Kurzgeschichte: Die Schöne und das Biest

Diese Kurzgeschichte entstand aus einem Projekt, das ich mit Schreibfreunden betrieb. Für jede Geschichte wurden vier Wort vorgegeben, und diese mussten in einer Kurzgeschichte von einer bis zehn Seiten vorkommen, egal an welcher Stelle. Die Geschichte musste in zwei Wochen fertig sein. Eine einfache Übung, wie ich sie jedem ans Herz legen kann, der mal testen will, ob er Interesse am schreiben hat.

Die Schöne und das Biest

 

Ein junger Prinz ritt einst vom Walde in ein Dorf. Es war bitterkalt, da der Mond am Himmel stand und die Sonne schon eine gute Weile untergegangen war. So sehnte es dem Prinz nach Wärme und er kehrte in das Gasthaus am Dorfrande ein. Als sein Pferd versorgt und er satt gegessen hatte, setzte er sich ans Feuer und streckte seine Zehen der Wärme entgegen. Da der Prinz nun der einzige Gast war, gesellte sich der Wirt alsbald zu ihm und schmauchte seine Pfeife, was ihm die Wirtin in der eigenen Wohnung verbat. So saßen die Herren am Feuer und sinnierten.

»Was führt Euch zu uns, junger Herr?«, fragte der Wirt.

»Ach, es ist die Suche nach meinem Bruder«, seufzte der junge Prinz. »Lang schon hat er seine Familie verlassen und der Mutter tut das Herz weh, und dem Vater auch, dass wir nichts von ihm gehört seit einem vollen Jahre. Also ritt ich nun los, seinem Weg zu folgen.«
»Und zu uns führte euch euer Weg?«, fragte der Wirt. Nur zu gut kannte er die Schmerzen der Eltern, hatte er doch seine beiden Söhne im langen Kriege verloren. Was würde er nicht geben, sie zurück am eigenen Herd zu wissen.

»Ja, hierher führt die Straße, die mein Bruder vor so langer Zeit bereiste«, erwiderte der Prinz. »Doch nun weiß ich nicht mehr weiter. Niemand scheint ihn zu kennen.«

»Was trieb ihn hierher?«, fragte der Wirt.

»Er schrieb einen Brief von seiner Verlobung. Mit der schönsten Frau der Welt hatte er den Eheschwur gesprochen. Ein Schloss soll sie besessen haben, geerbt von ihrem verstorbenem Mann. Doch lag ein Schatten auf der sonstigen Schönheit, denn ein Biest suchte das Schlosse der Frau heim, und erst wenn dies besiegt, wollte die Gräfin ihn heiraten. Dass war das letzte, was wir von ihm hörten.«

»Ein Biest und eine schöne Frau? Jaja, ich weiß von wem Ihr sprecht.«

»Ihr wisst es!« Der junge Prinz sprang auf und wäre sofort aus dem Gasthaus gestürmt, hätte er nur gewusst, wohin. »Wo ist sie? Wer ist sie?«

»Die Gräfin dieses Landes«, sagte der Wirt mit dunklem Blick. »Eine Schönheit, aber von dunkler Pracht. Ein Fluch ruht auf ihrem Haus, das eben das genannte Biest sie heimsucht, immer zur Nacht durch unsere Wälder schleicht und jeden packt und zerreißt, der sich ihm in den Weg stellt.«

»So ist dies der Ort, den mein Bruder aufgesucht! Schnell, führt mich zu der Gräfin!«

»Nein! Nicht heute Nacht. Junger Herr, ein Jahr habt ihr gewartet, so ruht noch diese Nacht, auf dass ihr die Reise unbeschadet übersteht, denn diese Nacht ist wohl das Biest unterwegs. Morgen will ich euch den Weg weisen. Doch für nun: Gute Nacht!«

So ging der Wirt in sein Schlafgemach und der Prinz in sein Zimmer. Allein, der Schlaf wollte nicht zu ihm kommen, zu rasend waren die Gedanken an seinen Bruder und zu stark drückte das Herz vor Liebe zu jenem, dessen Schicksal er erkunnden wollte.

