Leseprobe Brücken

Allan irrt durch das ihm fremde Köln. Er ist mit Ramona verabredet. Ramona sagte ihm im Zug, dass er sich an Harley wenden soll, sollte sie nicht kommen. Allan weiß weder, dass er das wertvolle Buch bei sich trägt, noch dass Ramona entführt wurde. Unter Hypnose hat sie verraten, wo sie sich mit Allan treffen will. Nun stellen die Entführer Allan eine Falle:

Allan Gaasterland war Zeit seines Lebens ein pünktlicher Mensch. Immer wieder hatten ihm Freunde gesagt, auf ein paar Minuten käme es im Leben nicht an, und er solle das Diktat der Uhren nicht allzu ernst nehmen. Trotzdem meldeten sich die Gaasterland-Gene jedesmal vehement, wenn er einige Minuten zu spät war, so wie jetzt.

Und weil er so spät dran war und sich auf das Wiedersehen mit dieser aufregenden Frau freute, drängte er die seltsamen Erfahrungen zurück. Er hatte einfach nicht die Nerven, um darüber nachzudenken. Aber seltsam war es schon, dass man die Schlösser des Studios ausgetauscht hatte, ohne ihm etwas zu sagen. Er hatte vor der Tür gestanden und war nicht rein gekommen. Zum Glück hatte er Licht gesehen und geklingelt. Eine Putzfrau hatte ihm geöffnet. Er hatte kein Wort von ihrem Redefluss verstanden, denn er beherrschte die türkische Sprache nicht. Auch hatte er diese Frau nie zuvor gesehen.

Beruhigend auf sie einredend, hatte er die Koffer einfach in den Eingangsbereich gestellt. Er hatte schon genug Zeit vergeudet, und zum Auspacken war morgen noch Zeit. Allan hatte sich die neuen Möbel nur im Vorbeigehen angeguckt, dann war er schon wieder auf die Straße geeilt. Die Putzfrau hatte ihm nachgeschaut und auf sein Winken nicht reagiert.

Nach Hause zu fahren und sich umzuziehen war nicht mehr möglich. Denn er hatte sich doch tatsächlich zweimal verlaufen. Dabei war es kein weiter Weg vom Studio zum Engelbät. Während er so durch die Straßen hetzte, wunderte er sich, wieviel Männer Hüte oder Mützen trugen. Dann sah er auf seine Uhr und hatte andere Probleme.

So hetzte er mit pochendem Herzen die Zülpicher Straße entlang, während seine näselnde Besserwisserstimme ihn daran erinnerte, wieviele Minuten er Ramona hatte sitzen lassen und dass eine Frau ihres Kalibers das bestimmt total mies fand, sie ihm eine Szene machen würde – falls sie überhaupt so lang gewartet hatte – und dieser Harley ihm vermutlich einen Zettel geben würde, auf dem stand…

Er hatte die Engelbertstraße verpasst. Also zurück über die Ampel und nach links. Er musste auf der Fußgängerinsel warten und betrachtete die Autos. War heute eine Oldtimer-Ralley gewesen? Viele der Autos hatte noch Heckflossen, und die Kotflügel waren kein Teil der Schnauze, sondern flankierten die V-förmigen Motorhauben. Das Motorengeräusch war irriterend leise. Er sah den Autos hinterher, und war von ihrer Eleganz so eingenommen, dass er fast das grüne Männchen auf der Ampel übersah.

Er lief über die Ampel. Vorbei am Spielzeuggeschäft und dem fast leeren Asiaten. Oder war es ein Italiener? Dann stand er zwei Sekunden vor der Tür zum Engelbät, holte noch einmal tief Luft und ging hinein.

Schon zwischen Tür und Vorhang hörte er das Klavierspiel. Es war emotional, packend. Man musste sich darauf einlassen oder etwas Ergreifendes versäumen. Er trat durch den dicken, dunklen Vorhang und sah die Sängerin an ihrem Klavier. Sie saß breitbeinig auf dem Hocker, verrenkte sich um das Publikum sehen und dessen Energie in sich aufzunehmen zu können.

