Leseprobe »Trickser«

Auf der Brücke der Leved betrachtete Blaine besorgt die vier Punkte auf dem Bildschirm. Sie waren plötzlich aufgetaucht, von einer Sekunde auf die andere. Er konnte es sich nur durch die unzulänglichen Sensoren der Leved erklären, denn normalerweise wurden Schiffe, die vom Hyper- in den Normalraum wechselten, sofort registriert. Waren es Hyperraumsegler wie die Leved, dann wurde der Riss, durch den sie wechselten, wahrgenommen. Bei einem Brecher erlebte das umliegende Schwerkraftfeld eine Sekundenbruchteile lange Erschütterung, die keinem Messgerät verborgen bleiben konnte.

Weder das eine noch das andere hatten die Sensoren gemessen, aber die vier Raumschiffe waren nun im System – und sie waren nicht durch den Normalraum gekommen.
Eines der Schiffe befand sich unweit einer der Sonden, und nach einer Überprüfung von Form und Beschaffenheit der Außenhülle war klar: Die Neuankömmlinge waren Iril.

Blaine betrachtete das Bild, das die optischen Sensoren gemacht hatten, auf einem Monitor. Der Körper des Schiffes hatte die Form eines Blütenkelchs und schimmerte in einem dunklen Lila. Mehrere Segmente verjüngten sich zum Heck, lagen teilweise übereinander wie geschlossene Blütenblätter einer Tulpe. Er glaubte, mittschiffs drei Zwillingsblasterkanonen zu erkennen, war sich aber nicht sicher, da die Türme sich kaum abhoben. Der Bug war kein geschwungener Hals, sondern erinnerte an den Schnabel eines Raubvogels. So etwas wie einen Hals gab es trotzdem, doch wuchs er bei diesen Schiffen aus dem Heck und erinnerte an einen stachelbewehrten Schwanz, der über den Körper gehoben war. Jedes der Schiffe war zweihundert Meter lang und damit gut dreimal so groß wie die Leved. Sie wirkten fremdartig und bedrohlich auf ihn. «Ich habe da ein ganz mieses Gefühl», hörte er sich flüstern.

Die Iril-Schiffe verharrten in ihrer Position und sahen sich wohl erst einmal um. Sollten ihre Triebwerke die gleiche Leistung wie die der Leved haben, würden sie das Wrack in frühestens fünf Stunden erreichen können. Genug Zeit für Scyna und Rix, das Wrack zu verlassen und dann durch den nächsten Transferpunkt in den Hyperraum zu fliehen. Blaine legte die Fluchtroute schon einmal fest. Er wollte gerade vom zerrissenen Heck abdrehen, als er auf den Bildschirm sah und erstarrte.

Alle vier Iril-Schiffe verschwanden – und tauchten im nächsten Moment keine zweitausend Kilometer von ihm entfernt wieder auf. Blaines Hand verharrte reglos über den Kontrollen, er vergaß sogar zu atmen.

Wie ist das möglich, fragte er sich geschockt. Sie waren nicht durch den Hyperraum gereist, doch im Normalraum konnte kein Schiff so schnell sein!

Es dauerte ein paar Sekunden, bis er seinen Schock überwunden hatte und mit einem Blick über sämtliche Anzeigen seine Befürchtungen bestätigt sah. Die Iril hatten einen Antrieb, den keine Sensoren erfassen konnten. Mit ihm konnten sie unbemerkt an jeden Ort gelangen; keiner würde sie entdecken, bis sie vor seiner Nase auftauchten.
Deswegen halten sich die Merdianer zurück!

Er drängte die Gedanken zurück, die diese Erkenntnis nach sich zog. Das Wichtigste im Moment war es, Scyna und Rix aus dem Wrack zu holen. Blaine aktivierte das Funkgerät – und hörte nur Rauschen. Er suchte nach einem freien Kanal, doch er fand keinen. Die Iril störten den kompletten Funkverkehr.