Bei Sonnenaufgang war der Prinz fertig zu Reise und der Wirt hielt Wort und zeigte ihm den Weg zur Gräfin. Dieser führte durch den dichtesten Wald, auf dem schmalsten Wege. Ein komischer Weg, den niemand geht, dachte der Prinz. Doch da fand er schon das Schloss vor sich und ritt an die Pforte. Er klopfte und ihm wurde aufgetan. Zu seiner Überraschung nicht von einem Dienstboten, sondern von der Gräfin selbst. Sie war wahrlich schön anzuschauen, mit blondem Haar und grünen Augen stand sie elegant vor ihm und bat ihn ein. Sie sagte, er solle vorgehen und auf sie im Esszimmer warten, was er tat. Das Schloss war groß und nur im Esszimmer brannte ein Feuer, alle anderen Räume waren leer und kalt. Bald schon trat die Gräfin zu ihm und bot ihm Käse und Brot zum Essen an.

»Wo ist Eure Dienerschaft?«, fragte der junge Prinz.

»Das Biest hat sie vertrieben«, sagte die Gräfin.

»Kanntet Ihr meinen Bruder?«, fragte der junge Prinz.

»Wir liebten uns«, sagte die Gräfin.

»Wo ist mein Bruder?«, fragte der junge Prinz

»Das Biest hat ihn getötet«, sagte die Gräfin.

Der Prinz sprang auf, sein Herz setzte einen Schlag aus. »Wie ist das passiert?«

»Dieses Biest sucht mich heim, seit ich eine Witwe wurde«, sagte die Gräfin und seufzte.

»Viel zu jung war, ach, viel zu jung.« Als der junge Prinz ihr Gesicht sah, von Gram überschattet und feucht von Tränen, erwärmte sich sein Herz und er trat zu ihr, um sie zu trösten. Er nahm ihre Hand, und sie fasste neuen Mut und sprach: »Als mein Ehemann starb, erschien das Biest und suchte die Ländereien heim. Es tötete die Bauern und manchen Diener. Dies sprach sich herum und Jäger und Edelleute kamen, um das Biest zu stellen – keinem gelang es. Sie wurden verwundet und zogen ab oder starben im Kampf. So geht es gut zehn Jahre und alle haben mich verlassen. Bis Euer Bruder kam und ich hatte Hoffnung, er würde mich und mein Gut befreien. Doch auch er fiel, hingestreckt von dem Bieste!«

»So will ich das Biest bezwingen, Euch zum Glück und meinem Bruder zur Rache!«, rief da der junge Prinz im heißen Zorn, nicht gedenkend seinen Eltern, deren zweiten Sohn er der Gefahr übergab.

»Wollt Ihr es wirklich wagen?«

»Ich will!«

»Sollte Euch gelingen was niemandem bisher gelungen?«

»Es soll!«

»So ist dies abgemacht?«

»Es ist!«

Und so warteten der junge Prinz und die Gräfin, beobachteten den Lauf der Sonne, die dem Prinz zu lang am Himmel stand. In ihrem Licht leuchtete das Antlitz der Gräfin, und der Prinz verstand, dass sein Bruder für diese Frau so viel gewagt, war ihm dasselbe doch ein leichtes aus gleichem Grund. Und noch mehr! Zahlen sollt die Bestie den Tod des Bruders, den hingemordet sie hatte.

Und die Nacht kam, die Sonne versunken und der Mond strahlend. Nur als der junge Prinz wollte aus dem Schlosse treten, kam die Gräfin mit einem Geschenk. Ein Gürtel war’s von grobem Leder, doch mit goldener Schnalle. »Meinem Mann er einst gehörte, und Kraft er ihm gab, so schwor er es mir. Wenn er sich so gegürtet, die Kraft von drei Männern er in seinen Muskeln spürte.«

»Ein gutes Geschenk«, sagte der junge Prinz und legte den Gürtel an; und wirklich, er spürte die Kraft sich steigern, die Muskeln wurden mächtig wie die eines Bären. So nahm er Speer und Schwert und trat hinaus. »Gegürtet und gewappnet solcher Maßen, das Biest wird zahlen für seine Taten!«