Das Engelbät war nicht groß, die Bühne nicht mehr als eine kleine Erhebung, auf der Klavier und Sängerin Platz gefunden hatten. Die Wände waren mit dunklem Holz verkleidet. Überall hingen bunte Blechwerbeschilder der letzten Jahrzehnte. Rechterhand standen rustikale Holztische; eine schmale Treppe führte zu den Toiletten. Tiefer im Raum begann die Theke, daneben weitere kleine Tische, eng an die Wand gedrängt. Der Raum war brechend voll. Die Menschen saßen oder standen, hatten Gläser in der Hand und einige Glückliche Crepes auf den Tellern. Die meisten blickten auf die Sängerin, nur wenige tuschelten miteinander.

Im diffusen Licht konnte Allan Ramona nicht finden. In der Masse fiel ihm eine Frau auf, die zwar die Sängerin ansah, aber Allan hatte das seltsame Gefühl von ihr beobachtet zu werden. Ihr Haar war weißblond. Ein langer Finger fuhr hypnotisch um den Rand des Weinglases in ihrer Hand.

Allans Gedanken schweiften von der Fremden ab. Es galt einen Platz in der Kneipe zu finden. Er drückte sich zwischen zwei Männern hindurch an die Theke. Seine Vorfreude wandelte sich zur Angst, versetzt zu werden. Er beruhigte sich, immerhin hatte sie gesagt, dass sie vielleicht später kommen würde. Das Vernünftigste war, sich etwas zu Trinken zu holen. Also wandte er sich zur Theke.

Eine junge Blondine in bauchfreiem roten Top und schwarzer Hose unter der weißen Schürze stand vor vier runden Kochplatten, verteilte Crepe-Teig und legte mit der anderen Hand Zutaten auf einen bereits fertigen Crepe. Eine andere Bedienung unterhielt sich mit dem Mann neben Allan. Sie war klein und schlank, trug eine bunte Flickenhose und ein weißes Shirt. Ihre Haare hatte sie aus dem Nacken rasiert. Sie hatte Rehaugen und eine Stupsnase und die Vierzig schon überschritten. Die Bedienung sah Allan freundlich lächelnd an. «Was kann ich für dich tun?»

«Cidre», bestellte Allan. Einen Moment später hatte er einen eiskalten Apfelwein vor sich stehen.

«Deckel?» fragte sie.

Allan überlegte, ob er gleich zahlen sollte. Aber was wollte er tun, wenn Ramona nicht kommen sollte? Die Musik gefiel ihm, der Cidre schmeckte und vielleicht kam Ramona ja doch noch. Er sagte seinen Namen, stellte seinen Rucksack an die Theke und drehte sich zur Bühne. Über den Köpfen der anderen Gäste konnte er nur den roten Haarschopf der Sängerin sehen. Ihre Stimme füllte den Raum mit jeder Emotion, die sie wollte; nur war Allan nicht in der Stimmung sich darauf einzulassen.

«… can’t stop what’s coming, can’t stop what is on its way …» sang sie, während neue Gäste die Creperie betraten.

Die Bardame grüßte einen Gast, der zum Thekendurchgang kam. Die beiden umarmten sich kurz, grinsten sich an und redeten etwas, das Allan nicht verstehen konnte. Sie nahm dem Mann die Baseballkappe ab und zog sie selbst auf. Allan wandte sich ab.

An ihm vorbei ging ein breitschultriger Kerl mit kurzem Blondhaar und Stiernacken. Er trug eine Bikerjacke, auf deren Rücken ein hubraumverschlingender Chopper abgebildet war. Der Mann blieb im Raum stehen und sah sich um, als würde er jemanden suchen. Allan wollte nicht glauben, dass Ramona mit einem Biker Umgang pflegte, der Kerl schien nicht ihr Typ. Aber was wusste er schon von ihr? Auf alle Fälle passte der Kerl zu dem Namen.

