr Dienst taten, fühlte er sich für seine Männer verantwortlich. Also fragte er die Foscari: »Warum sollte ich mit meinen Männern nicht hier Zuflucht suchen, Signora Foscari?«

Sie hielt mit dem Essen inne. »Habt Ihr die Geschichten über diese Kirche nicht gehört? Es spukt hier. Geister gehen um!«

»Gott steh unsch bei«, rief Hans aus und schlug dreimal das Kreuz.

»Humbug!«, entfuhr es Peter. »Mach dir nich in die Hose, Hans. Es gibt keine Geister.«

»Und warum ischt diesche Kirsche verlaschen?«, fragte Hans aufgeregt.

»Plünderer.«

»Natürlich würden wir niemals eine Kirche plündern«, sagte Hans. Galant verbeugte er sich zu Maria und lächelte.

Das Einschmeicheln ignorierend, sagte sie zu Salvius: »Die Dörfler meiden diese Kirche schon seit Jahren. Sie sagen, sie sei entweiht und werde vom Bösen heimgesucht. Die ruhelosen Geister einiger Söldner sollen hier umgehen.«

Salvius war skeptisch und verschränkte die Arme vor der Brust. »Diese Zeiten machen uns alle verrückt. Auf das aubergläubische Geschwätz von ein paar Dörflern lege ich keinen großen Wert. Glaubt Ihr daran?«

»Ich habe schon vieles gesehen«, sagte Maria.

Peter knurrte. »Es gibt nichts Lebendiges, das stärker ist als dieser Stahl.« Dabei tippte er gegen die Axt in seinem Gürtel.

Salvius musterte sein Leute und was er sah, gefiel ihm nicht. Sie waren in einer Kirche, einem Haus Gottes, und er würde dem Rechnung tragen. »Peter, geh doch mit den beiden würfeln.«

Peter warf Maria einen letzten Blick zu, hörte aber auf den Rat seines Hauptmanns. »Hans, Karl, lasst uns knobeln.«

»Da hätte ich doch fast meine Revanche vergessen. Komm, Hans, bis uns die Geister heimsuchen mache ich dich zu einem armen Mann.« Mit diesen Worten packte Karl den ängstlichen Hans und zog ihn fort vom Lagerfeuer, hin zu der Ecke, die sie zum Würfelspiel bereit gemacht hatten. Die drei knieten sich auf den Mantel, legten ihr Geld vor sich aus und schon bald waren Peter, Karl und Hans in das Werfen der Würfel vertieft. Sie vergaßen das Prasseln des Regens, ihren Hunger und Strapazen des Tages im Fieber der Augenpaare und Würfelglücks.

So blieben Salvius, Maria und Jukka am Feuer zurück. Salvius starrte eine Weile ins Feuer und genoss die Wärme auf seinem Gesicht. Schließlich musterte er Maria und fragte: »Was führt euch hierher?«

»Ich bin auf dem Weg nach Osten.«

»Ich meine, wenn Ihr von den Geschichten um diese Kirche wisst, warum seid Ihr hier? Wenn Ihr den Geschichten nicht glaubt, gibt es schönere Orte um den Sturm zu verschlafen. Und wenn Ihr die Geschichten glaubt, dann habt Ihr erst recht keinen Grund hier zu sein, Signora.«

»Eine Kirche, entweiht wie diese, ihrer wahren Bestimmung zuzuführen, ist Grund genug für mich.«

»Ihr wollt die Geister vertreiben?«, fragte Salvius ungläubig.

»Wenn sie mich herausfordern, werde ich mich Ihnen stellen.«

»Womit? Mit Messer und Pistole?«

»Und meinem Glauben«, sagte Maria ernst.

»Dieser Ort ist von Gott verlassen«, stellte Jukka fest. Er musterte Maria eine Weile. War es ihr Glaube, der sie zu einer Suchenden und Jägerin gemacht hatte? Jukka hatte Respekt vor der Kirche, aber religiösen Fanatikern war er bisher aus dem Weg gegangen – zu oft setzten diese ihren Glauben über den gesunden Menschenverstand. Was nicht nur sie in Schwierigkeiten brachte, sondern auch jene, die an ihrer Seite waren. Seit Jukka die Lande des heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation betreten hatte, waren nur allzu viele gestorben, weil sie ihren Glauben zu verteidigen gedachten.

Er selbst war aus Abenteuerlust und schlichtem Geldmangel in die Armee eingetreten und seinem König Gustav Adolf so lange gefolgt, wie das Schlachtenglück ihnen hold gewesen war. Nach der Niederlage bei Lützen, als Wallenstein seinen größten Sieg errungen und Gustav Adolf seinen letzten Atemzug getan hatte, war es Jukka mehr darum gegangen, sein Leben zu fristen, weit weg von Kirchenmännern und Politikern, die Soldaten, Bauern und Mägde nur als Puppen in ihrem Spiel sahen. Hundert-, gar tausendfacher Tod war über jene gekommen, die den hohen Herren gefolgt waren. An Seuchen und Hunger hatten sie gelitten, nur darauf gewartet in die Schlacht zu ziehen – denn dort gab Beute. Auch Jukka hatte gelündert, denn ein hungriger Magen kennt keine Moral. Er fragte sich, ob Maria ihn ob seiner Taten verfluchen oder verstehen würde?

»Habt Ihr vom Tod Wallensteins gehört?«, fragte Maria.

Hauptmann Salvius wiegte den Kopf. »Nur Gerüchte und zwei Flugblätter, aber das ist alles nur Propaganda. Wisst Ihr sicher vom Tode Wallensteins?«

»Es ist sicher. Der Wiener Kaiserhof hat ihn getötet, weil sie befürchteten, er würde zum Heilbronner Bund wechseln. Die Protestanten boten ihm wohl jene Adelstitel und Ländereien, die der Kaiser seinem Generalissimus nicht gewähren wollte.«

»Nun sind die beiden großen Heerführer dieser Kriege nicht mehr. Ich frage mich, wie es wohl weiter gehen mag. An einen Frieden mag ich nicht glauben.«

Maria schüttelte den Kopf. »Zu viele Schakale wittern Beute im Deutschen Reich. Die Franzosen haben Angst vor der Macht der Habsburger und fühlen sich eingekesselt zwischen den Deutschen Landen und Spanien. Obwohl sie in ihrem eigenen Land die Hugenotten ausrotteten, unterstützen Sie den Heilbronner Bund mit Geld, damit er die Habsburger schwächt. Sie führen einen Stellvertreterkrieg in diesen Landen und noch sind die Deutschen nicht ausgeblutet, noch kann man ihn Mark aus den Knochen pressen.«

