Kurzgeschichte: Solitaire

Diese Kurzgeschichte entstand aus einem Projekt, das ich mit Schreibfreunden betrieb. Für jede Geschichte wurden vier Wort vorgegeben, und diese mussten in einer Kurzgeschichte von einer bis zehn Seiten vorkommen, egal an welcher Stelle. Die Geschichte musste in zwei Wochen fertig sein. Eine einfache Übung, wie ich sie jedem ans Herz legen kann, der mal testen will, ob er Interesse am schreiben hat.

Solitaire

 

Der mitternachtsblaue Himmel war voller Felsen. Sie rotierten schwerelos, verdeckten die Sterne und gleißten im Sonnenlicht, das ungefiltert auf ihre schartigen, unförmigen Oberflächen strahlte. Sie tanzten in der ewigen Nacht des Alls. Und sie zogen vorbei, in einem weiten Bogen wanderten sie von rechts nach links.

Und dann kam das Gebilde in Sicht, dass der menschliche Geist in dieser Einöde von Asteroiden erschaffen hatte: Die Solitaire Raumstation. Zuerst kam eine der Anlegestellen in Sicht. Sie hatte die Form eines Ankers. Ihre Oberfläche war nicht glatt, vielmehr erinnerte sie an die zernarbten Felsen, die neben und hinter ihr schwebten, doch diese Narben und Auswüchse waren nicht zufällig, sondern beherbergten Kühlstäbe, Antennen, Sensoren und Luken. Am unteren Ende umgaben filigrane Solarflügel den Anker, schimmerten wie goldene Honigwaben. Von ihnen halb verborgen lag eines der Kraftwerke, in dem die Verschmelzung von Atomen in nutzbare Energie umgewandelt wurde. Von dem Anker zogen sich Seile – auf diese Entfernung nicht dicker als feine Haare – durchs All.

Am anderen Ende der Seile lag das Herzstück, die eigentliche Station. Eine Walze, sechs Kilometer lang und siebenhundert Meter im Durchmesser, die sich unablässig um ihre Längsachse drehte, immer rund und rund, und so künstliche Schwerkraft in ihrem Inneren erzeugte. Die Station war bunt, vielfarbig gestreift: blau und rot, grün und lila. Die Walze war umgeben von einer Doppelhelix, die sich mit ihr drehte. Die Doppelhelix bestand aus einem unübersichtlichen Gittergeflecht von Streben, an dem Anbauten jeglicher Form und Nutzen angesteckt waren wie bei einem Kinderbausatz.

Wie die Asteroiden, wanderte Solitaire von rechts nach links über das Fenster, und so sah man jetzt am anderen Ende der Walze wieder dünne Fäden, die in das zweite Dock endeten, den zweiten Anker. Schließlich wanderte auch dieser wieder aus Sicht.

»Hey, andere wollen auch was sehen!«, rief ein rotbackiger Kerl.

»Schon gut«, beruhigte Lars ihn. Er wollte gerade von dem schmalen Fenster zurücktreten, da erkannte er ein Objekt, dass sich schnell näherte. Es war kein Asteroid auf Kollisionskurs – der Gedanke war töricht, denn die Umlaufbahnen der Asteroiden waren schon lange bekannt, und ein Ausreißer wäre schon längst mit einer Rakete zerstört worden. Nein, es war eine Fähre von Solitaire, das Empfangskommitee der Raumstation. In wenigen Sekunden war die Fähre nahe genug, dass Lars sie erkennen konnte, die Form war unverennbar: Die Stummelflügel an der Seite mit den Schwenkdüsen, dazu der Mittelteil aus einem austauschbaren Container. Das unspektakuläre Heckstück und das charakteristische Cockpit, von dem die Fähren ihre Namen hatten: Pelikane. So nannte man die Fähren unter Raumfahrern; ihre offizielle Bezeichnung wollte Lars nicht einfallen. Der Pelikan hielt Kurs auf sie und kam rasch näher. Da schwenkten die Haupttriebwerke an den kurzen Flügeln herum und zündeten. Gleißend helle Punkte in der Nacht, es schmerzte einen Moment in den Augen. Nach wenigen Sekunden schon hatte der Pilot die Geschwindkeit der Fähre mit dem des Raumschiffes abgeglichen, und nach einigen Korrekturen durch die Positionsdüsen, senkte sich der Pelikan nieder auf den langen Rumpf des Raumschiffes, in dem Lars vom Fenster aus den Anflug beobachtete.