Allan stellte das Glas weg und tippte dem Biker auf die Schulter. «Suchen Sie mich?»

Der Mann drehte sich langsam um und musterte Allan mit kleinen, grünen Augen.

«Vielleicht. Bist du Allan?»

Allan nickte. «Du bist Harley?»

«Ramona wartet auf dich. Sie kann nicht kommen und meint, wir sollten sie besuchen.»

Allan warf einen Blick in die Runde und fühlte sich unbehaglich. Sollte er sich nicht freuen, Ramona bald wiederzusehen? Aber er tat es nicht. Sein Instinkt riet ihm zur Vorsicht.

«Was ist jetzt?» fragte der Biker.

«Ich komme», erwiderte Allan und winkte der Bardame. Sie kam nach einer Weile zu ihm.

«Kann ich zahlen?»

«Klar.» Sie zerdrückte den Bierdeckel. «Dreifünfzig.»

Allan reichte ihr einen Fünfer. «Mach vier.»

Die Bedienung betrachtete den Schein mit gerunzelter Stirn, zuckte dann aber mit den Schultern. «Danke.»

«Kommste?» fragte der Biker.

«Ich krieg noch Wechselgeld.» Allan schulterte seinen Rucksack und die Ausschenkerin kam von der Kasse zurück.

«Schönen Abend.»

«Gleichfalls.»

«Hey», rief der Bekannte der Barfrau vom anderen Ende der Theke. «Harley, bring mir noch ’n Kölsch.»

Allan sah zum Biker, doch der hatte auf den Ruf nicht reagiert. Stattdessen sagte die Bedienung: «Geht klar.»

Allan erstarrte, sah dann hoch auf die Baseballkappe der Frau. Die Worte Harley Davidson schwangen sich in einem Bogen über dem Wappen der Motorradfirma. Allan war für einen Moment aus dem Gleichgewicht, kalter Schweiß brach ihm aus allen Poren. Die Bedienung wandte sich mit der frisch gezapften Kölschstange ab, wollte gehen.

Kurzentschlossen packte Allan sie am Arm, das Kölsch schwappte aus dem Glas.

«Hey, was soll das?» fragte sie aufgebracht.

«Du bist Harley?» Allan sah sie an und hatte das Gefühl, sein Leben würde davon abhängen. Er spürte die Blicke des Bikers im Nacken, kalt wie die Zähne einer Bärenfalle.

«Für dich nicht, Kleiner», erwiderte die Bedienung und riss sich los.

«Kennst du Martinez?»

Sie runzelte die Stirn. «Meinst du Ramona? Was ist mit ihr?»

Sie kannte Ramonas Vornamen. «Ich glaube, sie ist in Schwierigkeiten!»

Eine große Hand legte sich schwer auf Allans linke Schulter. «Komm jetzt!»

«Wir unterhalten uns gerade», unterbrach ihn die Bedienung. «Was meinst du damit?»

«Wir gehen», knurrte Stiernacken.

Allan redete so schnell er konnte, fühlte seine Zeit davonlaufen. «Wir wollten uns hier treffen, oder ich sollte dich finden und fragen, wo sie ist.»

«Ich habe keine Ahnung – »

«Komm jetzt.» Stiernacken zog Allan zu sich, doch der hielt sich an der Theke fest.
Harleys braune Augen leuchteten plötzlich auf. Sie sah in den Raum, schien dort etwas sehr Übles zu sehen und packte Allans Linke. «Er kommt mit mir!»

Allan riss seine Augen auf, als Harley die Kölschstange warf. Bevor er reagieren konnte, segelte sie an ihm vorbei. Hinter sich hörte er sie zerschellen und Stiernacken fluchen. Die Hand verschwand von seiner Schulter.

Er wusste nicht, welcher Teufel ihn ritt, und warum er glaubte, dass einzig Richtige zu tun. Er sprang auf die Theke, fiel auf der anderen Seite auf die Beine. Kurz bevor Harley ihn mit sich zog, sah er die Fremde mit dem weißblonden Haar und den hypnotischen Händen zu Stiernacken eilen.