Blaine kämpfte seinen Wunsch zu handeln nieder. Es wäre töricht gewesen, in blinden Aktionismus zu verfallen. Noch wussten die Iril nichts von ihm. Das ist deine Chance.
Er fuhr jegliche Energie auf der Leved auf ein Minimum zurück; nun war das Schiff als Energiequelle kaum noch zu orten.

Sonde 2 übermittelte ihre Daten auf einem völlig anders gelagerten Frequenzband als auf dem des Funkverkehrs, und so konnte er ihre Daten nach wie vor empfangen, sendete selbst aber keine mehr aus. Er lehnte sich zurück und beobachtete, was vor sich ging. Wenn er sich ruhig verhielt, hatte er vielleicht Glück und die Iril übersahen ihn. Das zerrissene Heck bot einen guten Schutz.

Alle vier Iril-Schiffe waren nur noch wenige hundert Meter vom Wrack entfernt und näherten sich weiter. Sie teilten sich auf, sodass zu beiden Seiten und oben und unten je ein Schiff das Wrack abflog. Die Kriegsschiffe hatten nun die Spitze des Wracks erreicht. Helle Scheinwerfer rissen die unbeschädigte Außenhülle des Wracks aus der Dunkelheit. Wie grelle Finger glitten sie über die weiße Stahlhaut, ertasteten jede Unregelmäßigkeit – und fanden schließlich das Loch, dass der Strahler der Leved geschmolzen hatte. Meterweit gähnte es im Hangartor.

Die Triebwerkringe der vier Kriegsschiffe zündeten und brachten sie zum Stehen.
Blaine lehnte sich in seinem Sessel vor und starrte gebannt auf den Bildschirm, auf dem er jegliche Bewegung der Iril sah. Was würden sie jetzt machen? Gingen sie rein, oder nicht?
Eine volle Minute rührte sich nichts. Blaine wagte es nicht, einen Weg zu suchen, die Funkgespräche der Iril abzuhören – zu leicht hätte er sich damit verraten können. Es gab keinen Hinweis darauf, dass sie ihn bisher entdeckt hatten; diesen Überraschungsfaktor durfte er nicht durch Ungeduld zunichte machen.

Schließlich bewegte sich das dem Hangar am nächsten stehende Schiff. Es senkte sich hinab und drehte sich etwas. Aus seinem Leib faltete sich ein Schlauch, etwa fünf Meter im Durchmesser. Der Schlauch streckte sich immer weiter, bis er den Hangar berührte und sich über ihn stülpte. Die Iril hatten eine Brücke errichtet und würden nun das Wrack entern, genau durch den Hangar, in dem die Caspian stand.

Scyna und Rix werden ihnen direkt in die Arme laufen, dachte Blaine besorgt. Und ich kann nichts tun.

♦♦♦

Auf dem Wrack schloss Rix seine Aufzeichnungen der großen Halle ab. Scyna und er waren sich sicher, dass dieser Raum eine zentrale Funktion für das Raumschiff gehabt hatte. Und wenn ihnen auch keine Zeit blieb, Geräte mitzunehmen, dann doch zumindest Daten, die sie vielleicht zu Geld würden machen können.

«Ich bin fertig», meldete Rix schließlich und schwebte zum Ausgang.
Scyna blickte sich noch einmal um. Ihre Neugierde war noch lange nicht gestillt, trotzdem war sie froh, diesen Ort zu wieder verlassen. Obwohl es dafür keinen offensichtlichen Grund gab, beunruhigte sie die Halle mehr als jeder andere Raum, den sie bisher untersucht hatten. Scyna trat durch die Tür und funkte an Blaine: «Wie viel Zeit haben wir noch?»

Sie folgte Rix mit ausladenden Schritten. Als keine Antwort kam, sah sie Rix an und versucht es noch einmal. «Bruder?»

Rix sagte: «Der Funk wird gestört. Vermutlich eine Sicherheitsmaßnahme der Iril. Kein Grund zur Beunruhigung.»

«Ich bin nicht beunruhigt.»

«Deine Körperwerte sagen mir etwas anderes.»