Die Gräfin winkte ihm von der Tür, die sie daraufhin verschloss. Frohen Mutes schritt der junge Prinz aus, rief sogar übermütig nach dem Bieste, das zum Kampf es sich wagen sollte. Hörte er es nicht zwischen den Bäumen? Sah er es nicht laufen zwischen den Schatten? »Es will fliehen«, sagte sich der junge Prinz und lief hinter her. Schnell lief das Biest, doch der Prinz war schneller, der Gürtel ließ seine Beine fliegen. Er sprang über Stein und Wurzel, dem Bieste auf den Fersen. Nur war das Biest bekannt mit dem Wald, und trickste ihn so aus. Doch wieder sah er es und wieder verlor er die Fährte.

Als zum dritten Mal das Biest er sah, war es ihm zu bunt und er schleuderte den Speer. Durch die Luft fuhr dieser und dem Bieste in den Pelz. Klagend fiel das Biest zu Boden und lachend lief der junge Prinz zu seiner Beute. Er hob das Schwert zum Schlag, dem Bieste den Garaus zu machen. Da verharrte er, starr vor Schrecken, denn das Biest verwandelte sich. Sein Pelz verlor es und seine Klauen und Hauer und vor dem jungen Prinz lag sein Bruder, der lang vermisste. Der Speer stack vom Rücken bis zu Brust dem verlorenen Bruder im Körper, ihn vom Leben zum Tode verdammend.

»Bruder!«, rief der junge Prinz. »Was habe ich dir getan? Versündigt habe ich mich an dir.«

»Nicht du hast gesündigt, sie war es«, sagte der Bruder.

»Getötet habe ich dich«, rief der junge Prinz.

»Nicht du hast mich getötet, sie war es«, sagte der Bruder.

»Beweinen werde ich dich«, rief der junge Prinz.

»So tust du, was sie nie getan.«

Da sah der junge Prinz, was sein Bruder am Leib trug als einziges Kleid: Einen Gürtel aus grobem Leder mit goldener Schnalle, so wie er selbst von der Gräfin geschenkt bekommen hatte. »Hat die Gräfin uns verflucht, Bruder?«

»Das hat sie – so wie jeden Mann, der zu ihr kam. Heiraten will sie keinen, auf dass sie ihr Land und Gut nicht verliert. So macht sie jeden in sich verliebt, um ihn dann zu beschenken. Doch das Geschenk ist ein Zauber, der jeden Mann zu einem Bieste macht. Ich tötete den, der vor mir von ihr verhext. So kam der Zauber auf mich und ein Jahr lang lief ich als Biest durch den Wald, der Sprache und des Verstandes unfähig. Keine Liebe zu anderen Menschen empfand ich, keine Reue, wenn ich sie mordete wie die schlimmste Kreatur es mit den Tieren tut. Doch nun werde ich scheiden, und was mich am meisten reut, ist, dass du meinen Platz einnehmen wirst.«

Der junge Prinz weinte, wiegte den sterbenden Bruder in seinen Armen. »Gibt es nichts, dich zu retten?«

»Meine Rettung ist der Schnitter«, murmelte der Bruder. »Und ich sehe schon seine Sense glitzern. Auch dich zu retten ist zu spät, denn du hast Menschenblut an deinen Händen und so wirst auch du zum Biest. Nur eines bleibt noch: Einem anderen unser Schicksal zu ersparen. So gehe ins Schloss und töte die Gräfin, auf das niemand sonst mehr ihrem Zauber erliege. Schnell, denn diese Nacht noch bist du ein Mensch. Mit dem ersten Sonnenstrahl aber wirst du zur Bestie.«

»So wird es geschehen«, versprach der junge Prinz.

»Dass ich dein Gesicht noch einmal sehen durfte«, waren die letzte Worte des Bruders, gesprochen mit feuchtem Auge.