Aus diesen Sätzen klang Bitterkeit und Abscheu – sie war also nicht wie jene, die andere in den Tod schickten. Jukka war erfreut, dass über sie zu wissen. Mochte sie auch eine Fanatikerin sein, so hatte sie doch den Mut, ihre eigene Haut in die Schlacht zu tragen.
Maria sprach weiter zu Salvius: »Und was tut ihr, Hauptmann? Wem habt Ihre Waffentreue geschworen?«

»Auf den ich schwor, der fiel bei Lützen und möge Ruhe beim Herrgott finden, denn sein Sache war gerecht«, sagte Salvius, schlug ein Kreuz und richtete sich auf. Er war stolz, unter Gustav Adolf gedient zu haben, und da er sich in einem protestantsichen Gotteshaus wusste, hielt er auch nicht damit zurück. »Dort traf ich diese vier, gute Männer sind sie und mir treu. So manche Schlacht haben wir uns die Rücken gedeckt.«

»Du verfluchter Dreckskerl!«, fauchte Karl und stieß Hans um. Mit drohender Faust schrie er ihm ins Gesicht: »Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen, soviel Glück hat keiner!«
Jukka, Maria und Salvius sahen zu den drei Glücksspielern. Traurig sagte Salvius: »Das ziellose Vagabundieren macht aus besten Kriegsgenossen üble Ganoven.«

»Isch hab nischtsch gemach«, beteuerte Hans mit hilflos erhobenen Händen.
Peter lachte. »Der Hans im Glück.«

Hans nickte eifrig. »Hab noch gesagt, wir schollen nischt schpielen, aber du wolltescht unbedingt.«

»Weil ich dachte, du spielst mit Glück, nicht mit gezinkten Würfeln. Falschspieler! Dir werd ich den Bauch aufschlitzen!« Mit diesen Worten sprang Karl auf und zog sein Schwert blank.

Sofort sprangen Salvius und Jukka vor, auch Peter, der bisher eher belustigt den beiden Streithähnen zugeschaut hatte, wollte sich vor Hans stellen.

Alle Bewegung erstarrte im nächsten Moment, den ein gewaltiger Knall ging durch die Kirche. Er ließ die Mauern erzittern, dass Staub und Dreck herabfiel; die Fenster klirrten und das Holz der Tür ächzte wie ein herab stürzender Baum.

»Was war das?«, fragte Salvius in die folgende Stille.

»Es klang, als käme es aus den Wänden«, sagte Jukka.

»Unsinn«, schalt ihn Salvius.

»Da! Die Schatten«, rief Karl. »Sie bewegen sich.«

Alle Blicke folgten seinem Finger, der auf den hinteren Teil des Kirchenschiffs wies. Dort kam das Licht des Feuers nicht hin und dunkle Schwärze versperrte den Blick. Und wie es ist, wenn man in die Finsternis starrt: Jeder schien Bewegungen in ihr zu sehen, helle Stellen in der Dunkelheit.

»Da is nichts«, sagte Peter.

»Siehst du es nicht?«, sagte Karl aufgeregt.

»Nur Schatten«, meinte Peter. »Zuviel Fantasie, Kamerad.«

»Ich könnte schwören… Hast du das gehört?« Karl war vor Überraschung zurückgesprungen.

»Stahl auf Stein«, meinte Jukka. Er kannte das Geräusch nur zu gut: Eine Klinge, die über eine Wand oder den Boden gezogen wird. Ohne die Schatten aus den Augen zu lassen, zog er seine Pistolen und spannte die Hähne.

»Die Geschichten sind also wahr«, sagte Maria leise neben ihm. Auch sie nahm ihre Pistolen zur Hand. »Hauptmann, bringt Eure Leute in Positur.«

»Aber gegen was denn?«, fragte Salvius. »Schatten?«

Maria nickte. »Schlimm genug. Aber ich denke, es ist etwas anderes.«

Salvius sah sie einen Moment unschlüssig an. Schließlich rief er: »All’arme!«

Diesem Befehl folgten seine Untergebenen willig und sofort. Hans und Peter liefen zu ihren Hellebarden und richteten sie gegen die Dunkelheit auf der anderen Seite der Kirche. Salvius nahm sein Schwert, zog es aus der Scheide und winkte Peter, mit ihm zu kommen. Nebeneinander gingen sie durch die Bankreihen auf die andere Seite.

»Klingt wie – Schritte.« Peter packte den Griff seiner Hellebarde fester und folgte Schritt für Schritt dem Hauptmann auf die Schwärze zu. Ihre Augen suchten die Finsternis zu durchdringen, und tatsächlich glaubten beide Bewegungen zu erkennen. Und etwas Graues. Auch waren die Geräusche jetzt deutlich zu hören: Schritte, schlurfend kamen sie näher.

»Sind mehrere«, murmelte Peter.

»Sechs. Vielleicht sieben.« Bei diesen Worten sah Salvius von links nach rechts, über die ganze Länge der Schatten – und überall sah er Bewegung. Er glaubte den hellen Stoff von Hemden zu erkennen. War da nicht hellgrauer Stahl zu sehen gewesen? Wieder zog jemand eine Klinge über den Boden, und Funken blitzen.

»Gebt euch zu erkennen!«, forderte Salvius. »Sofort, sonst – und Gott ist mein Zeuge – werden wir uns unserer Haut wehren, wie es das Recht ist eines freien Mannes. Sprecht, wer seid ihr? Gebt Auskunft, damit euch kein Leid geschehe.« Nun zögerte der Hauptmann nicht mehr, Verzagtheit und Furcht waren Wut gewichen; Wut vor den Fremden, die ihr Spiel mit ihm und seinen Leuten trieben. Aber niemand ging so mit ihm um. »Sagt, ob ihr Freund seid. Falls nicht, so wissen wir uns zu wehren und Gott wird uns in seinem Haus behüten!«

In diesem Moment trat die erste Gestalt aus dem Schatten.

»Der Teufel regiert hier!«, entfuhr es Karl bei deren Anblick.

Wie zur Antwort klapperten die Zähne der Gestalt aufeinander. Sprechen konnte sie nicht, denn der Mund fehlte – wie es an ihrem ganzen Körper kein Stück Fleisch gab, denn aus dem Schatten trat das Skelett eines Menschen. Weiße Knochen, Schädel, Hals, Arme, Hände, Beine und Füße steckten in löchrigen Kleidern, zernagt von Ratten und anderem Getier. Doch auch wenn keine Muskeln über den Knochen lagen, so bewegten sich die Glieder, zum Leben gebracht von einer Magie, die den Gebeinen keinen Frieden gönnte. In der Knochenhand hielt die untote Gestalt ein Schwert – und ohne zu zögern schwang sie es zu einem tödlichen Schlag gegen Hautpmann Salvius.

