Leseprobe »Das Blut der Mondwandler«

»Wenn sie unser Geheimnis entdecken, werden sie uns töten, Mikail! Deswegen verstecken wir uns. Es tut mir leid, mein Sohn.«

Vater drückte meine Hände, dass es schmerzte. Ich war still aus Angst, man könnte meine Stimme hören und nickte nur. Er zog mich zu sich heran und presste mich so fest an sich, dass ich für einen Moment nicht atmen konnte. Meine Arme reichten kaum um seinen breiten Rücken, nur die Fingerspitzen berührten sich. Er war ein Bär, der stärkste Mann den ich kannte. Wovor konnte ein solcher Mann Angst haben? Dieser Gedanke verstärkte die meine.

Dann schob er mich von sich fort. Er erhob sich zu seiner vollen Größe und sah sich in dem kleinen Zimmer um. Er schwenkte die Taschenlampe, deren Linse überklebt war, so dass ihr Licht nur ein diffuses Graugelb war. Es gab hier keine Möbel und die Fassungen der Deckenleuchten waren leer. Die Wände des Hauses waren dick und mit Tapeten überklebt, deren Muster ich in dem Zwielicht nicht erkennen konnte. Ich roch den Schimmel, der sich durch den feuchten Leim fraß und dunkle Muster in den Zimmerecken bildete. Irgendwo floß Wasser in dünnen Rinnsalen über eine Wand und tropfte zu Boden. Nicht hier, in einem der Nebenzimmer.

Vater trat an das Fenster, beschattete dabei die Taschenlampe mit seiner Hand. Ich stellte mich neben ihn, blickte durch das dreckige Glas hinaus in den Wald. Die Sonne war noch nicht völlig untergegangen, doch ihre Strahlen wurden gedämpft von schweren Wolkenbergen, die unbeweglich über dem dichten Wald standen. Der Schnee war die letzten Tage unaufhörlich gefallen, heute schwebten weiße Flocken fast schwerelos herab.
»Der Schnee wird unsere Spuren verdecken«, murmelte Vater zu sich selbst. Er schnüffelte. Da versteifte sich sein Körper, und sein Kopf fuhr herum, als hätte er Angst, ich hätte ihn bei etwas Verbotenem zugesehen. Für einen Moment glaubte ich, er würde in mir einen Fremden sehen. Unwillkürlich wich ich einen Schritt vor ihm zurück. Seine Hand fiel schwer auf meine Schulter. »Spürst du es?«

Ich spürte es. Was immer es war, was meinen Körper jucken ließ, als würden Bläschen in meinem Blut blubbern, jeder Muskel in meinem Körper sich wünschen, dass ich ihn benutzte.

»Komm mit.« Vater fasste mich bei der Hand und zog mich hinter sich her. Ich stolperte mehr, als das ich lief. Meine Beine zitterten; vor Schwäche, dachte ich zuerst, aber als ich hinter Vater hereilte, spürte ich eine Kraft in ihnen, die mir fremd war.

Vater zog mich um eine Ecke herum in den Flur. Hier kniete er sich nieder, öffnete das Zahlenschloss, welches eine schwere Eisenkette hielt, und riss die Falltür auf. Mit der Taschenlampe leuchtete er eine steile Leiter hinab, die in den Keller führte. »Runter mit dir!«

Ich wankte ich die Sprossen hinab. Hier unten waren die Betonwände unverputzt und der Boden uneben. Der Raum war erstaunlich hoch, vielleicht mehr als drei Meter. Es war kalt und das einzige Licht kam von der Lampe, die Vater gegen die Decke richtete. Er sicherte mit der Eisenkette die Falltür von innen. Dann kam er herab, packte die Leiter und trug sie in einen kleinen Nebenraum. Die Tür des Nebenraums war schwer, selbst Vater musste sich anstrengen, um sie zu schließen. Er verriegelte sie mit dem Zahlenschloss. Nur Vater kannte die Kombination.

Ich war eingesperrt!

Vater sah mir meine Angst an. »Vertrau mir!«

Natürlich vertraute ich ihm, das hatte ich immer getan, wie konnte er nur denken ich würde nicht?