Allan stürzte hinter Harley in die Küche. Sie eilten zwischen großen Kühlschränken und Geschirrspülern hindurch auf eine Tür am hinteren Ende des Raums zu. Harley zog ihn, obwohl er schon fast rannte. Er hörte einen Tumult aus der Kneipe, dann trat die Blondine durch die Tür. Ihre Augen brannten.

Harley warf Allan nach links, und er rannte mit voller Wucht gegen einen Türrahmen. Benommen torkelte er hinter ihr her, fiel durch die Tür, die hinter ihm zuschlug und rannte gegen einen Mann mit Hornbrille. Verständnislos glubschte Allan den schmächtigen Mann an, der sich Bier von der Cordhose wischte und betrübt den Kopf schüttelte. «Ich war doch erst Dienstag im Waschsalon», murmelte er.

«’tschuldigung», nuschelte Allan, drehte sich um – und verlor vollends die Orientierung. Sie hätten in einem Hinterhof stehen müssen, oder irgendwo auf der Roonstraße, in der Nähe des Univiertels. Sie hatten das Engelbät doch durch die Hintertür der Küche verlassen, also mussten sie irgendwo auf der Straße gelandet sein. Aber auf einer Straße gibt es keine Polstermöbel, keinen Teppich und bestimmt keine Küche, in der ein angeschlagenes Kölschfass steht und ein kaltes Buffet auf sein Verzehr wartet.

Er drehte sich um und sah, wie Harley an der Tür zum Schlafzimmer stand. Sie griff um die Tür um den Schlüssel aus der Innenseite des Schlosses zu ziehen. Dann zog sie die Tür zu und schloss sie von außen ab. «Jetzt kann uns keiner folgen. Hunger?», fragte sie und wies auf den Tapeziertisch, der das Essen trug.

Allan sah sie an. Doch die einzige Frage, die ihm einfiel war: «Aspirin?»
Harley sah in verständnisvoll an. «Der Schlag gegen die Tür war wohl ziemlich heftig. Ich frag mal rum.»

Sie ließ ihn stehen und ging mit schnellen Schritten zu einer übergewichtigen Frau, die auf dem Sofa saß und ihre Handtasche im Schoß liegen hatte. Harleys Frage erinnerte Allan, dass er seit Stunden nichts mehr gegessen hatte, so ging er zum kalten Buffet. Es gab Brötchen mit Körnern und Mohn, Baguettes und Fladen. Auf den Platten lagen Blauschimmelkäse, Gouda und Camambert; zudem Salami, gewürfelte Geflügelwurst und Schinken. In Schalen türmten sich Salate oder Apfelsinen- und Apfelscheiben. Allan entschloss für sich für Fladen und Emmentaler und legte sich einen Teller damit voll. Ihm wurde eine Kölschstange in die Hand gedrückt.

Danach ließ er seinen Blick über die anderen Anwesenden streifen. Sie schienen Künstler jeder Art zu sein. Dort saß eine Frau in schwarzer Jeans und Top, die Fotos auf einen Glastisch legte. Die anderen am Tisch nickten wohlwollend und stellten Fragen zu den Bildern. Eine kleine Gruppe von bunt gekleideten Mittvierzigern hatte sich um ein Gemälde versammelt und strichen sich kollektiv über nicht vorhandene Bärte. Ein Mann in einer alten knielangen Jacke, Lederhose und mit Glatze – offensichtlich einer dieser irren Aktionskünstler – erzählte mit großen Bewegungen von seinem letzten Projekt und ein paar Frauen folgten amüsiert seinen Ausführungen. Am Bücherregal standen mehrere Männer und Frauen in schlichten Klamotten aus Naturstoffen und diskutierten über Literatur. Allan interessierte sich nicht sonderlich für Mode, aber die Schnitte der Anzüge empfand er als auffallend fremd; ob das alles Designerstücke waren? Er fühlte sich hier schlagartig einsam.