Seine Reflexe, die ihn durch den Krieg gebracht hatte, retteten ihm das Leben, denn während er noch ungläubig auf den Knochenmann starrte, hoben seine Arme den großen Bihänder und wehrten den Angriff ab. Die Erschütterung der beiden Klingen ließ Salvius aus der Starre erwachen. Er hielt sein Schwert gegen das des Knochenmanns. Wirkte die Gestallt auch dürr und zerbrechlich, so schenkte unheilige Magie ihr die Kraft eines starken Kämpfers. So ließ Salvius die Klinge seines Gegners abgleiten, holte aus und drosch dem Skelett sein Schwer gegen den Rücken. Der Knochenmann stolperte nach vorne, fing sich in der perfekten Imitation menschlicher Bewegung, und hob das Schwert zu einem erneuten Kampf.

Zu dem es nicht kam, denn ein Pistolenschuss erklang und eine Kugel zerfetzte die Schulterknochen des Skeletts. Arm und Schwert fielen mit Klirren und Klappern zu Boden. Das Skelett blieb stehen, drehte sich zu der Schützing um – als eine zweite Kugel in den Schädel einschlug und ihn in hundert Splitter zerriss. Der Knochenkörper wackelte und fiel dann zu einem Haufen Gebeine zusammen.

Auf der anderen Seite der Kirche, vor dem Lagerfeuer stand Maria Foscari, aus den Läufen ihrer Pistolen stieg Rauch auf. »Das Zentrum der Magie ist in den Köpfen. Zerstört ihn und ihr zerstört den Dämon.«

»Danke«, sagte Salvius und verbeugte sich vor seiner Retterin.

»Hauptmann«, sagte Peter, der wieder in die Schatten sah. »Da kommen noch mehr!«
Tatsächlich waren immer noch die schleifenden Schritte zu hören – und schon verließen weitere Skelette die Dunkelheit. Vier, fünf und schließlich ein sechster dämonischer Krieger.

»Hans, Karl – zur Tür!«, rief Salvius. »Wir verschwinden von hier. Peter, wir beide sichern den Rückzug.«

»Aye, Hauptmann.« Peter schwang schon die Hellebarde, zielte mit dem Axtblatt am Ende der Stange auf den Schädel des Skeletts, das ihm am nächsten war. Doch der Kochenmann wich dem Hieb aus. Mit einem Schrei stürzte sich Salvius in den Kampf, sein großes Schwert schwingend.

Jukka, der neben Maria am Feuer stand, zielt und gab zwei Schüsse ab – das Ergebnis war ein kopfloser Knochenmann, der ebenfalls zusammenfiel.

Inzwischen war Hans an der Tür, packte die Griffe, zog daran – die Tür rührte sich nicht. Wieder und wieder zog er, warf sich gegen die Tür. Es half nichts. Selbst als Klaus ihm half, blieben die Türen geschlossen. »Wir sind eingesperrt!«, rief Klaus.

»Dann helft uns«, rief Salvius, der mit Peter gegen die fünf verbliebenen Knochenmänner kämpfte.

Klaus bekreuzigte sich, dann lief er schwertschwingend zu seinen Kameraden. Hans zögerte einen Moment, bevor er sich ebenfalls in den Kampf warf.
Maria sah sich um. »Die Fenster!«

Jukka verstand. Er packte eine seiner Pistolen am Lauf, ging zu einem der Fenster und sprang, wobei er mit dem Griff gegen das Glas hieb. Doch das Glas gab nicht nach. Noch einmal und noch einmal schlug er gegen das Fenster, es brach nicht. Die Fenster waren so stabil wie die Mauern.

»Eine magische Barriere.« Maria kümmerte sich nicht um die Kämpfenden, sondern nahm sich ihrer Satteltasche an.

Was immer sie darin auch zu finden hoffte, war Jukka egal. Seine Kameraden waren in Gefahr, und er würde ihnen helfen. Also zog er Rapier und Parierdolch und lief mit großen Schritten zu den anderen.

Waren Salbius und Peter durch die Überzahl der Skelette zurückgedrängt worden, hielten sie jetzt mit Hans und Klaus die Linie. Peter und Hans setzten ihre Hellebarde ein, um die Gegner auf Distanz zu halten. Immer wieder versuchten die Knochenmänner nahe genug heran zu kommen und schwangen ihre Schwerter und Degen. Doch da waren Salvius und Klaus, die diesen Angriffen begegneten – als nun auch Jukka zur Verstärkung kam, war die Anzahl der Kämpfenden ausgeglichen.

Schon bald erkannte Jukka, dass seine Waffen gegen die Gegner nutzlos waren. Denn die einzige Chance gegen die Knochenmänner war die Zerstörung ihrer Köpfe – und Rapier und Dolch waren dazu gänzlich ungeeignet. So konnte Jukka nur abwehren, aber selbst nicht angreifen. Darum stellte er sich zu Salvius und schütze dessen Seite, während der Hauptmann sein Schwert schwang und einen Treffer landete, der ein weiteres Skelett den Garaus machte.

Mit einem Freudenschrei bekundete Klaus das Ende eines weiteren Gegners. Aber es war jener Moment der Unachtsamkeit, den zwei Skelette nutzten. Sie sprangen vor und Hans stieß ihnen seine Hellebarde entgegen – die aber nur ein Skelett aufhielt. Der Degen des anderen fuhr durch die Luft und zerschnitt die Kehle Karls. Blut spritzte auf, färbte den weißen Knochenschädel mit einem roten Schleier. Röchelnd ging Klaus auf die Knie, sah hinauf zu seinem Mörder, der ihn mit rotem Schädel anzugrinsen schien. So endete Klaus‘ Leben.

Vom Tod seines Kameraden geschockt, schrie Hans und rammte wütend seine Hellebarde in den Leib des mordenden Skeletts, was diesem nicht das geringste ausmachte. Die Hellebarde fuhr durch die blanken Rippen, an der Wirbelsäule vorbei – und blieb stecken. Hans zog an seiner Hellebarde, und damit das Skelett zu sich heran. Zähneklappernd holte dieses mit dem Degen aus, um Hans zu töten. Da wischte das Axtblatt einer weitere Hellebarde durch die Luft und trennte den mit Blut benetzten Schädel von den Schultern. Klackernd fiel der Knochenmann in sich zusammen.

Diese Rettung ließ Peter ohne Deckung und diesen Moment nutzte der vorletzte Knochenmann für einen mächten Hieb. Seine Schwert fuhr Peter in die Seite, durchtrennte unterhalb der Rippen Stoff, Haut und Organe. Peter schrie vor Schmerzen, stürzte auf ein Knie und ließ die schwere Hellebarde fallen. Schon holte das Skelett zum Todesschlag aus, da hatte Hans seine Waffe befreit und führte sie gegen den Knochenmann. Sie rangen miteinander, der Knochenmann drosch mit dem Korb seines Degens mit voller Wucht in Hans‘ Gesicht. Blut spuckend, ging Hans zu Boden.