So folgte ich ihm in einen weiteren Raum. Ich trat in die kleine Zelle. Es gab nur ein Fenster, mehr ein in die Decke eingelassener Schacht der mit  einem Gitter und Glas versehen ist, unter ihm stand ein großer Spiegel, der das Licht reflektierte und in die Zelle warf. Hinter dem Beton roch ich das Erdreich, kalt und tot. Jedes Leben hatte sich zurückgezogen um den Winter zu überstehen. Ich drehte mich um und sah Vater an der offenen Tür stehen. Er zögerte, dann reichte er mir die Taschenlampe. Ich nahm sie entgegen und leuchtete in den Raum, drehte mich dabei um mich selbst. In diesem Moment krachte hinter mir die Tür zu. Ich wirbelte herum – und war allein. Sofort rannte ich zur Tür und schlug dagegen. »Vater! Lass mich raus!«, schrie und schluchzte ich.

»Es muss sein, Mikail! Es muss! Ich bin hier, Mikail, ich bin bei dir. Mein Sohn, ich tue es für dich!«

Wie konnte das gut für mich sein? Was hatte ich Böses getan?

Ich weinte und bettelte. Wie lange, kann ich nicht sagen. Irgendwann hörte ich auf zu weinen, beruhigt von Vaters Stimme. Ich lehnte an der Tür, voller neuer Kraft, die mir Angst macht. Allein, eingesperrt in einen kalten Keller.

»Mikail?«, hörte ich Vaters Stimme.

»Ja.«

»Es wird gut werden. Nach dieser Nacht wirst du alles verstehen. Das verspreche ich dir. Jetzt lass uns beten, mein Sohn. Gott wird uns helfen, diese Bürde gemeinsam zu tragen.«
So beteten wir, getrennt durch die dicke Tür und vereint in der Angst vor den anderen und vor uns selbst. Es waren die Gebete, die wir jeden Tag sagten, seid wir Mutter und meine beiden Schwestern verlassen hatten. Wir beteten, bis Vaters Stimme verschwamm. Ich hörte ihn noch, sogar jeden Moment klarer – aber ich verstand kein Wort mehr. Ich presste mein Ohr gegen die Tür, in der Hoffnung, besser zu verstehen, die Laute aus Vaters Mund zu begreifen. Ich flüsterte sie nach, automatisch wie in all den vielen Nächten – bis mir auffiel, dass meine Stimme keine Wörter mehr bildete. Erschreckt verstummte ich, setzte noch mal an. So klar ich die Buchstaben auch artikulieren wollte, aus meinem Mund kam nicht mehr als ein heiseres Krächzen. Ich legte meine Hände um den Hals, räusperte mich und setzte ein weiteres Mal an und versagte. Ein unartikuliertes Brummen war alles, was ich zustande brachte.

Gedämpft, wie in einem dichten Nebel, hörte ich meinen Namen. Er kam von der anderen Seite der Tür. Vater hatte gemerkt, dass ich dem Gebet nicht mehr folgte. Obwohl ich seine Worte nicht verstand, war mir klar, was er meinte: Er machte sich Sorgen und wollte, dass ich ihm antworte.

Ich brachte kein Wort heraus. Verzweifelt wollte ich schreien – meine Stimme versagte. Ich holte aus, um mit der Faust gegen die Tür zu schlagen, doch verharrte mitten in der Bewegung. Geschockt sah ich auf meine Hand – sie sah völlig anders aus: Der Handrücken verdickte, er glühte wie wenn ich ihn verbrannt hätte, meine Finger schwollen an, dick wie Würste und an den Fingerspitzen schob sich etwas nach vorne, stach von innen gegen die Haut, die sich dehnte, dehnte und riss und zwischen Blutstropfen schoben sich scharfe Krallen aus den Fingern. Es tat so weh! Heulend starrte ich darauf. Mein Körper war mir fremd, ekelhaft. Ich wollte wieder normal sein und da mir kein anderes Mittel blieb, brüllte ich die Krallen an mit einer Stimme, die nicht mehr die meine war, sondern das Brüllen eines Tieres.  Sie war laut und gefährlich und flößte mir Angst ein. Meine eigene Stimme!
Dann taumelte ich, denn meine Fußsohlen wurden schmal, reckten sich hinauf, dass meine Fersen sich weit erhoben. Meine billigen Schuhe platzten auf. Ich stand auf breiten Fußballen und Zehen, die sich kraftvoll und krallenbewehrt auf den Boden drückten. Ich kämpfte um Gleichgewicht und verlor, als die Hüften sich verformten und meine Beine zu einem puppenhaften Tanz zwangen. Ich stürzte auf den harten Boden. Schreiend vor Angst, Ekel und Schmerz schloss ich die Augen und spürte die Flut von Tränen trotzdem durch die Lider fließen, meine Wangen hinab. Aber waren das noch meine Wangen? Sie brannten wie Feuer, schienen zu zerreißen über meinen wachsenden Kiefern, aus denen sich fremde Zähne durch das Zahnfleisch schoben.