Scyna blickte sich im Flur um. «Es ist dieses Schiff.»

«Ich erkenne nichts Bedrohliches.»

«Lass gut sein und uns einfach verschwinden.»

Sie kamen am Generator vorbei und folgten dem Weg, den sie gekommen waren. Jetzt, da die Heizkörper liefen, schwitzte Scyna in ihrem Schutzanzug. Sie erreichten die Treppe, die Scyna schwerfällig hinaufstapfte. Hier war es schon unangenehm kalt, deswegen klappte sie das Visier des Helmes zu, und die Scheibe beschlug augenblicklich. Die Ventilation begann ihre Arbeit. Halbblind ging Scyna weiter, ihr Sichtfeld vergrößerte sich nur langsam.

Rix schwebte vor ihrem Gesicht. «Ich habe versucht, mit der Caspian Kontakt aufzunehmen, doch es gelingt mir nicht.»

«Die Iril sind doch noch Stunden entfernt, kann ihr Störsignal so stark sein?»

«Ich weiß es nicht. Vielleicht sind sie aber auch näher, als wir glauben.» Rix’ Facetten glühten türkis, ein deutliches Zeichen für Besorgnis. «Wir sollten uns besser beeilen. Das Loch im Hangartor werden sie bestimmt nicht übersehen.»

Scyna begann zu laufen und drehte die Ventilation ihres Skaphanders höher. Der Anzug hatte seine Garantiezeit schon um einige Jahre überlebt, so wunderte es Scyna nicht, dass die Sichtscheibe beschlug, während sie schwer atmend das letzte Stück bis zum Hangar hinter sich brachte. Der schwere Hosenstoff scheuerte an ihren Schenkeln. Sie schwor sich, den Anzug heute ein letztes Mal getragen zu haben. Sie würde auf der Leved schon einen finden und ihn nach ihren Wünschen modifizieren.

Dann erreichten sie die Tür zum Mannschaftsraum. Sie war immer noch offen, und sie gingen hindurch. Scyna schloss die Tür hinter sich und marschierte zum inneren Hangarschott. Rix ließ es hochfahren, sie lief geduckt hindurch. Vor ihr stand die Caspian, wie sie sie verlassen hatten. Doch durch das Loch im äußeren Tor sah sich nicht die Sterne, sondern eine hell erleuchtete, große Röhre, durch die eine Handvoll zweibeiniger Gestalten in den Hangar kam. Scyna erkannte schwere Schutzmonturen, über deren Kragen spitzschnauzige Gesichter blickten; sie waren bedeckt mit rostrotem Fell und hatten abstehende, dreieckige Ohren: Iril.

Scyna erstarrte im Schritt, ihre Hand fuhr automatisch zum Holster und zog ihre Magnetbeschleuniger-Pistole. Neben ihr hörte sie, wie Rix’ Laserstrahler brummte, als er ihn schussbereit machte.

Nicht nur in der Röhre standen die Gestalten – zwei von ihnen hatten Scyna und Rix den Rücken zugewandt und das Beiboot begutachtet, bis sie durch einen Ausruf ihrer Kollegen in der Röhre aufgeschreckt wurden. Die beiden wirbelten herum und zielten mit etwas, was nur Waffen sein konnten, in Scynas Richtung. Im nächsten Moment hechtete Scyna zur Seite, so gut es ihr schwerer Schutzanzug erlaubte, hob ihre Magger-Pistole und feuerte. Die Projektile wurden im Lauf der Magger auf Magnetkissen ohne Rückstoß beschleunigt und fauchten auf die beiden Iril am Fuß der Caspian zu. Die Iril erwiderten das Feuer aus ihren Gewehren. Die Geschosse verfehlten Scyna, schlugen hinter ihr in die Wand und rissen münzgroße Löcher.