Diese Zeit nutzte Peter, um seine Axt aus dem Gürtel zu ziehen. Mit schwindenden Kräften, auf einem Bein knieend, drosch er die Axt gegen die Beine des Knochenmanns. Das bracht ihn zu Fall. Klackernd schlug er auf den Boden, hieb mit seinem Schwert wild durch die Luft. Peter wehrte die Schläge ab, doch wurde er mit jedem Atemzug schwächer. Lange konnter er sich nicht mehr wehren. Inzwischen hatte sich Hans wieder erhoben, schwang seine Hellebarde wie ein Henkersbeil und spaltete den Schädel des Skeletts. Die Knochen fielen zusammen.

Aus schwerer Wunde blutend, grinste Peter als er beobachtete, wie der letzte Knochenmann von Jukka bedrängt wurde, als Salvius seine Pistole zog und dem Knochenmann eine Kugel durch den Schädel jagte.

»Wir haben gewonnen«, sagte Hans grinsend. Er kniete sich vor Peter hin und deutete auf seinen Mund. »Dieser verfluchte Dämon hat mir doch glatt meinen kranken Zahn ausgeschlagen. Besser als jeder Zahnarzt, so ein Gerippe.«

»Hans im Glück.« Das war das letzte, was Peter sagte, bevor ihn der Tod empfing.
Nach dem Kampf, blickten Salvius, Jukka und Hans auf ihre beiden gefallenen Kameraden. Zwei leblose Körper in einem Chaos von weißen Knochen, Rippen und Kiefern. Jukka schob die Knochen mit seinen Stiefel zur Seite und beugte sich über die beiden Toten. Er sprach leise einige Worte, die der ewige Fährmann hören sollte, um sie im Jenseits zu Gunsten der beiden Kameraden vorzutragen. Dann schloss er die Augenlider der Toten und zog mit seinem Daumen ein Kreuz auf den Stirnen der Toten.

Danach durchsuchte er die Taschen der Gefallenen und entnahm ihnen Geld, Schmuck und anderen Kram. Er trug den kleinen Hauf hinüber zu einer der Sitzbänke und legte es dort ab. Stumm nahm sich zuerst Salvius, dann Jukka, was er begehrte. Hans nahm, was übrig blieb. Schließlich hob Jukka Axt und Schwert der Gefallenen auf. Salvius schüttelte den Kopf. So hielt Jukka beides Hans entgegen. Traurig nahm Hans das Schwert; für Jukka blieb die Axt, die er in seinen Gürtel steckte.

»Wir müssen fort von hier«, sagte Salvius.

»Das wird nicht einfach«, sagte Maria. Die Männer drehten sich zu ihr um. Sie stand nicht mehr am Feuer, sondern vor der Tür – die immer noch verschlossen war, obwohl Maria offensichtlich einiges versucht hatte, um sie zu öffnen. Sie hielt ein Stück Kreide in der Hand, mit dem sie an die Tür magische Symbole gezeichnet hatte, von denen nicht alle christlichen Ursprungs waren. Neben ihr lagenr Hut und Satteltasche, aus der Maria eine kleine Flasche zog. Sie zog den Korken heraus und bespritzte die Tür mit Wasser.

»Weihwasser hilft auch nicht«, murmelte sie mehr zu sich als zu den Männern.

»Ihr kennt euch mit so etwas aus, Signora?«, fragte Salvius mit einem Ton voller Skepsis und Misstrauen.

Den hatte Maria nicht überhört, und so drehte sie sich um und sah den Hauptmann direkt in die Augen. »Ich bin viel gereist und habe viel gesehen. Ihr solltet mir danken, immerhin habe ich euch gesagt, wie ihr diese verfluchte Brut besiegen konntet, Hauptmann. Und wenn ich das so sagen darf: Ich bin Eure beste Chance, den Bann zu brechen, der uns hier gefangen hält.«

»Was war das?«, fragte Hans und zeigte hinter sich auf den Haufen Gebeine. »Welche Hexerei hat unsere Kameraden getötet?«

»Das herauszufinden, bin ich hierher gekommen. Im Dorf hörte ich Geschichten über diese verfluchte Kirche. Der Tod soll umgehen, jeden Reisenden ereilen, wie er den Pfarrer ereilt hat. Was immer diese Skelette hat auferstehen lassen, hält uns auch hier gefangen.«

»Heißt das«, hob Salvius an, »es ist noch nicht vorbei?«

»Nun, wir können immer noch nicht heraus, oder?«

»Immerhin haben wir es der Dämonenbrut gezeigt«, sagte Hans.

Maria sah an den drei Männern vorbei, und ihr Gesicht zeigte große Sorge. Salvius, Hans und Jukka drehten sich um und sahen zu ihrem Staunen und Entsetzen, dass die Knochen der Skelette grau wurden, porös und schließlich zu Asche zerfielen – so auch die Waffen, Degen und Schwerter. Und ein Windhauch, dessen Ursprung so unnatürlich war wie die Knochenkrieger selbst, wehte die Asche zurück in die Schatten. Jedes Staubkorn wurde fortgeweht, hinein in die Dunkelheit.

Salvius sah wieder Maria an. »Wie kommen wir hier heraus?«

»Ich weiß es nicht.«

Salvius wollte etwas erwidern, als ein Geräusch ihn verstummen ließ. Ein Geräusch, dass jedem Lebenden eine Gänsehaut über den Rücken jagte.
Das Schlagen einer Klinge auf Felsboden.

Alle drehten die Köpfe und sahen in die Schatten. Die Schatten, in denen Bewegungen zu sehen waren; die Schatten, aus denen schlurfende Schritte erklangen.

»Sie kommen wieder«, flüsterte Hans mit zitternder Stimme.

»Schafft uns hier raus, Signora!«

»Das kann ich nicht.«

Jukka zog seine beiden Pistolen, zielte und erinnerte sich, sie noch nicht geladen zu haben. Fluchend steckte er sie wieder ein.

»Hier«, rief Marie. »Nehmt meine.« Sie warf ihm ihre Pistolen zu, die er fing. Es waren elegante Waffen, moderne Modelle und hervorragend gepflegt, obwohl Jukka sich gut vorstellen konnte, dass sie oft benutzt wurden.

»Aufstellung, Männer!«

Auf diesen Befehl hin, drehte sich Jukka um und zielte mit den Waffen auf die Skelette, die gerade aus der Dunkelheit traten. Wieder waren es sieben an der Zahl, wieder trugen sie Degen und Schwerter als Waffen. Mit sicheren Bewegungen stiegen sie über die Leichen von Karl und Peter und kamen auf die vier restlichen Lebenden zu.
Hans senkte seine Hellebarde. Salvius, der seine Waffe auch leergeschossen hatte, hob das geflammte Schwert. Jukka hob eine Pistole; ruhig zielte er, gab den ersten Schuss ab. Er wechselte die Waffen – schoss ein zweites Mal. Das Ergebnis waren zwei Knochenhaufen. Fünf weitere Gerippe kamen auf die drei Söldner zu.