Raumschiff, dachte Lars und der Gedanke ließ ihn lächeln. Solitaire-Station. Ich bin da!

Ein Knuff in die Seite ließ Lars zur Seite weichen. Der Rotbackige unterstrich seinen Anspruch auf den Fensterplatz nun handgreiflich, und Lars hielt das für einen guten Zeitpunkt, ihm seinen Willen zu lassen.

Wir sind am Ziel!

Diese Erkenntnis war immer noch unglaublich und versetzte Lars in Hochstimmung. Für die nächsten sieben Jahre würde Solitaire, die Walze im All, seine Heimat sein. Sie lag vierhundert Millionen Kilometer von der Erde entfernt, zwischen den Asteroiden-Familien Phokäa und Koronis. Irgendwo zwischen Mars und Jupiter.

Die Menschen waren noch weiter in das Sonnensystem gewandert, hatten ihre Fußstapfen auf den Jupiter- und Saturnmonden hinterlassen. Eben für jene Siedlungen war Solitaire gegründet worden. Solitaire war Heim jener Menschen, die die Rohstoffe von den Asteroiden des Gürtel abbauten und verarbeiteten. Der Abbau der Asteroiden für die Wirtschaft der Erde allein, wäre aufgrund der langen Flugzeiten von mehreren Monaten unrentabel gewesen. Doch da die Rohstoffe nicht nur auf der Erde, sondern auch den äußeren Siedlungen zu Gute kamen, rechnete sich der Betrieb der Station und des Raum-Bergbaus. Also hatte man hier, mitten im großen Asteroidengürtel, einen Weltraumhafen erbaut, mit dem Geld und Wissen der europäischen Länder der Erde.

Erde. Als Lars noch auf ihre lebte, hatte er sie nie so genannt. Es war immer Berlin oder Paris, Deutschland oder England, Asien oder Afrika gewesen. Nie die Erde als Ganzes. Jetzt waren es Solitaire und Endeavor, Iapetus und Erde. Jene Lebensbereiche des Menschen in den Weiten des Weltalls. Lars‘ Welt war weiter geworden.

Und ärmer. Nicole war zurück geblieben. Sieben Jahre waren sie zusammen gewesen, hatten schon Kinder geplant. Dann hatte Lars den Entschluss getroffen, seinen Kindheitstraum wahr werden zu lassen: Das Weltall zu bereisen, die Erde zu verlassen. Zuerst war auch Nicole begeistert gewesen. Sie hatten sich gemeinsam beworben, Ehepaare waren gern gesehen auf den Stationen. Überhaupt gab es zu wenig freiwillige draußen, deshalb wurde nach qualifizierten Mitarbeitern gesucht. Nicole und Lars hatten die Tests gemeinsam bestanden, hatten sich in Sportcentern körperlich fit gemacht. Endlich kam der Bescheid: Sie waren für Solitaire akzeptiert. Beide hatten sich gefreut – doch einen Monat vor dem Flug zog Nicole ihren Antrag zurück. Es folgten Wochen der Diskussionen und Tränen. Nie waren Lars und Nicole laut geworden – aber er konnte sie einfach nicht verstehen. Wie konnte sie nur diesen Traum aufgeben?

Doch es war sein Traum, nicht ihrer. Sie hatte es sich erst jetzt eingestanden, dass sie nicht alles zurücklassen wollte, ihre Familie und Freunde. Sie liebte ihn, wollte bei ihm sein, aber nicht um diesen Preis. Lars selbst konnte nicht mehr zurück. Zu alt und mächtig war der Traum, ins All zu gehen, und jetzt war er zu nah vor dem Ziel. Auch ihm würde vieles fehlen, aber er konnte nich anders, die Sterne riefen nach ihm, er würde es sich nie verzeihen, wenn er nicht gehen würde. Die Erde war zu eng geworden, ein Gefängnis für ihn. So verließ Lars schießlich die Erde und Nicole. Am Morgen seiner Abreise hatten sie sich lange in den Armen gehalten.

