Kurzgeschichte: Grenzen der Macht

Diese Kurzgeschichte entstand aus einem Projekt, das ich mit Schreibfreunden betrieb. Für jede Geschichte wurden vier Wort vorgegeben, und diese mussten in einer Kurzgeschichte von einer bis zehn Seiten vorkommen, egal an welcher Stelle. Die Geschichte musste in zwei Wochen fertig sein. Eine einfache Übung, wie ich sie jedem ans Herz legen kann, der mal testen will, ob er Interesse am schreiben hat.

Grenzen der Macht

 

Als der Puma in meinen Kerker kommt, weiß ich: Alles wird anders.

Diesem Gedanken folgt ein Gefühl, wie es ein Adlerjunges erleben muss, wenn es zum ersten mal in die Luft steigt: die Freude am Fliegen, dann das Erkennen der fehlenden Sicherung. Was, wenn du Luft dich nicht trägt, wenn deine Muskeln zu schwach sind um die Flügel zu schlagen, oder das Federkleid nicht dicht genug um dich zu tragen? Trotzdem segelst du immer höher, getragen von dem Glück es geschafft zu haben und dem Wissen, dass diese Gabe dich nicht mehr verlassen wird, jetzt, wo du sie einmal erkannt hast.

Der Puma geht leise auf seinen Pfoten durch den Kerker, schnuppert am Boden meiner Zelle, zwei mal zwei Meter nackten Stein. Mit seinen Krallen prüft er den Beton der Wände. Dann verharrt er und sieht nach oben, hinauf zu dem kleinen vergitterten Fenster.
Früher – war es Tage oder Wochen her? – hatte ich durch das dreckige Glas, zwischen den Eisenstäben blauen Himmel sehen können. Blauen Himmel. Blau. Jeder, der nur hinauf blicken muss um den Himmel zu sehen, wird niemals verstehen, wie wichtig, hoffnungsspendend dieses Blau ist. Strahlend und mutig und erfüllend und kräftig wie es nur ein Himmelblau sein kann.

Seit Wochen oder Tagen ist das Blau verschwunden und der Himmel so grau wie der Stein des Bodens und der Beton der Kerkerwände. Der Regen, der Stunde um Stunde niederprasselt, nahm mir den einzigen Farbklecks meiner kleinen Welt. Kein Blau mehr. Nur noch Schattierungen von Grau.

Aber mit dem Puma kommen Farben zurück. Sein Fell ist goldbraun. Die Zunge, die sich beim Gähnen rollt, dunkelrot. Und die Augen, die mich ohne Wertung ansehen sind von einem hellen grün. Wie er mich ansieht: Wartend, noch unsicher, was er mit mir anfangen soll. Was er mit mir?

Ich lache. Oh, wie lange habe ich nicht mehr gelacht. Mir schmerzen die Seiten und das Gesicht, denn wie lange habe ich nicht mehr gelacht?
Stimmen und Schritte lassen mich verstummen. Sie kommen den Flur entlang. Sie klirren mit den Schlüsseln und singen einen Abzählreim, als sie an den Zellentüren vorbeigehen. Ich kann nicht anders, als den Reim mitzuflüstern. Wen wird es heute treffen? Wer wird mitgenommen?

Der Schlüssel schlägt gegen meine Tür und ich zucke zusammen. Der Puma bleibt ruhig liegen, sieht zu mir herüber unbeteiligt wie ein gelangweilter Zuschauer.
Schleifen des Schlüssels im Schloss. Meine Hände verkrampfen sich.
Knallen von sich öffnenden Riegeln. Schweiß rinnt meinen Nacken herab.
Kreischen der Türangeln, als die Tür aufgestoßen wird. Ich nehme die Arme als Schutz vor meinen Kopf.

Obwohl die kräftigen Wachen, die mit Stöcken bewaffnet in meinen Kerker stürmen, meine Sprache sprechen, verstehe ich kein einzelnes Wort. Aber der Sinn ist mir klar. Ich lege mich auf den Boden. Sie packen meine Hände, drehen sie auf meinen Rücken und binden sie.