Der junge Prinz hielt seinen Bruder, bis der Schnitter ihn geholt. Dann legte er den kalten Körper ab und nahm sein Schwert. Mit dunklem Blicke ging er zur Tür und klopfte. Doch die Tür blieb verschlossen.

»Wer will hinein?«, fragte die Gräfin.

»Mach auf, so will ich es dir sagen«, sagte der junge Prinz.

»Ist es ein guter Geist?«, fragte die Gräfin

»Mach auf, so will ich es dir sagen«, sagte der junge Prinz.

»Ein böser Geist soll draußen bleiben im dunklen Wald«, sagte die Gräfin.

»So will ich die Dunkelheit in euer Schloß bringen«, sagte der Prinz und hieb mit der Kraft des Gürtels sein Schwert so gegen die Tür, dass sie zersprang. Die Gräfin war erschrocken und wollte fliehen, doch er holte sie ein und drohte, ihr den Kopf abzutrennen.

»Verschont mich um unserer Liebe willen!«, rief sie ihm entgegen.

»Schonen werd ich euch vor dem Schicksal derer, die euch geliebt. Und schonen werde ich alle, die euch noch lieben wollen«, sagte der junge Prinz.

Da lachte die Gräfin. »Nur meine Augen und Haare haben sie geliebt, aber niemals mich. Mein Land wollten sie und mein Gut, aber niemals mich. Wohlerzogen und fügsam wollten sie ihr Frau, aber niemals mich.«

»Mein Bruder hat euch geliebt.«

»Das sagte er mir in der ersten Stunde, in der mich sah. Nur mein Gesicht kannte er, aber nicht meine Seele. Eine Liebe ohne Tiefe möcht ich meinen, wenn sie nur den schönen Schein beschaut.«

»Liebe ist der Schein nicht wichtig!«, sagte der junge Prinz.

»Nur um ihn geht es. Und um dies zu beweisen, mögt ihr nur dem Scheine nach zum Bieste werden, euer Wesen aber bleibe liebenswert! Findet eine Frau, die den Mann im Bieste heirate, so möge sie deine Freiheit sein!«, woraufhin die Gräfin lachte.

Und der junge Prinz sein Worte hielt.

Seinen Bruder begrub er.

Die Gräfin verbrannte er.

Und als die Sonne aufging, spross ihm das Fell der Bestie und wuchsen ihm die Krallen und die Hauer der Bestie. Nur sein Verstand blieb der eines Menschen und sein Herz blieb das seine. Zu seinen Eltern kehrte er nicht zurück, sondern verschloss sich vor aller anderen Blicke in dem Schloss der Gräfin. Hier wartete er auf den Beweis, dass Liebe ist der Schein nicht wichtig.

Er wartete Jahr um Jahr. Jahr um Jahr.

Bis eines Abends Besuch zu seinem Schlosse kam. Ein großer Sturm wütete, und so suchte ein Kaufmann Schutze vor dem Unwetter. Müde und fröstelnd hatte der Kaufmann bereits die Hoffnung aufgegeben, noch vor Einbruch der Nacht ein Wirtshaus zu finden, als er das Schloss des jungen Prinzen beleuchtet zwischen den Bäumen wahrnahm.

„Hoffentlich können sie mich aufnehmen“, dachte er zuversichtlich, aber als er am Tor eintraf, sah er, dass es offen stand, doch so laut er auch rief, niemand antwortete ihm. Er fasste sich ein Herz und trat laut rufend ein. Im großen Saal war auf einem langen Tisch ein üppiges Abendessen angerichtet, das von zwei Kerzenleuchter beschienen wurde. Der Kaufmann zögerte eine Weile, aber als sich trotz seiner Rufe niemand meldete, setzte er sich und verzehrte heißhungrig das reichliche Mahl. Neugierig stieg er dann in das Obergeschoss: An einem langen Flur lagen wunderschöne Säle und Zimmer, in einem knisterte ein munteres Feuer und ein weiches Bett schien ihm zum Ruhen einzuladen.