Sieben Jahre Trennung waren eine lange Zeit. Keiner würde auf den anderen warten. Sie wünschten sich das Beste für eine Zukunft, die keine gemeinsame mehr war.

Während der Monate des Flugs hierher, die Lars im Tiefschlaf verbrachte, träumte er viel von Nicole, von gemeinsam Erlebten, Realitäten und Fiktionen. Doch er war sich sicher, das Richtige getan zu haben: Er gehörte hierher. Nach dem Anblick von Solitaire wusste er es besser denn je. Er hatte es schon immer gewusst, doch jetzt war er sich sicher. Die Blicke in den Nachthimmel hatten nie der Schönheit der Sterne gegolten, sondern immer der Vorstellung, wie es wäre, da oben zu leben. In den nächsten sieben Jahren würde er es erfahren.

Aus den Lautsprechern verkündete eine nette Frauenstimme: »Wir erreichen Solitaire-Station in zwanzig Minuten. Bitte vergewissern Sie sich, alles Nötige bei sich zu tragen. Eine Rückkehr auf die Hindenburg ist nicht möglich. Haben Sie Ihre Papiere? Ausweis, Arbeitserlaubnis, Krankenakte? Haben Sie alle Unterlagen über das Leben auf Solitaire? Bordplan, Verhaltensregeln? – Mister Lars Schneider, bitte kommen Sie zum Informationspunkt auf Deck drei. Mister Lars Schneider, bitte kommen Sie zum Informationspunkt auf Deck drei.«

Zuerst verstand Lars gar nicht, dass er gemeint war. Erst beim wiederholten Aufruf begriff er und beeilte er. Die Gänge an Bord der Hindenburg waren eng. Das Raumschiff beförderte seine menschliche Fracht auf nahezu der gesamten Reise im Tiefschlaf, um Luft, Wasser und Nahrung zu sparen. Auf nahezu den gesamnten der vierhundert Millionen Kilometern Reise war das Schiff nur von einer Handvoll Besatzung und Robotern bevölkert, die brauchten nicht viel Platz. Doch jetzt, wo die frewilligen Reisenden aufgeweckt worden waren, platzte das Schiff aus allen Nähten. Immerhin gab es sowas Gravitation, denn die Decks, auf denen sich Menschen aufhielten, rotierten um den Leib des Schiffs, und die Zentrifugalkraft drückte sie nach außen. Das gleiche Prinzip wie auf Solitaire, um Gravitation vorzutäuschen.

In den wenigen Stunden, die die Hindenburg von ihren Reisenden bevölkert war, hatte sich ein Geruch von Schweiß in die Gänge gelegt, und der zuvor klinisch saubere Boden war nun verschmutzt. Das Lüftungssystem gab sich alle Mühe, doch die Luft wurde zunehmend drückender.

Lars drängte sich also durch die Massen von Mitreisenden. Über eine Sprossenleiter gelangte er zwei Decks höher, als näher an den Rumpf des Schiffes. Nach einem Blick auf einen Decksplan, fand er schießlich zum Informationspunkt.

Die Dame aus den Lautsprechern verkündete: »Wir erreichen Solitaire-Station in zehn Minuten. Bitte vergewissern Sie sich, alles Nötige bei sich zu tragen. Eine Rückkehr auf die Hindenburg ist nicht möglich. Haben Sie Ihre Papiere? Ausweis, Arbeitserlaubnis, Krankenakte? Haben Sie alle Unterlagen über das Leben auf Solitaire? Bordplan, Verhaltensregeln? – Mister Lars Schneider, bitte kommen Sie zum Informationspunkt auf Deck drei. Mister Lars Schneider, bitte kommen Sie zum Informationspunkt auf Deck drei.«

Lars erreichte den Informationspunkt, doch auch hier waren so viele Menschen, dass Lars nicht ausmachen konnte, wer auf ihn wartete. Nicole? Der Gedanke versetzte ihm einen freudigen Schmerz.