Mein Kopf wird hochgehoben. Ich lasse es geschehen.

Meine Augen finden die des Pumas. Immer noch sitzt er unbeweglich in seiner Ecke. Niemand außer mir scheint ihn zu sehen. Keiner nimmt Notiz von dem schönen Tier. Er ist mein! Mein allein!

Dann wird alles schwarz, denn sie stülpen mir einen Sack über den Kopf. Das Atmen wird schwer, ich sehe nur noch Schatten und höre alles gedämpft.
Sie stoßen und zerren mich durch Flure und über Treppen. Meine nackten Zehen stoßen schmerzhaft gegen Stein und Stufen.

Es ist der Weg, den ich schon so oft entlang getrieben wurde. Wenn sie mit mir fertig sind, werde ich nicht mehr die Kraft haben zu gehen. Dieses Wissen macht mir Angst. Das Wissen, was kommt zertrümmert jegliche Hoffnung. So wie die Male zuvor.

Aber heute nicht. Ich bin überrascht, als ich einen kleinen, harten Kern ganz tief in mir spüre. Er ist nur klein. Vielleicht von der Größe eines Samenkorns. Er liegt ganz hinten, verborgen unter Säcken voll Angst und Furcht und Panik und schlechten Träumen und Schmerzen. Aber er ist da, ich weiß es, wenn ich ihn auch nicht sehen kann.

Plötzlich werde ich herumgeworfen und niedergeschlagen. Benommen torkel ich herum. Ich bekomme kaum mit, wie ich erneut gebunden werde. Ich sitze auf einem Stuhl, kann meine Arme und Beine nicht bewegen. Erst jetzt wird mir die Kapuze abgenommen.

Helles Licht schmerzt meine Augen. Die Gestalten hinter den glühenden Lampen sind nur Schemen, ihre Stimme realer als ihre Köper. Ich weiß, dass sie real sind. Von den Sitzungen der letzen Tage und Wochen. Sie werden mir sagen, was ich zu denken habe. Sie werden es mir ins Gesicht brüllen und ins Ohr flüstern. Sie werden mir Schmerzen zufügen und diese lindern, um mir danach noch mehr weh zu tun. Damit ich sage, was ich sagen soll. Und denken, was ich denken soll. Und glauben, was sie glauben. Was auch immer sie mit mir getan haben, dazu haben sie mich noch nicht gebracht. Noch nicht. Aber warum eigentlich nicht? Wieso gebe ich nicht einfach nach? Die Schmerzen wären vorbei. Sie würden mich aus dem Kerker entlassen. Ich könnte in den Regen gehen und er würde mich reinwaschen. Ich habe genug ertragen. Mehr als genug. Was ist es schon wert, anders zu sein und etwas anderes zu glauben, wenn es nur Schmerzen und Pein bedeutet?

Vielleicht haben sie recht. Vielleicht stimmt, was sie sagen und denken und glauben. Denn sie haben die Kontrolle. Sie haben mich eingesperrt. Sie foltern mich. Es passiert nur, was sie wollen. Sonst nichts. Sie haben die totale Kontrolle.

Da spüre ich etwas Warmes auf meinem Bein. Es ist nur eine leichte Berhrung. Wie habe ich die Wärme einer Berührung vermisst. Ich öffne die Augen und sehe den Puma. Er hat seinen goldenen Kopf auf mein Bein gelegt und sieht mich an.

Niemand außer mir sieht ihn, das weiß ich. Er ist nicht real. Aber wenn ich das kann, wenn ich ihn sehen und spüren kann dann ist das mehr, als all die anderen hier in diesem Kerker können.

Sie glauben sie haben die absolute Macht über mich; aber wenn mein Puma hierher kommen kann, so hat ihre Macht Grenzen.

Und die Augen des Pumas sind nicht mehr grün. Hier und jetzt blicken sie mich an mit einem Blau, wie es das nur im Himmel geben kann.

© 2012 Ulli Schwan