Haut knirschte wie altes Leder und Knochen schabten, Knorpel knirschte und Stoff zerriss. Über all dem Schreien, meine unartikulierten Bitten um Hilfe, es solle aufhören, die groteske Verstümmelung enden. Womit hatte ich diese Strafe verdient? Ich würde alles tun, um gut zu machen, was immer ich verbrochen hatte! Ich begann stumm zu beten, aber auch das half nicht.

Die am ganzen Körper wachsenden Haare spürte ich gar nicht, dafür das Vergrößern des Brustkorbs: Rippen weiteten sich schlagartig, als sich meine Wirbelsäule verformte und sie in eine neue Position zwang. Sekunden raubte mir das brennende Stechen den Atem – dann war jeder folgende Atemzug tiefer, ich spürte eine Weite in meinen Lungen wie nie zuvor. Der neue Atem glich einer Befreiung, eine Sensation der Sinne, die nach all den Schrecken und Qualen den Schmerz linderte wie kühles Wasser auf verbrannter Haut. Mein Herz raste in der Brust, fremd war es mir, da ich es noch nie so deutlich gespürte hatte. Aber es schlug kräftig wie nie zuvor, pumpte Blut durch mich, das mir versicherte zu leben.

Immer noch weinend, wagte ich die Augen zu öffnen. Das Zimmer zerfloss durch den Tränenschleier. Ich riss an meinen Kleidern, starrte die Fetzen in meinen Händen an, die nicht mehr die meinen schienen. Ich schrie nach Papa!

Die Tür blieb verschlossen.

Dies war der Abend meiner ersten Wandlung. Eingesperrt in einem von Mondlicht durchfluteten Keller fand ich wimmernd und heulend zu meiner anderen Natur.

*

Zweieinhalb Jahrzehnte später lege ich die letzten Äste in den Tragekorb und schultere ihn. Der Korb, gefüllt mit Brennholz für meinen Kamin, drückt auf meine Schultern, während ich durch den Wald spaziere und mich frei fühle. Es ist Anfang Oktober und die Herbstsonne steht nah über den Baumwipfeln. Lange Schatten fallen ins Unterholz, geben allerlei Getier das sichere Gefühl auf Beutezug gehen zu können. Ich höre ihr Krabbeln und Rascheln, während meine Schuhe über trockenen Boden laufen. Die Laubbäume tragen ein rotes Blätterkleid, das sie beginnen abzuwerfen. Tannen ragen immergrün zwischen ihnen auf. Über den Holfzabfuhrweg laufe ich vorbei an der Schlagfläche und dem benachbarten Saatkamp, der von einem Wildgatter aus Maschendraht umfriedet wird. Von hier aus sind es nur noch fünf Minuten bis zur Lichtung.

Ich liebe diese Jahreszeit mehr als den Sommer, nur der Frühling kann sich mit dem Herbst messen. Ich liebe die Stürme, die Wandlungen der Natur. Sie sind es, die uns spüren lassen, was Zeit bedeutet: Vergehen und Entstehen, immer wieder aufs Neue, Veränderung als einzige Konstante. Und doch ist nichts vergessen, sondern nur das Fundament für das Zukünftige.