Scyna hatte hinter ein Regal hechten wollen, doch der schwere Skaphander ließ sie bereits nach drei Vierteln der Strecke unsanft aufschlagen. Sie robbte fluchend und schießend weiter. Ein Projektil zerriss ihr Hosenbein, ein anderes schrammte spürbar über die Sohle eines Stiefels, bevor sie hinter dem Regal Deckung fand. Sie blickte zurück und sah Rix, der ihr mit seinem Strahler Feuerschutz gab. Ein grellroter Lichtfinger stach von der Spitze seines Pfeilkörpers durch die Luft, so heiß, dass die Luft um ihn flimmerte. Als er sie in Sicherheit wusste, huschte Rix zu Scyna.

Die Bretter des Regals waren voll gestellt mit robust wirkenden Kisten, dessen Inhalt Scyna nicht kannte, von dem sie aber hoffte, er möge schwer und kompakt sein und möglichst Geschosse abhalten. Scyna setzte sich, mit dem Rücken zur Wand, und riss das beschlagene Visier ihres Skaphanders auf. Die Luft war angenehm warm – vermutlich hatten die Iril den Raum durch die Röhre aufgeheizt.

Rix’ Mimikfacetten glühten orange vor Ärger. Er löste die magnetischen Klammern seines Puppenkörpers, und dieser fiel klappernd zu Boden. Jetzt schwebte er in seinem normalen, sandfarbenen Körper in der Luft. Scyna folgte seinem Beispiel und öffnete den Reißverschluss ihres Anzugs. Er würde ihr im kommenden Gefecht keinen Schutz bieten, ihre Beweglichkeit jedoch stark behindern. «Zwei am Schiff, vier in der Röhre», sagte sie.

«Korrekt», sagte Rix, der ihre Gegner mit seinen Sensoren auch hinter dem Regal ausmachen konnte.

Scyna legte ihren Magger der Marke Ronga zur Seite und wand sich aus dem Anzug. «Die benutzen ziemlich alte Magnetbeschleuniger.»

«Passt doch zur Ausstattung des Schiffs. – Bist du bald fertig?»

«Hetz mich nicht.»

«Sie kommen immer näher.»

«Ich mach ja schon.»

«Wären das da drüben paarungswillige Sportler, wärst du bestimmt schon längst aus der Wäsche.»

«Aber sicher.» Scyna zappelte mit den Beinen und streifte sich den Anzug von den Füßen.

«Dieses Drecksteil will einfach nicht … so, jetzt.» Sie löste das Holster mit den beiden Ersatzmagazinen und band es sich um den nackten Schenkel. Während sie aus den Taschen einen Nasenfilter zog, fragte sie Rix: «Was machen wir?»

«Sie haben sich geteilt und kommen von zwei Seiten», sagte Rix. «Wir gehen durch die Mitte zur Caspian.»

«Klingt gut.» Scyna griff sich den Ronga und steckte ein zweites Magazin hinein. Mit einem Fingerschnippen betätigte sie den Lademechanismus – jetzt würde sie die großkalibrigen Hohlprojektile aus dem neuen Magazin verschießen. «Ich übernehme die linke Seite.»

«Ich werde das Regal vor uns herschieben», sagte Rix.

«Sieht ziemlich schwer aus. Hast du dann noch genug Saft für den Laser?», gab Scyna zu bedenken. Zwar war Rix’ Energiespeicher sehr groß, aber die Menge an Energie, die er gleichzeitig aufbringen konnte, begrenzt.

Rix antwortete, indem er das Regal mit seinem Prallfeld nach vorne drückte. Die Metallbeine des Regals schabten kreischend über den Boden, es zitterte beängstigend, schob sich aber zügig in Richtung Caspian. Scyna hielt Schritt, die Waffen zur Seite gerichtet – dort, wo die Iril-Soldaten bald auftauchen würden. Schritt für Schritt näherten sie sich dem Raumboot.