Plötzlich stand Harley mit einer Tablette vor ihm. «Hier.»

«Danke. Was ist mit dir?» Er schluckte die Pille.

«Hab keinen Hunger.» Sie organisierte sich ein Kölsch und zog ihn mit in eine Ecke. Der

Bass dröhnte aus einer klirrfreien Stereoanlage. Niemand im Raum schien die Neuankömmlinge zu beachten. Es klingelte an der Tür, und ein brünetter Mittdreißiger ging aus dem großen Raum, wohl um die neuen Gäste einzulassen.

Harley musterte Allan eingehend. «Woher kennst du Ramona?»

«Wir trafen uns heute im Zug. Was ist denn los?»

«Ich dachte, das könntest du mir sagen. Du kommst in die Kneipe mit diesem komischen Kerl im Schlepptau und diese blonde Furie wirft ein Auge auf dich. Was ist mit Ramona los? Was sollen das für Probleme sein?»

«Ich habe keine Ahnung.» Während Allan seine Begegnung mit Ramona knapp schilderte, hörte Harley aufmerksam zu. Erst als er fertig war und einen Schluck nahm, wandte sie den Blick von ihm ab und sah sich um. Sie war seine Retterin – wenn er sich auch fragte, wovor sie ihn gerettet hatte. Sicher war nur, er fühlte sich in ihrer Begleitung sehr viel wohler als bei Stiernacken. Er drehte sich um und blickte zum Fenster hinaus. Hinter den Spiegelungen blickte er sechs Stockwerke hinab auf eine breite Straße. Allan trat hervor und presste seine Nase gegen die Scheibe. Vierspurig verlief die Ringstraße unter ihnen, gespalten von einer kleinen Fußgängerinsel. Er konnte die Rasenanlage am Kaiser-Wilhelm-Ring sehen, aber der war zu Fuß eine Dreiviertelstunde vom Engelbät enfernt.

«Wie zum Teufel sind wir hierher gekommen?», entfuhr es Allan.

Harley sah ihn an ruhig an. «Wir sind über den Pfad gegangen.»

«Was für ein Pfad? Ich kann mich nur dran erinnern, dass ich gegen diesen Türrahmen gedonnert bin, und jetzt stehe ich hier auf der Party, sechs Etagen hoch.»

«Der Schlag war notwendig, damit du locker genug warst für den Pfad.»

«Ich kann mich an keinen Pfad erinnern.»

«Zwischen dem Engelbät und der Balkontür hier liegt ein Pfad», erwiderte sie im Ton einer Kindergärtnerin, die einem sturköpfigen Dreijährigen klar macht, dass die Erbsen in den Mund und nicht ins Ohr gehören.

«Was redest du die ganze Zeit von einem Pfad!», brach es aus Allan heraus. Einige Gästedrehten sich zu ihnen um, aber das war ihm egal. «Wir sind nirgendwo gewesen. Eben waren wir noch am anderen Ende von Köln!»

«Nicht so laut», zischte sie ihn an. «Die meisten der Leute hier wissen nicht – » Sie stockte, ihre Augen wurden noch größer, und im nächsten Moment fuhr sie sich durch die Haare.

«Du hast keine Ahnung, wovon ich rede, oder?»

«Schnellmerker.»

Sie nahm seinen Arm und zog ihn zur Balkontür. «Komm mit.»

«Landen wir dann wieder im Engelbät?»

«Das wäre ziemlich blöd von uns, da wollten wir doch weg, oder?»

Sie traten auf den Balkon. Er war dreieckig, die Spitze zeigte über die Straße unter ihnen. In dieser Gegend gab es kaum Kneipen und damit wenig Fußgänger. Aber ein unablässiger Fluss von Autos floss über die Ringe. Harley sog die warme Nachtluft tief ein, lehnte sich ans Geländer und sah nach unten.

«Sagt dir der Begriff Pfadgeher was?»

Allan runzelte die Stirn. Er trug immer noch den Teller mit Käse und Brot, hatte aber noch nichts davon gegessen. «Ist das ein Wanderer?»