Es war schon spät und der Kaufmann ließ sich gern verführen; er legte sich ins Bett und fiel in einen tiefen Schlaf. Am Morgen weckte ihn ein Sonnenstrahl, der durch das offene Fenster fiel. Neben ihm standen ein silbernes Tablett mit einer Kanne dampfenden Kaffee und Früchten. Der Kaufmann frühstückte und kleidete sich an, dann ging er nach unten, um seinen Großzügigen Gastgebern zu danken. Da fiel ihm das Versprechen ein, dass er Bella gegeben hatte, seiner Drittgeborenen, und er bückte sich, um eine Rose zu pflücken.

Plötzlich kam aus dem Rosenbusch eine grauenvolle Bestie hervor, edel gewandet, aber mit blutunterlaufenen Augen, die ihn zornig und drohend anstarrten, und eine furchtbare, tiefe Stimme schreckte ihn auf: „Du undankbarer Mensch! Ich habe dich aufgenommen, du hast an meinem Tisch gesessen, in meinem Bett geschlafen, und zum Dank stiehlst du meine Lieblingsblumen? Töten werde ich dich für diese Missetat!“

Der Kaufmann flehte: „Verzeih mir! Verzeih mir! Lass mir mein Leben! Ich werde alles tun, was du verlangst! Die Rose war nicht für mich, sie war für meine Tochter bestimmt, der ich versprochen hatte, sie ihr von meiner Reise mitzubringen!“ Die Bestie zog die Pranken von dem Unglückseligen zurück: „Ich werde dich ziehen lassen, wenn du mir deine Tochter bringst!“ Der verängstigte Kaufmann versprach, nachdem ihm bei Nichtbefolgung der Tod angedroht war, dem Befehl zu gehorchen.

Als er weinend heimkehrte, wurde er von seinen drei Töchtern empfangen, und nachdem er sein schreckliches Abenteuer erzählt hatte, beruhigte Bella ihn sofort: „Vater, ich werde alles für dich tun! Mach die keine Sorgen, du kannst dein Versprechen halten und dein Leben retten! Bring mich zum Schloss, ich werde dort an deiner Stelle bleiben!“

Der Vater umarmte seine Tochter: „Ich habe nie an deiner Liebe gezweifelt. Ich danke dir, dass du mein Leben rettest. Hoffentlich…“

So wurde Bella zum Schloss geleitet und die Bestie empfing das junge Mädchen auf eine gänzlich unerwartende Weise: Anstatt ihm wie ihrem Vater mit dem Tod zu drohen, war sie sehr freundlich. Bella, die anfangs Widerwillen empfunden hatte, wurde sich mit der Zeit bewusst, dass sie sich nicht mehr vor dem Biest ekelte. Man hatte ihr das schönste Zimmer des Schlosses zugewiesen, und sie saß stundenlang neben dem Kaminfeuer und stickte. Die Bestie ruhte neben ihr und beobachtete sie schweigend. Aber mit der Zeit begann sie, dem Mädchen ab und zu ein paar nette Worte zu sagen, und Bella wurde sich zu ihrem Erstaunen bewusst, dass die Gespräche ihr Freude machten.

Die Zeit verging und die Vertraulichkeit zwischen den beiden so unterschiedlichen Wesen wuchs, bis die Bestie eines Tages wagte, Bella um ihre Hand zu bitten. In ihrer Überraschung wusste Bella anfangs nicht, was sie antworten sollte.

Ein so grauenvolles Monstrum heiraten? Eher wollte sie sterben! Aber sie wollte nicht beleidigen, wer so freundlich zu ihr gewesen war, und konnte auch nicht vergessen, dass sie und ihr Vater nicht getötet waren.

„Ich kann nicht einwilligen“, begann sie mit einer zitternden Stimme, „ich möchte gerne…“
Die Bestie unterbrach sie mit einer ungeduldigen Gebärde: „Ich verstehe, ich verstehe! Ich hege deswegen keinen Groll gegen dich!“ In der Tat nahmen sie ihre alten Gewohnheiten wieder auf. Eines Tages schenkte die Bestie ihr einen Zauberspiegel: Wenn Bella in ihn hineinschaute, konnte sie ihre ferne Familie sehen. „So wird Eure Einsamkeit weniger drückend!“ waren die Worte, mit der diese Gabe überreicht wurde.