Aber es war ein Mann, der winkte und nach ihm rief. Der Mann war groß und von schlankem Körperbau, wenn sich auch ein kleiner Bauch gegen den Overall wölbte. Lars schätzt ihn auf fünfzig Jahre, glatt rasiert mit langem Haar, das unter einer Kappe hervorlugte. An einem breiten Gürtel trug er diverse Geräte. Der Overall des Mannes war rauchgrau mit gelben Schulterstücken, was den Mann als Zugehörigen der Schatzamtes auswies, und der Name auf dem Brustetikett sagte Lars, dass er seinem neuen Vorgesetzten gegenüberstand, dem Leiter des Zollamts.

»Lars Schneider, bereit zum Dienst, Mister McIntyre.«

»Sehr gut, dann gehen Sie in den Laderaum und helfen den Kollegen beim Filzen des Gepäcks.«

Lars war völlig überrascht. Er hatte noch keine Einweisung erhalten, nur einen theoretischen Kurs auf der Erde. Wusste McIntyre das nicht? Oder erwartete er Flexibilität und das war ein Test? »Ähm«, war die einzige Erwiderung, die Lars einfiel. Und: »Bin unterwegs.«

»Quatsch, bleiben Sie da, Junge. War nur ein Scherz.« McIntyre reichte ihm die Rechte zum Händedruck, die Linke blieb auf seinem Rücken, wo sie den Rest der Unterhaltung ruhte. »Sieben Jahre haben Sie sich also verpflichtet. Nicht ein bißchen lang für das erste Mal?«

»Ich dachte mir: Wenn ich so weit fahre, kann ich auch was bleiben. Sonst lohnt sich die Reise ja nicht.« Erst als die Worte raus waren, merkte Lars, wie flapsig diese Antwort gewesen. Nicht gerade angemessen für ein Gespräch mit einem Vorgesetzten.

Aber so steif McIntyres Gestik auch war, er schien Humor zu haben. »Da haben Sie recht. Diese Aussicht finden Sie jedenfalls nirgendwo sonst. Welche Sprachen beherrschen Sie?«

Das musste McIntyre aus Lars‘ Bewerbungsunterlagen wissen, wahrscheinlich wollte er sich mit diesem Gespräch nur ein persönliches Bild von seinem Neuen machen. Lars war das nur recht. »Englisch, Spanisch, Chinesisch und Deutsch, dazu ein paar Brocken Russisch und Französisch.«

»Sollte reichen. Haben Sie schon mal mit schweren Jungs gearbeitet?«

»Nur wenn ich ihr Schmuggelgut konfiszierte.«

»Hier ist das anders. Sieben von zehn Arbeitern sind hier, weil die Richter sie hier hoch geschickt haben. Auf der Erde kostet das Wegsperren Geld, hier oben kann man sie gut unter Kontrolle halten und sie helfen beim Bergbau auf den Asteroiden, dienen also dem Gemeinwohl. Es sind zwar schwere Jungs, aber ohne sie läuft Solitaire nicht, und deswegen brauchen wir sie. Also müssen wir mit ihnen auskommen. Der einzige Weg zu einem Auskommen sind klare Regeln und Fairness. Keine Nachgiebigkeit und keine Schikane. Auf Solitaire gelten Gesetze und wir sind dafür da, dass jeder sie einhält. Jeder! Du verstehst, Junge?«

»Verstanden.« Die Politik, die Raumstationen mit verurteilten Straftätern zu bemannen, kam aus der Vergangenheit. England hatte so seine Kolonie Australien erschlossen, und daran erinnerten sich die Firmen und Staaten, als es ihnen an Arbeitern für die Siedlungen im All mangelte. Diese Politik war nicht unumstritten, doch pragmatisch und rentabel und so verklangen die Proteste der Gegner in der Leere des Alls, ohne etwas zu bewirken. Lars nahm den Faden des Gesprächs wieder auf: »Aber die schweren Jungs sind nur für Bergbauarbeiten eingeteilt?«

»Zuerst. Aber sie können sich bei guter Führung auch Posten auf der Solitaire ergattern. Keine Wichtigen, Servicedienste und sowas. Aber bessere Jobs als die Knochenarbeit auf den Asteroiden. Ich muss sagen, die Kerle verdienen Respekt, für das, was sie auf den Felsen leisten. Aber so hart sie auch arbeiten, die meisten bleiben Verbrecher. Sie sind aus gutem Grund hier oben, das darf man nie vergessen. Deswegen werden sie auch erst auf Solitaire aus dem Tiefschlaf geholt. Damit verhindern wir, dass es beim Andocken zu Problemen kommt. Apropos…« McIntyre sah auf sein Armband.