Der erste Soldat tauchte auf. Scyna schoss sofort, gerade rechtzeitig, bevor er auf sie feuern konnte. Sie traf ihn an der Schulter. Das Geschoss schleuderte ihn herum, und seine Schüsse jagten zur Decke. Scyna verschoss Kapselprojektile, deren Vorderteile beim Aufprall zersprangen und eine Wolke betäubenden Gases ausstießen. Dieses Gas legte so ziemlich jedes bekannte Säugetier schlafen – und auch bei dem Iril hatte es diese Wirkung, denn der Soldat fiel leblos zu Boden. Der große Vorteil dieser Geschosse war, dass sie nicht genau treffen mussten, zumal die betäubende Wolke alles in einem Radius von etwa zwei Metern umfing. Auch relativ unscharf gezielte Schüsse führten zum Erfolg.

Die anderen Soldaten eröffneten das Feuer, bevor sie in Scynas Sichtfeld kamen. Ihre Kugeln hämmerten gegen die Kisten im Regal. Die Kisten wollten herunterstürzen, wurden aber von Rix’ Prallfeld zurückgehalten, und so tanzten sie wie verrückt gewordene Knallfrösche. Scyna rief: «Dreh das Regal, bevor die Soldaten auf unserer Seite sind!»

Rix reagierte sofort. Das Regal tanzte auf einem Bein, schwang nach rechts und öffnete sich wie eine Tür. Damit stand es jetzt den drei Soldaten in seiner vollen Breite gegenüber. Rix ließ es nach vorne kippen – und es begrub sie unter sich.

Die beiden Iril auf der linken Seite jedoch hatten durch diese Aktion freies Schussfeld – ebenso wie Scyna. Die warf sich zu Boden, um ein möglichst kleines Ziel zu bieten, und feuerte von unten. Der Ronga lag ruhig in ihrer Hand, während er Projektile verschoss, die einen der Iril am Bein trafen und ihm Gleichgewicht und Bewusstsein raubten.

Der zweite Soldat nahm sich Scyna vor, seine Kugeln schlugen nur wenige Zentimeter vor ihr in den Boden. Scyna warf schützend die Hände vors Gesicht, da hatte Rix den Schützen schon im Visier. Sein Laserstrahl brannte sich durch den rechte Arm, der daraufhin kraftlos herabhing. Der Angreifer wollte die Waffe noch mit der linken Hand abfeuern, als auch ihn ein Projektil auf seine Brust traf und in eine Gaswolke hüllte. Bewusstlos kippte er um.

Damit war der Weg zur Caspian frei. Scyna sprang auf und rannte los, neben ihrer Schulter flog Rix. Es waren nur noch wenige Meter, als plötzlich eine Gestalt aus der Caspian trat. Mit ruhigen Schritten stieg sie herab, beugte kurz den Kopf unter dem Rumpf, um sich gleich darauf wieder zu voller Größe aufzurichten. Sie war in Kampfmontur gekleidet, das Gesicht von kurzem, rotbraunem Fell bedeckt. Lediglich die Unterseite der spitzen Schnauze und die Innenseiten der Ohren waren weiß. Über der Schnauze lagen zwei dunkle Augen und blickten völlig emotionslos auf Scyna und Rix. Einem unbestimmten Gefühl folgend hielt Scyna inne und starrte die Iril vor ihr an. Sie konnte die Aura der Fremden buchstäblich greifen.

Einen Moment lang – die Zeit schien wie gefroren – musterten sich die beiden, als die Iril mit der linken Hand überraschend an ihren Gürtel fasste.

Scyna riss ihre Pistole hoch, aber im gleichen Moment hieb etwas Schweres gegen ihren Hinterkopf und sie verlor das Bewusstsein.

Rix sah, wie Scyna von einem Kasten getroffen wurde und zu Boden ging. Ein Dutzend weiterer Kisten schwebte von dem umgestürzten Regal zur Decke hinauf und verharrte dort genau über ihm. Eine Sekunde später stürzten sie auf ihn nieder. Mit dem Laser konnte er sie nicht abschießen, so blieb ihm nichts übrig, als sein Prallfeld zu einer Glocke zu formen, in deren Mitte er sich befand. Die schweren Kisten prallten vom Schild ab, doch es kostete Rix enorm viel Energie und er verlor für ein paar Sekunden den Überblick. Als der Kistenhagel aufhörte, vergrößerte Rix den Umfang seines Prelds – und der Haufen, der sich über ihm aufgeschichtet hatte, stob auseinander. Rix stieg höher, visierte mit seinem Laser die Iril, die aus der Caspian gekommen war, und hielt inne.