Ich erreiche den Waldrand und beschleunige mein Schlendern zu einem  strammen Gang. Mein Anwesen ist nicht sehr groß: Ein kleines zweigeschossiges Haus mit langgestreckter Scheune, einer Garage und einer Wiese von den Ausmaßen eines Fußballfelds. Ein kleiner Bach läuft hinter der Scheune durch das Anwesen, so schmal, dass man über ihn springen kann. Der hüfthohe Holzzaun ist zumeist von Büschen überwuchert. Sowohl er als auch die Bänke müssen vor Wintereinbruch noch gepflegt werden. Ich hatte mir vorgenommen, mir das heute genauer anzuschauen, aber dazu werde ich wohl nicht kommen.

Auf dem Kiesweg, der durch den Greifenforst auf mein Anwesen führt, steht ein schwarzer Geländewagen, wie ihn Städter fahren die asphaltierte Straßen nie verlassen. Der Besuch war nicht angekündigt, aber ich entspanne mich, als ein Freund von mir um den Wagen herumkommt und mir zuwinkt. Ben ist Mitte zwanzig, hat dunkelblondes Haar und grüne Augen und riecht wie ein klarer Waldsee. Unter einem Ledermantel trägt er einen blauen Pullover, dazu Jeans und Boots. Er lehnt sich gegen die Motorhaube des Wagens, die Hände in den Hosentaschen. Er grinst mich jungenhaft an.

Ich stelle den Korb ab und reiche Ben die Hand. »Was führt dich her?«

»Szandar schickt mich. Er hat Arbeit für uns.«

Der Zaun und die Bänke müssen also noch etwas warten. »Ich ziehe mir nur etwas anderes an.«

Auf die Motorhaube seines SUVs klopfend, sagt er: »Nagelneu. Gestern gekauft.«

Ich mustere den Audi kurz. »Dann kannst du ja das Taxi spielen.«

Ben folgt mir ins Haus. Wir gehen hinauf ins Schlafzimmer, wo ich Socken, Jeans, T-Shirt und Pullover aus dem Schrank hole. »Worum geht es?«

»Eine Teenagerin ist ausgerissen um an der Seite ihres Schatzes zu sein. Wäre nicht das erste Mal, dass es einem in der Sippe zu eng wird und versucht auszubrechen. Früher oder später kommen sie alle zurück.«

»Wohl besser früher als später.« Wenn Szandar nach mir schickt, will er nicht warten, bis die Ausreißerin selbst erkennt, dass man in der Sippe ein viel besseres Leben hat als draußen unter Menschen, wo man seine Natur verstecken muss. Sie zu finden dürfte nicht allzu schwer sein – sie davon überzeugen, zurückzukehren würde mich jedoch den letzten Nerv kosten. Ich kann nur leidlich mit Kindern und gar nicht mit pubertierenden Teenagern. Ben dagegen kommt mit so ziemlich jedem zurecht. »Schon was vor?«
Er weiß um mein Unbehagen und lächelt. »Wir werden die Kleine schon wieder Heim holen.«

Ich steige kurz unter die Dusche. Als ich aus dem Bad komme, lehnt Ben an der Tür. »Hast mich noch gar nicht nach dem Namen der Kleinen gefragt.«

Ich ziehe die Lederjacke an, nehme meine Umhängetasche und das Etui mit den Dietrichen. Mein Messer stecke ich ins Futteral am Gürtel. »Und?«

»Ewa Lindner. Gunthers Nichte.«

»Wäre ja auch zu einfach gewesen.«

*

Wir fahren mit Bens Audi Q5 eine Weile durch den Greifenforst und dann auf die Aachener Landstraße. Ostkamp liegt eine gute halbe Stunde vor uns.

Die Stadt ist alt. Gegründet als Grenzposten der Römer gegen die Germanen, arbeitete sie sich im Mittelalter zu beachtlicher Größe empor. Sonnend in diesem Ruhm verschliefen die reichen Bürger den Beginn der Neuzeit und bis heute ist die Stadtplanung ein Haufen von Kompromissen zwischen dem Erhalt des alten Stadtbilds und den Anforderungen zeitgemäßen Straßenbaus. Im Süden der Stadt, dort wo früher die Schiffer ihre Güter den Stadtbewohnern feilbieten mussten, bevor sie ihre Reise auf dem Fluss fortsetzten konnten, liegt unser Viertel: Am Alten Kai.