Nach zwei Sekunden gab es einen Ruck, der Lars zwei Schritte nach vorne warf. Ohne hinzusehen, griff McIntyre seinen Arm und stützte ihn.

»Herzlich willkommen auf Solitaire«, meldete die Frauenstimme aus den Lautsprechern. »Bitte begeben sie sich zu den Ihnen zugewiesenen Check-Out-Bereichen. Wir hoffen, Sie hatten eine angenehme Reise.«

McIntyre reichte Lars noch einmal die Hand. »Also dann, ich habe noch was zu tun. Wir sehen uns in drei Stunden in meinem Büro. Sie haben schon ein Zimmer zugewiesen bekommen?«

»Ja, ist alles geregelt.«

»Bis später.«

Lars verabschiedete sich und sah McIntyre nach, wie er in der Masse der Reisenden verschwand. Als er ihn nicht mehr sehen konnte, orientierte er sich am Deckplan. Er gehörte zur Frühgruppe, würde also als einer der ersten das Raumschiff verlassen. Dazu musste er noch höher.

Auf Deck Eins angekommen, spürte Lars deutlich, dass die Schwere auf seinen Schultern nachgelassen hatte. Da die Zentrifugalkraft abnimmt, je näher man dem innersten Punkt kommt, so war man am untersten Deck schwerer als auf dem obersten. Lars reihte sich bei den Wartenden ein. Er hatte kein Gepäck, da all seine Habseligkeiten in einem speziellen Reisekoffer untergebracht waren. Die Koffer der Reisenden wurden aus Platzgründen nicht im Inneren des Raumschiffs transportiert, sondern in Containern, die entlang des Raumschiffs außen an seinem Rumpf befestigt waren.

Sollte der Container mit Lars‘ Reisekoffer aus irgendeinem Grund während des Flugs verloren gegangen sein, besaß Lars nur noch, was er bei sich trug: Turnschuhe, einen weißen Overall, seine Kreditkarte, einen kleinen Digitalallrounder und die Papiere mit denen er sich ausweisen konnte. Das wäre wirklich ein ganz neuer Start, dachte Lars. Von all den Sachen, die im Reisekoffer waren, würde er nur den elektrischen Bass vermissen, denn seit seinem vierzehnten Lebensjahres spielte er als Bassist in der ein oder anderen Amateurband. Bestimmt gibt es auch auf Solitaire Bands, dachte Lars, als er an den Abfertigungsschalter kam.

Er identifizierte sich mit einem Daumenabdruck und wurde dann von einer Flugbegleiterin zu einer Luke gebracht. »Sie erinnern sich an ihre Lektionen in Bewegungen in der Schwerelosigkeit?«

»Sicher.« Die habe ich doch erst vor ein paar Tagen gehabt, dachte Lars, und erkannte seinen Fehler. Für ihnen schien es erst ein paar Tage her, doch in Wirklichkeit waren Monate vergangen. Aber die Erinnerungen waren klar, und er hatte sich damals gut geschlagen.

Trotzdem hörte er den knappen Ratschlägen der Flugbegleiterin zu, wobei er die Aufregung immer deutlicher spürte. Dann – endlich! – wurde die Luke geöffnet. Er kletterte hindurch und packte die Sprossen, die aus der der Wand ragten. Die Röhre, die er hochkletterte, war auf allen Seiten mit weichen Polstern ausgelegt. Das Klettern wurde von Sprosse zu Sprosse einfacher. Er näherte sich dem Mittelpunkt des Schiffes, und damit dem Bereich, in dem Schwerelosigkeit herrschte. Lars ertappte sich dabei, wie seine Füße den Halt der Sprossen verloren, also zog er sich nur noch mit den Händen voran. Es war ein aufregendes Gefühl, schweben zu können, er kam sich dabei vor wie ein Schwimmer in einem wasserlosen Bassin. Ihm wurde kurz mulmig, doch das mit Medikamenten getränkte Pflaster hinter seinem Ohr beruhigte den Gleichgewichtssinn. Eine Schweißperle löste sich von seiner Stirn und fomte sich durch die Oberflächenspannung zu einer perfekten Kugel. Sie schwebte vor Lars‘ Augen wie eine kleine Glasperle.