Jukka drehte sich um und warf Maria ihre Waffen zu. »Nachladen!«, rief er. Zu seiner Überraschung fing Maria die Waffen nicht auf. Stattdessen zeichnete sie mit ihrer Kreide einen Kreis. Die Pistolen fielen neben ihr auf den Boden, was Maria nicht zu bemerken schien, denn sie murmelte unentwegt, zeichnete mit der linken Hand Symbole in die Luft. In ihren dunklen Kleidern, die offenen schwarzen Haare vor ihr Gesicht fallend, all das beschienen vom flackernden Licht der Feuerstelle, sah sie aus wie eine Hexe bei einer Geisterbeschwörung.

Jukka riss sich von diesem Bild los. Dieses Mal ließ er Rapier und Dolch stecken und zog die Axt, die Peter ihm vermacht hatte. Gegen diese Gegner war sie die bessere Waffe. Ihre Chancen, sich gegen die Knochenmänner zu behaupten, standen jetzt viel schlechter als zuvor, denn die Gerippe waren ihnen zahlenmäßig überlegen – und würden auch nach diesem Kampf unversehrt zurückkehren. Das war aber kein Grund für Jukka aufzugeben. Nein, er schwor sich nicht zu weichen, bis alle Knochenmänner erneut zu Staub zerfielen.

Und so sprang er vor, schwang die Axt und ließ sie gegen das zur Deckung erhobenen Schwert eines Unholds krachen. Jukkas schiere Kraft, ließ den Knochenmann torkeln. Hörte er da ein Knirschen der Knochen, die unter dem Druck nachgaben? Vielleicht hätte Jukka, beseelt von gerechtem Zorn und Mut, wirklich den Sieg in dieser Machtprobe davon getragen, wenn nicht ein weiterer Knochenmann eingegriffen hätte. Jukka musste die Axt als Schutz nutzen und einen Schritt zurückweichen.

So ging es die nächsten Angriffe und Paraden: Wann immer die Kameraden einen Knochenmann zu bezwingen schienen, war ein anderes Skelett bereit sie anzugreifen. Es ging hin und her, Stahl klirrte auf Stahl. Nach einer Weile bluteten Salvius, Hans und Jukka aus mehreren Wunden, und doch gaben sie keinen Zoll nach.

Bis schließlich Maria rief: »Kommt zu mir! Der Kreis wird und schützen.«

Jukka drehte sich nicht um, aber vor sich sah er wieder das Bild von Maria, die den Kreis zog und Beschwörungen murmelte. Und mit einer Sicherheit, als würde er diese Frau schon Jahre kennen, glaubte er ihren Worten. Grunzend stieß er ein Skelett von sich, hatte jetzt genug Raum und drehte sich um. Mit großen Sätzen lief er zur Tür, vor der Maria stand. Sie hatte den Kreis vervollständigt, hatte in ihm Zeichen auf den Boden gemalt. Mit einem letzten Sprung, stand Jukka im Kreis. Er wandte sich zu seinen Kameraden um, die Marias Rat nicht gefolgt waren. »Kommt her!«, rief er ihnen zu.

Hans zögerte nun nicht mehr, sondern schlug mit der Hellbarde einen Bogen, der die Knochenmänner zurückgehen ließ, und diesen Moment nutzten er und Salvius, um Fersengeld zu geben. Geschützt wurden sie von Maria, die wieder schoss. Eine Kugel zertrümmerte einen Totenschädel, doch die zweite Treibladung zündete nicht, die Kugel blieb ungenutzt im Lauf stecken. Maria seufzte enttäuscht. So gut eine Pistole auch war, jeder zehnte Schuss versagte.

Trotzdem schafften es auch Salvius und Hans ohne weitere Verletzungen in den Kreis. Er zog sich von der Tür bis fast zur ersten Bankreihe. Am anderen Ende der Kirche wurde der Altar vom Lagerfeuer beschienen.

»Kommt in die Mitte«, riet Maria und ging voran.

Die Skelette gingen unbehelligt durch die Kirche, doch je näher sie kamen, desto zögerlicher wurden ihre Schritte. Bis sie schließlich vor dem Kreidekreis stehen blieben. Keine Hand, kein Fuß überschritt die Markierung, und auch die Waffen blieben jenseits der unsichtbaren Barriere. Unruhig wie hungrige Wölfe, gingen die Knochenmänner auf und ab, aber der Kreis war ungebrochen und ließ sie nicht ein.

Nach einer Weile dämmerte es den Söldnern, dass sie wirklich in Sicherheit waren.

»Niemand darf den Kreis durchbrechen!«, warnte Maria.

»Was jetzt?«, fragte Hans. »Wir können ja nicht ewig in diesem Kreis sitzen. Wir verdursten oder verhungern. Und diese Gerippe können ewig warten.«

»Habt Ihr noch mehr Magie, Signora?«, fragte Salvius.

Maria schüttelte den Kopf. »Hätte ich, würde ich sie einsetzen. Vorerst ist das unsere beste Verteidigung«, sie wies auf den Kreis, dann hielt sie die Pistolen hoch, »und das.«

»Wir können doch nicht einfach abwarten!«, fuhr Hans auf.

»Erst einmal laden wir die Pistolen nach.« Maria und Salvius folgten Jukkas Rat.
Nur Hans beobachtete argwöhnisch und ängstlich die Skelette, wie sie um den Kreis herum schlürften. Leere Augenhöhlen starten ihn an, Knochenarme schwenkten drohend Degen und Schwerter, Zähne klapperten und grinsten ihn scheinbar höhnisch an. Endlich hörte Hans, wie die Hähne der Pistolen gespannt wurden.

Er wandte sich an Maria: »Können diese Dämonen den Kreis brechen?«

Sie sah ihn einfach nur an.

»Können Sie?«

Jetzt sahen auch Salvius und Jukka ihn still an.

»Oh«, sagte Hans. »Wenn es einen Weg gibt, sollten wir besser nicht darüber sprechen.« Er deutete auf die Knochenmänner. »Sie würden es ja hören.«

Maria nickte und lächelte.

»Was brauchen wir, um hier herauszukommen?«, fragte Salvius.

»Die Quelle des Zaubers«, sagte Maria. »Diese Skelette folgen einem Befehl, sie stehen unter einem Bann. Nur deswegen können sie sich erneuern, wenn sie zerstört wurden.«
»Dieser Bann hält uns auch hier drin gefangen«, sagte Jukka.

Maria warf ihm einen Blick zu, wie ihn ein Lehrer mit einem klugen Schüler tauschen würde. »Richtig. Brechen wir den Zauber, erlösen wir die ewigen Krieger und nehmen den Fluch von diesem Gotteshaus.«

»Aber was ist das für ein Fluch?«, fragte Salvius.