Im Jahr als die Thesen in Wittenberg angeschlagen wurden, ließ sich Nikodemus Kartheiser in der Stadt nieder. Er hatte die Welt bereist und als Kaufmann ein kleines Vermögen gemacht. Nikodemus eröffnete ein Kontor und führte seine Geschäfte weiter – erfolgreich genug, um das Geld in Grundstücke zu investieren. Erst kaufte er die Häuser in der Nähe seines Kontors, dann weitete er seine Besitztümer aus. Seine Nachkommen gingen durch gute und schlechte Zeiten, dem Alten Kai blieben sie treu, bauten den Besitz aus und hießen andere unserer Art willkommen. Aus der Familie Kartheiser wurde die Sippe, die hunderte Jahre später die meine ist.

Das meiste Geld machen die Kartheiser immer noch als Kaufleute. In der ganzen Welt haben sie ihre Geschäftspartner, nennen sogar eine Handvoll Überseeschiffe ihr eigen. Das Geld kommt sowohl der Familie als auch der Sippe zu Gute. Eine weitere Geldquelle sind Immobilien. Heute zahlen fast die Hälfte aller Mieter, Ladenbesitzer und Kneipen Pacht an uns, und nahezu die gesamte Sippe lebt im Alten Kai.

Bens schwarzer Audi wirkt in dieser Gegend nicht sonderlich auffällig, es gibt genügend wohlhabende Ladenbesitzer und gut verdienende Angestellte, die selbst derlei Autos fahren. Nur ein paar Teenager schauen uns nach. Jetzt, am späten Nachmittag, gehören die Straßen den Kindern. Sie stehen herum, die Mädchen in hautengen Jeans und hohen Stiefeln die sie reifer erscheinen lassen sollen, aber nur ihr Unreife unterstreichen. Die Jungs tragen Hosen, die ich ihnen am liebsten strammziehen und Frisuren, für die ich meinen Friseur verklagen würde.

Unser Ziel ist die Trattoria Rialto, der beste Italiener der Stadt. Bevor wir auf den Kundenparkplatz kommen, müssen wir an einer Polizeistreife vorbei, die sich mit einer jungen Frau und einem älteren Herr unterhalten. Ich lasse den Streifenwagen und die Polizisten nicht aus den Augen, während Ben einparkt. Ich habe nichts gegen Polizisten, ich sehe sie nur nicht gern in unserem Viertel. Es ist ihr Beruf, Fragen zu stellen und misstrauisch gegenüber Antworten zu sein. Würde ein Polizist seinen Job über Gebühr gut machen, könnte es zu Komplikationen kommen – für uns und ihn.

Bevor wir das Rialto betreten, werfe ich den Polizisten einen letzten Blick zu und merke mir ihre Gesichter. Im Inneren empfängt uns der intensive Geruch von Gewürzen, gebackenem Teig und selbst gemachten Nudeln, dazu stehende Luft und wohlige Wärme. Der Steinofen wird schon seit Stunden befeuert, wenn im Moment auch nur wenige Gäste anwesend sind. Das Tageslicht wird von Bleiglasfenstern gedämpft, dafür spenden gedimmte Lampen und Kerzen weiches Licht.

Der Besitzer des Rialtos kommt uns entgegen mit einem breiten Lächeln und reicht uns die Hände. Sein Rasierwasser überdeckt den Küchengeruch. Er gehört nicht zu unserer Sippe, zahlt aber, ohne es zu wissen, in unsere Kasse, da seine Miete bei uns landet.

Szandar ist bei ihm Stammgast, was sowohl der guten Küche als auch der Diskretion geschuldet ist. »Ihr kommt zu Szandar?«, fragt er und winkt uns zu einem Tisch in den hinteren Nischen.