Jetzt sah Lars vor sich eine weitere Luke, neben der ein Flugbegleiter in einem Riemengeschirr schwebte. Lars stieß sich ab und flog die restlichen Meter zu ihm. Der Flugbegleiter nickt und öffnete die Luke.

»Nach links, bitte«, sagte der Flugbegleiter und zeigte in die angesagte Richtung.

Vor Lars verlief eine Gang nach rechts und links. Er hatte den Rumpf des Raumschiffes erreicht und der Gang vor ihm verlief zum Bug und Heck des Schiffes. Da der Bug an eine der Anlegestellen von Solitaire festgemacht hatte, war er Lars‘ Ziel. Er zog sich durch die Luke, packte den nächsten Griff und hielt sich fest. Die Griffe waren an einem Förderband montiert. Vor sich konnte er die schwebenden Beine eines Passagiers sehen.

Schließlich endete das Förderband. Lars beobachtete den Herrn vor sich und machte alles nach. Gut drei Meter, bevor das Förderband im Boden verschwand, ließ er los. Die Restbeschleunigung ließ ihn in die Arme eines weiteren Flugbegleiters schweben. Dieser wies ihn in die richtige Richtung.

Dort fand sich Lars in einem runden Raum wieder. Über ihm erstreckte sich eine große, durchsichtige Kuppel. Die Mitte des Raums wurde von einer breiten Säule eingenommen, fünf Meter im Durchmesser. Um die Säule herum standen Liegen, deren Fußteile nach außen wiesen. Lars setzte sich in die nächste freie Liege und legte die Gurte an, zog sie fest, damit er nicht von der Liege fortschwebte. Er sah nach oben, doch er blickte nur in einen schwarzen Schacht.

Es dauerte noch eine Viertelstunde, bis alle Liegen besetzt waren. Jeder Gurt wurde vom Personal überprüft, bevor es sich zurückzog. Mit einem Zischen schlossen sich die Türen – und dann wurden alle in die Liegen gepresst, dass ihnen einen Moment die Luft wegblieb. Der dunkle Tunnel sauste an ihnen vorbei, öffnete sich und sie waren draußen. Sie rasten an einem der Kabel, das sich von der Anlegestelle zur Solitaire-Station spannte, Richtung Raumstation. Lars sah die ganze Fahrt über nach oben. Keine Sekunde ließ er Solitaire aus den Augen, jene Walze, die immer größer wurde, als der Aufzug auf sie zuraste.

Die Sonne strahlte eine Seite der Station an, mit der Lichtstärke eine diesigen Frühlingstages. Sie schwebte vor dem Asteroidenfeld, das sich neben, über und unter ihr erstreckte.

Jetzt konnte Lars Einzelheiten erkennen. Fenster in kleinen Ausbauten, die aus der Außenhaut der Walze ragten. Scheinwerfer, die von der Doppelhelix aus die Außenwand der Station beleuchteten und wo winzige Menschen in Raumanzügen und klobige Roboter Reperaturen vornahmen. Auf der Doppelhelix lagen, festgekrallt in die Gitterstruktur, Wartungsroboter, Observatorien, Hangars, Raketensilos, Sensorparks und Funkschüsseln. Alles, was es brauchte um Solitaire vor Asteroiden zu schützen, Schäden auszubessern sich ein Bild von der Umgebung zu machen, diese zu erkunden, und Kontakt mit den anderen Menschensiedlungen zu halten.

Sie legten die vier Kilometer von Anlegestelle zur Station in wenigen Minuten zurück. Der Lift bremste stark ab, die Gurte taten ihre Pflicht, sonst wäre Lars wohl auf die Decke des Lifts gestürzt. Der Lift fuhr in Mittelachse der Station, dort wo keinerlei Gravitation herrschte. Als sich die Wände der Station um ihn erhoben und den Blick ins All versperrten, als die Passagiere endgültig in den Walzenrumpf von Solitaire aufgenommen wurden, grinste Lars übermütig und zufrieden.

Zu Hause.

© 2012 Ulli Schwan