»Ich habe die Dorfbewohner gefragt, doch keiner konnte es mir sagen.«

»Das ist das Ende.« Hans schüttelte traurig den Kopf.

Jukka trat neben ihn, legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Seht«, sagte er.

Alle Blicke folgten seinem Finger. Die beiden Knochenhaufen von den frisch erschlagenen Skeletten, verwandelten sich in Asche. Wieder kam ein kalter Wind auf und blies die Asche in die Schatten. »Bald sind sie wieder vollzählig.«

Auch Salvius und Maria waren aufgestanden. Es war unheimlich, so direkt vor den Knochenmännern zu stehen, nur ein Kreidekreis dazwischen. Es dauerte nicht lange, da traten zwei Skelette aus den Schatten. Aber sie gingen nicht zu ihren dämonischen Kameraden, sondern zu den Sitzbänken. Mit großer Wucht schlugen sie ihre Waffen in die Bänke, hackten längliche Stücke ab.

»Sie machen sich Speere«, sagte Jukka.

»Aber warum? Sie können nicht zu uns herein«, sagte Hans.

»Sie nicht. Aber sie können mit den Speeren nach uns werfen.« Maria blickte auf die Symbole, die sie gezeichnet hat und überlegte, was sie noch tun konnte. Ihr fiel nichts ein.

»Aber wir müssen doch irgendetwas tun können.« Salvius knirschte frustriert mit den Zähnen.

»Der Zauber«, murmelte Maria. »Wir müssen mehr über den Zauber erfahren.«

»Wie?«, fragte Jukka.

»Ich brauche dafür eines der Skelette.«

»Was?«, schrie Hans. »Ich bin froh, dass die uns nicht zu nahe kommen können.«

»Wir können keinen in den Kreis holen«, meinte Jukka.

»Es reicht, wenn ich ihn berühren kann. Nur eine kurze Weile.« Sie nickte, als wolle sie sich damit selbst bestärken. »Das wird reichen.«

»Und wie soll das gehen?« Hans zuckte die Schultern.

»Schützt sie«, sagte Jukka nur. Er nahm Hans die Hellbarde aus der Hand, ging an der Innenseite des Kreises entlang – und stieß mit der Hellebarde plötzlich nach einem Knochenmann. Dieser schlug mit dem Degen nach der Lanzenwaffe, aber beim dritten Versuch verkantete sich das Axtblatt in den Rippen des untoten Skeletts. Mit seiner ganzen Kraft, zog Jukka das Skelett zu sich heran – bis es an die magische Barriere gedrückt wurde. Der Knochenmann wand sich, kam aber nicht von der Hellebarde los.

Maria nutzte die Gelegenheit. Sie streckte die Hand aus und legte ihre nackten Finger in einer seltsam anmutenden Geste auf die Stirn des Knochenmannes. Im ersten Moment erschlaffte dessen Gegenwehr. Reglos ließ er diese Berührung zu. Um plötzlich um sich zu schlagen. Arme und Degen konnte die Barriere nicht duchdringen, aber der Kopf wand sich aus Marias Griff und mit einm Zischen, als hätte sie sich verbrannt, fuhr Maria zurück. Sie torkelte, benommen und verwirrt, und wäre fast aus dem Ring getreten, doch Salvius hielt sie zurück.

»Vorsicht!«

Hans hatte gerufen und sprang zur Seite. Zwei Holzspeere flogen dicht an ihm vorbei. Sie waren grob aus den Sitzbänken geschlagen, aber an der Vorderseite angespitzt. Sie schlugen gegen die Tür und fielen in den Kreis.

Ohne ein Wort, wandten sich die fünf Knochenmänner vom Kreis ab und schlurften zu den Kirchenbänken. Der von Maria berührte, drehte an der Hellbarde, bis sie sich aus seinem Brustkorb löste und zu Boden fiel. Jetzt begannen die Knochenmänner, weitere Speere zu bauen.

»Die spießen uns auf!« Hans war nun bei Salvius und Jukka, die Maria stützten.
Diese hatte sich wieder gefangen, räusperte sich und sagte: »Es hat funktioniert. Ich weiß, wer den den Fluch ausgesprochen hat.«

»Wer?«

»Der Pfarrer. Und dabei wollte er nur Gutes. Diese Kirche wurde in den letzten Jahres immer wieder von Söldnern und Plünderern heimgesucht. Sie kamen ins Dorf, schlugen die Bauern und misshandelten deren Frauen, die Töchter und Söhne. Die Ernten wurden gestohlen und das Vieh getötet. Jahrein und jahraus ging das so, und der Pfarrer sah seine Gemeinde leiden. Nicht einmal die Kirche war den Plünderern heilig. Als eines Sonntags die Gemeinde versammelt war, kamen Landsknechte, stürmten die Messe und schlugen die Baurn und ihre Familien. Sogar den Pfarrer drohten sie mit dem Tod.

Das war genug für den Pfarrer. Er wusste um die alten Bücher in der Bibliothek, und darunter waren Bücher über Hexerei. Verzweifelt studierte er die alten Lehren und Sprüche, lernte Magie und sagte sich, was könne schlecht daran sein, ein Haus Gottes zu einem sicheren Ort zu machen? Einem Ort, an dem seine Gemeinde Schutz finden konnte? Er suchte nach dem richtigen Zauber – und fand ihn. Da kamen eines Tages sieben Landsknechte, ihr Sinn stand nach Raub und Gewalt. Sie hatten gehört, es solle Gold in dieser Kirche zu finden sein. Was sie vorfanden war ein Pfarrer, der zu allem bereit und fähig war. Er belegte seine Kirche mit einem Zauber, auf dass jeder in ihr gefangen werden sollte, der in der Kirche eine Waffe gegen einen Menschen zog. Er und seine Gesellen sollten so lange in der Kirche eingesperrt sein, bis sie keinen Schaden mehr anrichten konnten. Und zu den Vollstreckern seines Fluchs, beschwor er die sieben Landsknechte.«

»Die sieben Gerippe«, sagte Hans mit trockener Kehle.

»Es war Karl«, erkannte Jukka. »Als er den Dolch gegen Hans zog, beim Würfelspiel.«
Maria nickte. »Damit bedrohte er einen Menschen, und der Fluch setzte ein und wird erst enden, wenn wir tot sind. Oder wir diese Kirche und die Landsknechte erlösen.«

»Aber wie?«

»Indem wir den Ursprung des Fluches vernichten. Den Pfarrer.«

»Und wie sollen wir das machen?«, fragte Salvius. Er bemühte sich um einen klaren Kopf, aber die Verzweiflung war ihm deutlich anzuhören. »Wir kommen hier nicht raus.«

»Das brauchen wir auch nicht«, sagte Maria. »Der Pfarrer ist in der Kirche. Er liegt unter dem Altar.«

»Wie das?«

»Er wurde ermordert. Lange Zeit ging der Zauber gut, denn der Pfarrer war ein umsichtiger Mann. Er ließ verkünden, wertvolle Kunststücke würden in der Kirche aufbewahrt werden, überall erzählte er es herum. Dies kam auch den Plünderern zu Ohren, die in der Nähe waren und so begannen sie ihre Raubzüge in der Kirche, nicht im Dorf. Sie kamen hierher und starben. Lange ging das gut, bis eines Sonntags die Gemeinde zur Andacht versammelt war. Der Pfarrer stand auf der Kanzel, predigte wie jeden Sonntag.