Ich deute zur Tür. »Was ist denn da draußen los?«

»Das? Autounfall. Mann hat Fahrradfahrerin angefahren, aber sie ist heil.«

Beruhigt folge ich. Als wir uns nähern, kommt uns ein grauhaariger Mann im Trenchcoat entgegen. Wir grüßen uns knapp. Neben einer Nische steht Michael, Szandars Leibwächter, und nickt mir zu. Er riecht nach Brennesseln und Minze und ich weiß um seinen effizient trainierten Körper, der unter dem Anzug verborgen ist. Er geht einen Schritt zur Seite und setzt sich so an den Nebentisch, dass er das Lokal gut im Blick hat.
Szandar steht auf und reicht mir und Ben die Hand. Er ist ein Mann von schlanker Gestalt und durchschnittlicher Größe mit einem Geruch von Rauch und Ingwer. In den Jahren, seit er Patriarch der Sippe ist, wurde sein blondes Haar grau und die Gesichtszüge des schmalen Gesichts noch schärfer. Umso auffälliger ist seine Stimme: dunkel und sanft, seine Aussprache ist langsam mit auffälliger Betonung. »Hallo Nathaniel. Ben. Ich hoffe, ich halte euch nicht von Wichtigem ab.«

»Nein«, sage ich. Ben schüttelt nur den Kopf. Selbst wenn wir Wichtiges zu tun gehabt hätten, wären wir sofort gekommen. Szandar ist der Ehemann einer direkten Nachfahrin des Sippenbegründers, und noch viel wichtiger: Er ist der Patriarch. Das Oberhaupt unserer Sippe. Sein Wunsch ist für uns Befehl – nur befiehlt er nicht gern. Ich kenne andere Sippen, in denen der Patriarch oder die Matriarchin ein strenges Regime führen. Jederzeit erinnern sie einen an die Macht, die sie über jeden in ihrer Sippe haben. Die Patriarchen der Kartheiser-Sippe waren schon immer anders, speziell Szandar. Er läßt uns viele Freiheiten, befürwortet den Kontakt zu Leuten außerhalb unserer Sippe. Solange die Regeln beachtet werden, kann man tun was man will. Es sind nur wenige Regeln, doch sie sind absolut. Und wer gegen sie verstößt, wird bestraft. Wenn er Glück hat, von Szandar. Wenn nicht, von mir.

Wir bestellen Getränke, setzen uns und und warten schweigend. Als unsere Bestellung ankommt, stoßen wir an und Szandar kommt zum Geschäftlichen.

»Gestern Abend kam Esther Lindner zu mir«, erzählt er. »Sie sagte, ihre Tochter – Ewa – wäre nicht nach Hause gekommen. Esther vermutet, sie wäre mit einem jemandem zusammen, der nicht zu uns gehört. Sie weiß nicht, wie er heißt oder was er tut. Esther sagte, sie hätte in letzter Zeit kaum Zugang gehabt zu ihrer Tochter. Das ist zwischen Mutter und Tochter nichts Ungewöhnliches, aber Esther ist besorgt und will wissen, wo ihre Ewa ist.« Szandar sieht mich an. »Ich will wissen, was Ewa ihrem Freund über ihre Mutter und uns erzählt hat.«

»Verstehe.« Wenn die Kleine zu viel redet oder schlecht lügt, kann sie sich und uns ganz schnell in Gefahr bringen. Verschwiegenheit gegenüber Fremden ist eine der wenigen Regeln, deren Einhaltung Szandar von uns fordert. Und dies mit geradezu religiösem Eifer. Denn unsere Sippe hat all die Jahrhunderte nur überlebt, weil sie im Schatten blieb.
Szandar zieht eine Karte und einen Füllfederhalter aus seinem Jackett und schreibt eine Adresse auf. »Dort arbeitet Esther als Übersetzerin. Sie hat in einer knappen Stunde Feierabend. Ich sagte, du holst sie ab.«

Ich lese die Adresse und gebe den Zettel Ben. »Sonst noch etwas?«

»Finde Ewa und bringe sie zu mir. Dann sehen wir weiter.«

»Wird gemacht.«

Ben und ich leeren unsere Gläser und brechen auf.