Die Iril stand ruhig da, die linke Hand am Gürtel, in der rechten ein Vibromesser, von dessen Schneide ein leichtes Sirren zu hören war. Die Spitze des Messers zeigte nach oben – und einen Fingerbreit darüber hing Scynas Kinn. Rix‘ Gefährtin schwebte bewusstlos in der Luft, Arme und Beine hingen kraftlos herab, ihre nackten Füße über dem Boden.
Rix vermutete, dass die Iril Scynas Körper mit einer Art Levitations- oder Prallfeld in der Luft hielt, das sie durch Projektoren in ihrem Gürtel steuerte. Wenn er die Iril traf und das Feld ausschaltete, würde Scyna nach unten sacken und die vibrierende Klinge des Messers Haut, Sehnen und Knochen durchtrennen. Seine einzige Chance bestand darin, das Messer selbst zu zerstören. Doch bevor er zielen konnte, drehte sich Scyna so, dass ihr Kinn über der tödlichen Waffe blieb, ihr Körper sich jedoch zwischen Rix und das Messer schob.

Einen Moment schalt sich Rix, zu langsam reagiert zu haben. Er tat das Einzige, was er jetzt noch tun konnte: Er fing ein Gespräch an. »Wir hatten keine bösen Absichten», sagte er. «Wir fanden dieses Wrack und wollten nur helfen.»

«Ihr habt auf meine Soldaten geschossen», antwortete die Iril in akzentfreiem Norm.

«Notwehr», erwiderte Rix.

«Das sehe ich anders.»

«Ihr habt das Feuer eröffnet. Wir dachten, ihr wärt Räuber.»

Die Iril wiegte ihren Kopf leicht von einer Seite zur anderen, in ihren Augen schien jetzt doch ein Funken Emotion zu glimmen, aber er verschwand sofort wieder.

Hinter Rix hatten sich die Soldaten unter dem Regal hervorgekämpft und stürmten nun herbei. Sie richteten ihre Waffen auf Rix und redeten in einer Sprache, die er noch nie zuvor gehört hatte und für die er keine Entsprechung in seiner Sprachendatenbank fand. Er nahm die Sätze auf, um sie später zu analysieren.

«Sprecht in Norm», sagte die Iril, die Scyna bedrohte. Sofort kam Ruhe in den kleinen Haufen.

Sie will nicht, dass unsere Übersetzungsgeräte genug von ihrer Sprache aufschnappen, um sie zu verstehen, dachte Rix.

«Wir haben Sie im Visier», sagte einer der Soldaten. «Eine falsche Bewegung, und wir werden Sie erschießen.»

Rix drehte sich einmal im Kreis und musterte die drei Soldaten, die mit ihren Magger-Gewehren auf ihn zielten. «Das hatte ich ganz übersehen.»

Die Iril kam auf ihn zu. Scyna schwebte dabei exakt über der Messerspitze.

«Mein Name ist Tischara.»

«Ich heiße Ega Rix.»

«Ein Roboter mit einem Namen?»

«Ich bin Caraner», erwiderte Rix kühl.

Tischara musterte ihn einen Moment. «Ihr seid also ein Rettungsteam», sagte sie.
«Wir wollten dieses System kartographieren. Dabei stießen wir auf das Wrack. Ich bin bereit zu verhandeln, aber vorher lassen Sie bitte meine Kameradin los.»

Tischara blickte zur Bewusstlosen, dann wieder zu Rix. «Du befindest dich in einer Prallfeldglocke. Löse die Glocke auf, und ich gebe sie frei.»