Dann entließ er seine Schafe und die Bauern verließen das Gotteshaus – und wurden draußen von einer Gruppe Plünderer überrascht. Diese trieben die Dörfler zusammen, hielten sie gefangen. Der Anführer und sein Adjutant gingen in die Kirche und forderten vom Pfarrer die Schätze. Doch der Pfarrer war nicht allein. Der Junker dieser Gegend war ebenfalls in der Kirche, und er zog das Schwert gegen den Anführer der Plünderer.

Vermutlich wollte er ihn gefangen nehmen und gegen die Dörfler eintauschen, den Abzug der Plünderer so erzwingen. Der Pfarrer wollte ihn von dieser Tat abhalten, doch es war zu spät. Plünderer und Junker zogen ihren Waffen – und der Zauber setzte ein. Durch die Fenster der Kirche sahen die draußen verbliebenden, wie der Junker und die anderen starben. Nur der Pfarrer blieb verschont.

Als er nach den Morden aus der Kirche trat, flohen die Plünderer. Aber die Dörfler sahen in dem Pfarrer nicht mehr den Mann Gottes, sondern einen Hexer. Sie erschlugen ihn vor der Schwelle seiner Kirche. Nicht innerhalb des Gotteshauses, so hatte der Zauber nicht die Macht, den Zauberer zu schützen. Nun standen die Dörfler mit dem toten Pfarrer und der verhexten Kirche da. Es fanden sich zwei Männer, die die Leiche des Pfarrers hinein brachten. Sie legten die Leiche unter den Altar. Dort gibt es einen geheimen Raum, in dem der Pfarrer das Altarkreuz und andere Reliquien aufbewahrte. Sicher vor Plünderern.«

Maria beendete ihre Erzählung. Alle schwiegen. Das Zerschlagen der Kirchenbänke war so laut zu hören wie die stärksten Donnerschläge.

»Aber wenn der Pfarrer tot ist, warum ist sein Zauber intakt?«, fragte Jukka.

»Er wurde nicht in heiliger Erde bestattet.«

»Aber wie sollen wir das machen, wenn wir hier nicht raus können?«

»Wir müssen ihn verbrennen«, sagte Maria. »Feuer reinigt und sollte den Zauber zerstören.«

»Sollte?«, fragte Salvius.

»So sagt es die Kunst.« Maria lächelte vielsagend.

Hans blickte in den Kirchenraum. »Was immer wir tun, wir sollten uns beeilen, bevor die verfluchten Gerippe uns mit ihren Speeren totschlagen.«

Jukka sah Salvius an.

Dieser zuckte schließlich mit den Schultern. »Klingt besser, als hier herumzusitzen. Die Skelette kehren zwar wieder, sobald sie zu Asche zerfallen, aber das braucht Zeit. Wir gehen raus und schießen so viele ab wie möglich. Dann gehen Sie, Signora Foscari, so schnell wie möglich zum Altar. Wir kümmern uns um die verbliebenen Skelette. Sie müssen sich beeilen, Signora, denn wenn die Skelette wiederkehren, sind sie uns sieben zu drei überlegen.«

»Ich verstehe.« Sie durchwühlte ihre Satteltasche, zog eine kleine Flasche heraus und steckte sie unter den Miedergürtel.

»Männer«, wandte sich Salvius an seine Kameraden und zog die Pistole. »Seid ihr bereit?«

»Bereit«, knurte Jukka und hob seine Pistolen hoch.

»Vielleicht hätte ich doch zum Zahnarzt gehen sollen«, murmelte Hans, zog aber das Schwert, das er von Karl geerbt hatte.

»Andiamo!« Mit gezückten Pistolen schritt Maria zwischen den Söldnern durch und überschritt den Kreis. Die verhexten Landsknechte spürten augenblicklich, dass ihre Beute den schützenden Kreis verlassen hatte, und ließen von den Bänken ab. Sie schwangen ihr Waffen und hoben sie zum letzten Kampf. Maria ging weiter auf sie zu, wartete, ging weiter, zwischen den Sitzbänken hindurch auf den Altar zu. Da waren zwei Skelette fast heran, als sie endlich zielte und zwei Schüsse abgab. Die beiden Knochenmänner fielen mit zerstörten Schädeln zusammen. Maria steckte die rauchenden Pistolen ein, griff nach hinten und zog ihre beiden langen Messer.

Als weitere Skelette sich näherten, krachten Schüsse und drei Skelette fielen.
Jetzt lief Maria los. Hinter ihr griffen Jukka und Hans ein Skelett an, während Salvius seinen Bihänder gegen den letzten Gegner schwang.

Maria kam am Altar an, steckte die Messer weg und suchte nach einem Mechanismus, um den Altar zu bewegen. Sie stemmte sich gegen ihn, doch der schwere Steinaltar bewegte ich keinen Deut. Mit den Händen tastete sie die Oberfläche ab, ging um ihn herum, aber sie fand keinen Hebel, keinen Knopf – nichts!

Das konnte nicht sein, sie wusste, dass sich der Altar bewegen ließ, hatte es in den Erinnerungen des verfluchten Landsknechts gesehen, als wäre es ihre eigene schmerzvolle Erinnerung. Die beiden Männer hatten den toten Pfarrer hierher gebracht, hatten die Leiche niedergelegt und als der Altar zur Seite schwenkte, hatte der Bauer ihn in die Erde gelegt. Der eine Bauer! Es war nur einer am Altar gewesen, und der zweite hatte den Mechanismus in Gang gesetzt. Aber er war nicht am Altar gewesen. Wo? Wo hatte er gestanden? Maria versuchte sich das Bild zurück zu rufen, forschte in Erinnerungen, die nicht die ihren waren und schon zu verblassen begannen. An der Kanzelsäule hatte der zweite Mann gestanden.