«Und Pfadfinder?»

«Jeden Tag eine gute Tat, meinst du die?»

Harley legte ihre Hände vors Gesicht und seufzte etwas, das sich wie ein schicksalergebenes «Na toll» anhörte. Lange blieb sie so stehen. Allan blickte auf die Stadt hinunter. Er konnte noch nicht genau sagen was, aber etwas war anders. Aus der offenen Tür kam die Party-Musik. Er versuchte, das Lied und die Band zu erkennen, aber es gelang ihm nicht.

Schließlich ließ Harley ihre Hände sinken und sah ihn an. «Der Zug, ist der über die Hohenzollernbrücke nach Köln gefahren?»

«Ja.»

Sie nickte. «Und ist dir heute was Komisches aufgefallen?»

«Außer diesem Stiernacken und dem Flug hierher?»

«Bist du heute schon Bahn gefahren?»

Allan stellte Bier und Teller ab. Er hatte ein ungutes Gefühl, als wäre etwas ganz und gar nicht in Ordnung. Neugierig musterte er Harley, vielleicht konnte sie ihm einiges erklären.

«Worauf willst du hinaus?»

«Sag du es mir.»

«Die Bahnen sind alle pünktlich.»

«Und?»

«Sie kommen zu spät an, aber sie fahren pünktlich los.»

Harley nickte. Sie faltete ihre Hände und betrachtete eingehend ihre Finger. «Sonst noch was?»

«Ich hatte Probleme mit dem Schloss an der Studiotür. Und dieser Kerl hat das Poster gemalt, nicht einfach reingehängt.» Hatte all das einen Sinn? War dieser Tag noch verrückter, als Allan bisher gedacht hatte? Oder war der Tag normal, aber sein Verstand setzte langsam aus?

Sie fragte ihn leise, unsicher. «Als ihr über die Brücke gefahren seid, hattest du da ein komisches Gefühl? Als wäre etwas verrutscht? Oder nichts war dir wirklich vertraut? Das etwas nicht stimmt?»

«Du kennst es», sagte Allan. Sie nickte, ihr Kopf wippte in kleinen Bewegungen, als würde sie es nicht wirklich wollen. Er ging einen Schritt auf sie zu, starrte sie an. «Was ist los mit mir?»

«Mit dir? Du bist völlig normal. Nur der Rest ist anders.» Sie drehte sich zu ihm, legte ihre warme Hand auf seine. «Du bist nicht da angekommen, wo du hinwolltest.»

«Was?»

«Das hier ist die Stadt, die du kennst. Das da hinten ist der Fernsehturm, das da unten sind die Ringe und irgendwo in dieser Richtung ist der Rhein. Aber, sie sind es auf eine andere Weise.»

Das war nicht die Erklärung, die Allan erwartet hatte. Eigentlich war es gar keine Erklärung. Diesen Gedanken brachte er so klar zum Ausdruck, wie er konnte. «Was für einen Scheiß redest du da?»

«Du bist in eine andere Welt gereist.» Ihre Hand packte seinen Arm und hielt ihn fest.

«Brücken führen nicht nur über Täler und Flüsse. Manchmal, wenn man es will oder wenn Ereignisse aufeinander treffen, bringen sie jemanden – dich, mich, egal wen – in eine andere Welt. Es kann sein, dass wir das gar nicht bemerken, weil wir zu blind sind oder an unseren Schemata festhalten, oder wir suchen die Ursache bei uns, denken, unser Hirn spielt falsch. Aber es gibt sie, diese anderen, parallelen Welten. Man benennt sie nach dem Entdecker und der Brücke. Die Welt, aus der du kommst heißt Krüger-Hohenzollern. Diese Welt ist Valaresso-Rialto. Ich weiss nicht, wieso Ramona es so arrangiert hat, dass du in dieser landest. Sicher hatte sie einen guten Grund.»

«Du redest Stuss.»

«Nein. Aber es bringt nichts, es dir erklären zu wollen, bei mir hat es auch nicht geholfen. Ich sage nur: halte die Augen und Ohren offen, dann wirst du verstehen.»