Diese Feststellung verwirrte Rix. Für die Augen der meisten Wesen war ein Prallfeld unsichtbar. Wenn die Iril es sehen konnten, warum bedrohten sie ihn dann mit ihren Maggern? Schließlich konnten die Geschosse es nicht durchdringen! Vermutlich war nur Tischara in der Lage, das Energiefeld wahrzunehmen, aber Rix konnte keine Scanner an ihr entdecken. Diesem Rätsel muss ich nachgehen, dachte Rix. Doch im Moment konnte er nichts tun, als das Preld aufzulösen.

Tischara schaltete das Messer ab, senkte den rechten Arm und steckte das Messer in ein Futteral. Scynas Körper sank sacht auf den Boden. Tischara behielt ihre linke Hand am Gürtel. Sie zeigte auf die Caspian. «Unser Techniker versicherte mir, dass man mit diesem Boot keinesfalls durch den Hyperraum segeln kann, und ein Brecher ist es ja wohl erst recht nicht. Wo ist euer Mutterschiff?»

Sie haben Blaine noch nicht entdeckt! Das könnte unsere Chance sein, dachte Rix. «Unser Mutterschiff ist fort und untersucht ein benachbartes Sonnensystem», erwiderte Rix.
Tischara musterte ihn und Scyna eingehend, die Augen tief wie endlose Abgründe und ebenso undurchschaubar. «Bist du sicher, dass sich euer Mutterschiff nicht am Heck des Wracks versteckt hält?»

Es war nur ein Test, wurde Rix klar, ein Test seiner Ehrlichkeit. «Uns wurde gesagt, die anderen würden abziehen. Seit wir in diesem Wrack sind, haben wir den Funkkontakt verloren. Die Beschaffenheit der Außenhaut stört unsere Signale.»

Tischaras Lippen kräuselten sich. Sie zog aus einem der Beutel des Gürtels einen Kommunikator und sprach hinein: «Schicke einen Funkspruch auf Norm raus, dass wir zwei haben. Wenn ihnen nichts geschehen soll, sollen sich ihre Kumpels uns zeigen. Sie haben fünf Minuten, nicht länger.»

«Verstanden», kam es aus dem Kom.

Zu Tischaras Füßen regte sich Scyna. Seufzend und grummelnd wurde sie wach, rieb sich den schmerzenden Hinterkopf und blickte mit verschleiertem Blick auf. Sobald sie die Iril sah, funkelten ihre Augen wütend. Tischara ging zwei Schritte zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und musterte ihre beiden Gefangenen.

«Was ist los?», knurrte Scyna.

Rix antwortete: «Sie haben uns erwischt und die Leved geortet.»

Scyna setzte sich auf und warf einen ruhigen Blick in die Runde. Die drei Soldaten bedrohten sie und Rix, weiter hinten lagen zwei ihrer Kollegen betäubt, ein dritter hielt sich mit verwundetem Arm von ihnen fern. Die Caspian war nur wenige Meter entfernt, aber davor stand diese Iril und ihre Haltung zeigte, dass sie sich als Herrin der Situation fühlte – offensichtlich zu Recht. Also sagte Scyna: «Könnte ich mir vielleicht was anziehen?»

«Natürlich», sagte Tischara und trat vor Rix, wobei sie einen Bogen um Scyna machte. Sie streckte die Hand aus und hielt sie direkt unter die Spitze seines dreieckigen Körpers. «Gib mir deinen Laser.»

Rix zögerte, sah aber keine andere Möglichkeit. Im Moment war es das Klügste, Zeit zu gewinnen. Er hatte nicht den Eindruck, dass die Iril sie einfach niederschießen würden. Also griff er mit einem Arm an seine Spitze, löste die Halterung des Lasers und reichte Tischara das dreieckige Fokussiermodul.

Tischaras Kommunikator meldete sich: «Das fremde Schiff entfernt sich vom Heck und fliegt auf uns zu. Der Pilot ergibt sich!»

«Sehr schön», meinte Tischara, dann wandte sie sich an die Soldaten: «Bringt sie in eine Zelle!»

© 2012 Ulli Schwan