Maria sprang auf und sah mit Entsetzen, sie hatte viel mehr Zeit verschwendet als gedacht. Aus den Schatten traten sechs Knochenmänner, und gerade jetzt köpfte Salvius den siebten. Ohne noch mehr Zeit zu verlieren, rannte Maria zu der Säule, die die Kanzel stützte, von der der Pfarrer zu seiner Gemeinde gepredigt hatte. Ihre Finger schlugen gegen die Verschalung – und sie fand eine Hohlstelle. Sie öffnete den Riegel, griff hinein und zog einen Hebel um. Hinter ihr hörte sie, wie sich der Altar knirschend zur Seite schob!
Sie gönnte sich nur einen kurzen Blick auf den Kampf, der um sie herum tobte. Alle um einen Kopf überragend, hieb Jukka wie ein Berserker auf die Skelette ein, seine Lippen zu einem tollwütigen Grinsen verzogen. Hans wich Schritt für Schritt zurück, konnte nicht mehr tun als sich die Angriffe vom Leib zu halten, fand keine Gelegenheit für einen Angriff.

In dem Moment, als Maria – bereits zum Altar laufend – zum Hauptmann Salvius blickte, wurde er von einem Skelett angesprungen, ein zweites parierte den Schlag von Salvius‘ Schwert und ein drittes stach ihm einen Degen in die Seite. Der Hauptmann war verloren und kämpfte doch bis zum letzten Atemzug. Sein Tod riss eine Lücke in die Mauer, die Jukka und Hans nicht würden schließen können. Jetzt war niemand mehr zwischen Maria und zwei Knochenmännern, die sie schon ins Auge gefasst hatten.

Da erreichte Maria den Altar. Ohne zu überlegen, sprang sie zu dem Leichnam hinab. Bis zu den Schultern stand sie in der geheimen Grube, ihre Stiefel auf dem verwesten Körper des Pfarrers. Der süßliche Gestank der Leiche raubte ihr schier den Atem. Er trug immer noch das Ornat, in dem er seine letzte Predigt gehalten hatte. Ein Mann, der seine Schafe mit Wölfen hatte beschützen wollen – und von der eigenen Herde gerichtet worden war.
»Ruhet in Frieden«, sagte Maria. Sie kniete sich auf die Brust des Leichnams, zog die Flasche, die sie aus der Satteltasche gezogen hatte, hervor und schüttete den Inhalt auf den Pfarrer. Hinter und über sich hörte sie die schleifenden Schritte von Skeletten. Wie nahe waren sie? Hatten sie ihre Schwerter zum tödlichen Schlag erhoben?

Maria spannte den Hahn einer Pistole, hielt das Schloß an die beißend riechende Flüssigkeit und drükte ab. Pyrid und Reibrad ließen einen Funken springen, heiß genug um die Flüssigkeit zu entzünden. Maria verbrannte sich die Hand, während sich die Flammen durch das Ornat in die Leiche fraßen. Sie sprang auf, zog sich aus der Grube, kam auf die Füße und zog die langen Messer.

Das war nicht mehr nötig. So wie der Leichnam des Pfarrers von den Flammen verzehrt wurde, so vergingen auch die Skelette in einem magischen Feuer, das ihre Knochen verzehrte und sogar ihre Waffen fraß. Für einen langen Moment konnte man glauben, sieben Scheiterhaufen würden in dieser unheiligen Kirche stehen. Flammen schlugen zur Kirchendecke, entwickelten aber keinerlei Rauch oder Ruß, nicht einmal fühlbare Hitze. Endlich erloschen sie, von sich selbst verzehrt und zurück blieb – nichts.

Maria schloss die Augen, betete stumm für die erlösten Seelen.

Ein mächtiger Knall ließ die Kirchenmauern erbeben und die Türen schwangen von selbst auf. Draußen fiel der Regen in der Nacht. Frische, kühle Nachtluft fuhr in die Kirche und es schien, als vertriebe sie den modrigen Geruch von Jahren.

Jukka und Hans standen an der Leiche ihres Hauptmanns, dem letzten Opfer der vom Pfarrer verfluchten Landsknechte. Maria trat zu ihnen, als sie – wie es ihre Gepflogenheit war – die Habseligkeiten des Hauptmanns aufteilten. Jukka bot ihr an, sich einen Teil zu nehmen, doch sie lehnte ab. Hans nahm die Pistole des Hauptmanns; das Schwert jedoch, den schönen Bihänder, wollte keiner der beiden.

Die drei Überlebenden warteten auf den Morgen.

Der Regen verebbte und im ersten Grau des aufziehenden Tages vergruben die Söldner ihre gefallenen Kameraden hinter der Kirche. Das Schwert des Hauptmanns diente ihnen als Graubkreuz, der Barrakuda stolz in den Himmel blickend. Maria sprach ein Gebet.
Schließlich warf Maria Foscari ihre Satteltasche über ihr Pferd, einen stolzen Palomino-Hengst, der die ganze Nacht auf seine Reiterin gewartet hatte. Maria tätschelte seine Flanke, machte die Satteltasche fest und schwang sich in den Sattel. Sie sah auf Jukka und Hans hinab, die neben dem alten Esel standen, der ihre Habseligkeiten trug. »Gott sei euer Begleiter«, sagte sie.

»Danke. Auch Euch eine gute Reise«, gab Hans zurück.

Jukka sah Maria eine Weile schweigend an. »Nach Osten wollt Ihr, Signora?«

Sie nickte.

»Eine lange Reise, wie ich vermute.«

»Ihr vermutet richtig, mein Herr.«

Jukka zog die Axt aus seinem Gürtel und wog sie in seinen Händen. »Seht, ich habe diese Axt geerbt, und gegen verfluchte Unholde leistet sie gute Dienste. Da denke ich mir, eine lange Reise in den Osten ist genau was es braucht, damit sie weitere gute Dienste leisten kann.«

Maria lächelte. »Gute Gesellschaft ist mir stets willkommen.«

»Schön. – Hans, was ist mit dir?«

»Nein danke. Ich suche mein Heil lieber im nächten Wirtshaus.« Hans trat neben Jukka und flüsterte ihm ins Ohr: »Diese Frau ist mir nicht geheuer. Lass es dir gesagt sein, Kamerad, wer bei der bleibt erlebt Dinge, für die wir einfachen Söldner nicht gemacht sind.«

»Das will ich doch hoffen«, gab Jukka zurück. Vom Rücken des Esels nahm er einen Beutel mit seiner Habe. »Nimm den Esel und mach dir eine gute Zeit, Hans. Gott mit dir.«

»Und mit dir, Jukka. Ich fürchte, du kannst es mehr brauchen als ich.« Hans verneigte sich vor Maria. »Gute Reise, Signora.«

Maria nickte zum Abschied und ließ ihren Hengst Schritt gehen.

Hans winkte ihr und Jukka hinterher, bis sie im Wald nicht mehr zu sehen waren – die Hexe und der Söldner. Er kratzte sich am Kinn, entschied sich aufs Geratewohl für eine Richtung, nahm die Zügel des Esels und ging seiner eigene Wege.

An diesem Morgen malte die Dämmerung die verfallene Kirche in Licht wie Honig und die schweren Wolken glühten wie vom Kaminfeuer beschienenes Bernstein.

© 2012 Ulli Schwan