Bella verbrachte viele Stunden vor dem Spiegel, aber dann begann sie sich Sorgen zu machen, und eines Tages fand das Biest sie in Tränen aufgelöst vor dem Zauberspiegel sitzen. „Was ist geschehen?“, fragte es besorgt wie immer. „Mein Vater ist schwerkrank und liegt im Sterben! Oh, ich möchte ihn so gerne noch einmal sehen!“ „Das ist unmöglich!
Ihr werdet das Schloss nie verlassen!“ Die Bestie schüttelte den Kopf und entfernte sich wutschnaubend. Doch bald kehrte sie zurück und verkündete mit ernster Stimme: „Wenn Ihr bei dem Liebsten, das Ihr auf der Welt habt, versprecht, dass Ihr in einer Woche wieder hier sein werdet, lasse ich Euch zu Eurem Vater gehen!“ Bella war sich ihr glücklich zu Füßen. „Ich verspreche es, ich verspreche es!

Wie gut Ihr seid! Ihr habt eine treue Tochter glücklich gemacht!“

Der Vater, der hauptsächlich aus Trauer um seine Tochter, die an seiner Stelle Gefangene der Bestie war, erkrankt war, fühlte sich sogleich besser, als er seine Tochter wieder in die Arme schließen konnte, und kurz darauf war er völlig genesen. Die Tochter verbrachte viele Stunden mit ihm und erzählte ihm, was sie im Schloss tat und auch, wie nett und zuvorkommend die Bestie war.

Die Zeit verging im Fluge und endlich konnte der Vater das Bett verlassen. Bella war glücklich, hatte aber nicht bemerkt, dass die versprochenen sieben Tage bereits verstrichen waren, und so fuhr sie eines Nachts nach einem schrecklichen Traum aus dem Schlaf auf: Sie hatte die Bestie gesehen, die sie sterbend anflehte: „Komm zurück, komm zurück!“ Vielleicht, weil sie ihr Versprechen halten wollte, vielleicht aus einer merkwürdigen und unerklärlichen Zuneigung, die sie glaubte, für die Bestie zu empfinden, wie dem auch war, sie beschloss, sofort aufzubrechen.

„Lauf, lauf, mein Pferd!“, rief sie dem Ross zu, dass sie zum Schloss brachte, aus Angst, nicht rechtzeitig zu kommen. Im Schlosse angekommen, rannte sie die Treppe hinauf und rief, aber niemand antwortete ihr: Alle Zimmer waren leer. Ihr Herz klopfte laut, als sie in den Garten ging, und eine furchtbare Ahnung ermächtigte sich ihrer: Die Bestie lag da, gegen einen Baum gelehnt, mit geschlossenen Augen, und sah aus wie tot. Bella um schlang sie verzweifelnd: „Du darfst nicht sterben! Du darfst nicht sterben! Ich werde dich heiraten…“ Bei diesen Worten geschah ein Wunder: Mit einem Male verwandelte sich der grauenvolle Kopf des Monstrums in das Antlitz eines schönen Jünglings: „Wie lange habe ich auf diesen Augenblick gewartet.

Ich habe schweigend gelitten, ohne mein schreckliches Geheimnis offenbaren zu können! Eine böse Hexe hat mich in ein Ungestüm verzaubert und nur die Liebe eines Mädchens, das mich so, wie ich war, zum Mann nehmen würde, konnte mich in einen Menschen zurückverwandeln! Oh, meine Liebe! Wenn du mich heiraten willst, werde auch ich glücklich sein.“Nach kurzer Zeit wurde die Hochzeit gefeiert und der junge Prinz verfügte, dass von jetzt an zu Bellas Ehren nur noch Rosen im Garten gezüchtet werden. Und deswegen heißt dieses Schloss auch heute noch „das Rosenschloss.“

© 2012 Ulli Schwan