*

Zur verabredeten Zeit steige ich aus Bens Wagen und gehe zu dem hohen Bürogebäude am Clausewitz-Platz. Es ist eine Konstruktion aus Glas, eckig und senkrecht ragt es über dem historischen Platz auf, über den zweispurige Straßen und vier Bahnlinien kreuzen. Der Knotenpunkt des Geldviertels von Ostkamp. Hier   findet man auf kleinem Raum mehr Banken, Versicherungen und exklusive Bars als sonstwo in der Stadt. Eine Übersetzungsfirma, die sich die Mieten in dieser Gegend leisten kann, muss gut im Geschäft sein und ihre Mitarbeiter dementsprechend fit, so wohl auch Esther Lindner. Wie die meisten aus der Sippe hat sie einen normalen Job, arbeitet unter Menschen, die nichts von ihrer wahren Natur ahnen. Wieso auch nicht? Wir brauchen das Geld wie jeder andere auch, denn die meiste Zeit leben wir wie Menschen. Aber Geld zu verdienen, indem man stundenlang im Büro sitzt und am Computer arbeitet, wäre nichts für mich. Feste Arbeitszeiten sind mir ein Graus.

Um diese Zeit schließen viele Büros und aus den Glastüren strömen die Mitarbeiter in kleinen Gruppen. Einige laufen zu den Bahnen, andere schwingen sich auf die herumstehenden Räder. Größere Gruppen schlendern zu den Cocktail-Bars, unterhalten sich laut über Geschäfte und Kollegen. Ich lasse sie einfach an mir vorbei ziehen und suche nach einem bekannten Gesicht, eines, das ich während unserer Zusammenkünfte schon einmal gesehen habe. Oder in jener Nacht, als ich Gunther besiegte und demütigte.
Sie tritt durch die Türen, allein, und sieht sich um. Als sich unsere Blicke kreuzen, erkenne wir uns sofort. Wir haben uns auf einigen Sippenjagden gesehen und natürlich bei ein paar Gelegenheiten, als ich noch unter ihrem Bruder diente. Schon damals fand ich sie beeindruckend. Sie kommt auf mich zu, ohne zu lächeln. In ihren Zügen sieht man Schönheit gewürzt mit der Würde vier gelebter Jahrzehnte. Unter dichtem schwarzen Haar betrachten mich Moccaaugen. Sie trägt Stoffhosen mit Nadelstreifen, dazu eine passende Jacke und einen weißen Rollkragenpullover. Sie mustert mich ebenso intensiv wie ich sie. Als wir voreinander stehen bleiben, verschränkt sie die Arme vor der Brust, will Distanz wahren. Ist mir nur recht, wenn wir das alles als ein Geschäft sehen, ich mag keine Komplikationen.

»Szandar hat also dich geschickt«, stellt sie fest. Ihr Duft erinnert an sonnige Weizenfelder.
Ich nicke zur Antwort, reiche ihr die Hand. Ihr Druck ist kräftig. »Ist das ein Problem?«
»Und wenn?« Im nächsten Moment fällt ihr Verteidigung. Sie hat wohl erkannt, dass dies nicht die Zeit für schnippische Antworten ist. »Wo fangen wir an?«

»Ich bin mit dem Auto da. Auf dem Weg, kannst du mir sagen was los ist.«

So gehen wir zu Ben und Esther erzählt: »Ewa macht seit einigen Wochen Schwierigkeiten. Keiner weiß, wo sie herum streunt. Ich ließ sie gewähren, in ihrem Alter braucht sie Freiraum. Gestern Nacht kam sie nicht nach Hause, da machte ich mir Sorgen. Ich kann sie nicht erreichen, deshalb ging ich zu Szandar.«

»Du hast keine Ahnung, wo sich Ewa die letzte Zeit herumgetrieben hat?«

»Ich dachte, ich wüsste es. Aber sie hat mir wohl etwas vorgemacht.«

»Kam sie denn zwischendurch nach Hause?«

»Jede Nacht, aber wir redeten kaum ein Wort. Doch ihre Augen leuchteten und es war ein fremder Geruch an ihr. Sie ist verliebt.«

»Sie hat davon erzählt?«

»Nein. Ich sehe das.«

»Was sagen ihre Freunde?«

»Keiner kann mir helfen. Ewa hat seit einiger Zeit kaum noch Kontakt zu ihren alten Freunden.«

Wir sind am Wagen angekommen und steigen ein. Esther sagt uns ihre Privatadresse, die uns zurück zum Alten Kai führt. Sie dirigiert uns zu einem Haus mit einer Fassade, die noch aus dem Beginn des neunzehnten Jahrhunderts stammt. Wir finden fünfzig Meter entfernt einen Parkplatz und gehen zurück. Die Haustür ist aus Holz, der Knauf in Schulterhöhe und sie öffnet sich ohne ein Quietschen. Der Hausflur trägt ebenfalls gut erhaltene Zeichen der Zeit seiner Erbauung: hohe Stufen, eine weite Decke aber enge Wände.