«Wenn das hier eine andere Wirklichkeit ist, wo ist dann meine?»

«Nebenan, auch wenn wir sie nicht sehen oder fühlen können. Viele Welten existieren parallel von einander.»

Er fixierte sie lange, wollte den Sinn ihrer Worte nicht verstehen, wehrte sich gegen diese Erklärung. Er war davon überzeugt, dass sie ihn anlog, und würde es ihr beweisen: «Wenn das hier eine andere Welt ist, wieso war das Engelbät dann an der gleichen Stelle wie sonst auch immer?»

«Ramona hat dir nicht gesagt, wo es ist?»

«Das war nicht notwendig.»

Harley nickte, unterbrach den Blickkontakt aber nicht. «Dann kommen wir beide aus der gleichen Welt. Mich hat es vor ein paar Jahren hierher verschlagen. Wenn du das Engelbät kennst, weißt du auch, dass es immer voll ist. Ich dachte mir, was in unserer Welt klappt, funktioniert bestimmt auch hier. Also kopierte ich es, so gut es ging. Und der Plan ging auf. Zufrieden?»

«Blödsinn.»

Allan wollte sich abwenden, da wurde Harleys Griff eisenhart. Überrascht über ihre Kraft, blickte er sie an. «Mir ist egal, ob du mir das glaubst oder nicht. Nur eins ist sicher: Ramona ist in ernsten Schwierigkeiten und ich brauche dich, um ihr zu helfen.»
In Harleys Gesicht sah er Besorgnis. Vielleicht war diese Frau eine Irre, die zuviel in Esoterik-Büchern herumschnüffelte und sich Drogen aus kontrolliert biologischem Anbau reingedröhnte. Aber sie war diejenige, zu der Ramona ihn geführt hatte und sie hatte ebensoviel Angst um sie wie er. Die Sorge um Ramona verband ihn mit Harley. Aber sollte er sich wirklich auf diese Sache einlassen, mit einer Irren im Schlepptau?

«Es ist wohl besser, wenn ich einfach nach Hause gehe», erwiderte er, und war von seiner Antwort selbst nicht überzeugt.

«Das kannst du nicht.»

«Willst du mich aufhalten?»

Harley ließ ihn los und schüttelte den Kopf. «Das brauche ich gar nicht. Du wirst dein zu Hause nicht finden. Nicht hier, nicht in dieser Welt.»

«Blödsinn», sagte Allan abermals, ging aber nicht weiter darauf ein. «Wieso rufen wir nicht einfach die Polizeit?»

«Weswegen?»

«Damit sie Ramona sucht. Ich komme gern auf die nächste Wache mit und erzähle alles. Aber dann gehe ich nach Hause.»

Harley verschränkte die Arme vor der Brust. «So, du willst also zur Polizei. Was willst du denen erzählen? Dass eine Frau, die du im Zug kennengelernt hast, nicht zu einer Verabredung kam, dich stattdessen ein schräger Typ angesprochen hat und du daraufhin mit mir hierher geflogen bist?» Harley klatschte ihm spöttisch Beifall. «Tolle Idee. Bravo.»

«Dann eben nicht», erwiderte Allan trotzig.

«Hilf mir, bitte», sagte Harley, wieder ernst. «Ramona hat dich nicht ohne Grund zu mir geschickt. Ich will sie finden, und du könntest mir helfen. Ich verspreche auch, dich mit dieser parallelen Welt in Frieden zu lassen. Mach dir dein eigenes Bild. Was du gesehen hast, war erst der Anfang. Ich verspreche dir, wenn wir Ramona gefunden haben, finden wir einen Weg zurück für dich. Abgemacht?»

Allan spürte seinen Widerstand schwächer werden. Ihm fiel alles ein, was ihm in den letzten Stunden seltsam angemutet hatte. Die Autos, die Bahnen, die Kleider und dieser unerklärliche Sprung über mehrere Kilometer. Zudem war da noch etwas anderes. Er sah Ramonas Gesicht vor sich. Er konnte sie nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Was, wenn sie in einer ernsten Gefahr schwebte? Dieser Kerl mit dem Stiernacken wirkte gefährlich, und diese Blondine mit den glühenden Augen unheimlich. Allan wollte sich gar nicht ausmalen, was die mit Ramona tun mochten. Und was waren schon ein paar Stunden seiner Zeit? Er würde Ramona wiedersehen und danach nach Hause gehen; vielleicht mit ihrer Telefonnumer in der Tasche. Das klang doch gar nicht so schlecht. Zögerlich fragte Allan: «Was soll ich tun?»

Harley lächelte; es war ein kleines Koboldlächeln, das sie um Jahre jünger machte. «Stiernacken sollte mit dir Kontakt aufnehmen. Die Leute, wegen denen Ramona in der Patsche sitzt, sind jetzt hinter dir her. Dafür muss es einen Grund geben. Du musst etwas wissen oder haben, dass sie wollen. Hat Ramona irgendwas zu dir gesagt, dir etwas gegeben?»

«Moment.» Allan griff in seine Hosentasche und zog den Zettel heraus, auf dem Ramona ihm Ort und Zeit des Treffens aufgeschrieben hatte. Erst jetzt bemerkte Allan die seltsam Beschaffenheit des Papiers; es schien, als wäre es mit Fäden durchzogen. Das war ihm im Zug gar nicht aufgefallen. Er reichte ihn Harley. «Das gab sie mir im Zug.»
Harley faltete den Zettel auseinander und nickte. Allan sah ein rotes Siegel. «Ein Passierschein. So hat sie dich rüber bekommen. Wenn das ihr Ticket ist, ist sie vielleicht noch drüben. Seid ihr zusammen ausgestiegen?»

«Ja – das heisst, an der Tür habe ich sie aus den Augen verloren. Aber wir sind zusammen in den Bahnhof eingefahren.»

«Dann hatte sie noch eins.» Harley drehte das Ticket herum, betrachtete es eingehend.

«Das kann es nicht sein. Gab sie dir sonst noch was?»

«Nein.»

«Denk nach.»

«Da war nichts.»

«Nur so würde alles Sinn machen.»

Dieser Satz klang fast wie Hohn. Seit er aus dem Zug gestiegen war, schien nichts einen Sinn zu machen. Allan sparte sich eine Bemerkung. Er zuckte nur mit den Schultern.

«Egal, wir sollten von hier verschwinden. Stiernacken hat bestimmt Freunde und die werden bald hier auftauchen», meinte Harley und ging Richtung Balkontür.

«Können die denn auch über den Pfad kommen?»

«Hätten sie einen Pfadgeher, wären sie schon längst hier. Aber der Pfad ist bekannt, er ist auf jeder Karte. Sie wissen, wo wir rausgekommen sind.» Sie blieb stehen und sah ihn an.

«Kommst du?»

«Wo wollen wir hin?»

«Ins PerlsX, zu einer Freundin. Vielleicht kann sie uns weiterhelfen.»

«Über den Pfad?»

Harley schüttelte den Kopf. «Nein, ganz normal. Was ist jetzt?»

Allan zögerte. Das Vernünftigste wäre es nach Hause zu gehen, sich schlafen zu legen und morgen aufzuwachen und alles wäre wieder ganz normal. Solange er an Harleys Seite blieb, würde er nur viel tiefer in diese Geschichte schliddern. Außerdem, wie lange würde ihr Wahn noch ungefährlich für ihn bleiben? Auf der anderen Seite, was war, wenn sie recht hatte? Er würde seine Wohnung nicht finden und völlig allein in dieser fremden Welt sein.
Allan war erstaunt über sich selbst, dass er Harleys abstruser Geschichte auch nur teilweise Glauben schenkte. Sicher gab es eine vernünftige Erklärung für all das, er musste sie nur finden. Also folgte er Harley.

© 2012 Ulli Schwan