»Das Haus ist in Topzustand«, sagte Ben

»Mein Bruder ist der Hausmeister. Es ist sein neue Leidenschaft, seitdem er in – Rente ist.« Esther wirft mir einen kurzen Blick zu, den ich nicht deuten kann, und geht voran.

»Was sagt er zu Ewas Verhalten?«, frage ich.

»Er schlug vor, ich solle zu Szandar gehen.«

Das war dem alten Haudegen bestimmt nicht leicht gefallen, auch wenn es typisch für ihn ist. Welche Gefühle er auch gegen Szandar und mich hegt, er hält sich immer an die Gesetze der Sippe, und heute bin ich für diese Art von Aufgaben zuständig. Gunthers Zeit ist vorüber – ich habe sie beendet, bevor Gunther bereit war. Nicht nur das, ich entthronte auch Gunthers Prinzen, denjenigen, der Gunthers Platz einnehmen sollte. Was mir nicht nur Gunthers Feindschaft einbrachte, sondern auch die der halben Sippe. Nach all den Jahren haben die meisten ihren Groll beigelegt, aber einige warten darauf, es mir heimzuzahlen. Anfangs ignorierte ich es, mit der Zeit wurde es mir wirklich egal. Dass Esther zuerst zu Gunther ging, spricht nicht gerade für ihr Vertrauen in meine Fähigkeiten. Ich schätze, ihr wäre es lieber gewesen, ihr Bruder hätte sich selbst auf die Suche begeben.

In der vierten Etage bleiben wir stehen und Esther zieht einen Schlüssel hervor. Esther schließt ihre Wohnung auf und wir gehen hinein. Ein Fülle von Gewürzen ist zu riechen: Knoblauch, Senf, Pfeffer, Rosmarin, Zimt, aber auch Äpfel und Orangen. Meine Schritte lassen die Dielen leise knarren. An den Flurwänden stehen Frauenschuhe durcheinander, die Wände sind mit Schwarzweiß-Fotografien von Menschengruppen behängt. Auf einigen sehe ich Gunther und Esther. Auf den meisten ist eine junge, hübsche Frau zu sehen. Sie hat die Figur ihrer Mutter, helle Augen und ein herzförmiges Gesicht.

»Ewa?«

Esther nickt, die Arme wieder verschränkt.

»Wo ist Ewas Zimmer?«

»Hier.« Esther öffnet eine Tür.

Das Zimmer ist so aufgeräumt, wie es ich es nur von einem Hotelzimmer kenne. Alles ist an seinem Platz, alle Bücher und DVDs in den Regalen, auf dem kleinen Schreibtisch liegt nichts, alle getragenen Sachen liegen im Wäschesack. Dies ist alles andere als das typische Zimmer eines Teenagers. Verwundert drehe ich mich zu Esther um: »Hast du es aufgeräumt?«

»Nein. Ewa war schon immer sehr penibel. Sie kann es nicht ertragen, wenn Stifte nicht exakt nebeneinander liegen oder die Unterlage nicht parallel zur Schreibtischkante ist.«

»Schreibt Ewa Tagebuch?«

Esther schüttelt den Kopf.

Ich kann mir gut vorstellen, dass eine so korrekte Person wie Ewa Tagebuch schreibt, als Bericht über das eigene Leben, der ihr hilft, Ordnung in das Erlebte, ihre Gedanken und Gefühle zu bringen. Viele Eltern wissen nicht, was Kinder hinter den geschlossenen Türen des Zimmers tun, und dass Ewa Geheimnisse vor ihrer Mutter hatte, ist der Grund, weswegen ich hier bin. Mit etwas Glück finde ich das Tagebuch.

Die nächste halbe Stunde durchsuchen Ben und ich das Zimmer. Esther steht am Türrahmen und sieht dabei zu, wie zwei Fremde ihre Wohnung unter die Lupe nehmen, Schränke leeren und abklopfen, Schubladen ausschütten und CDs durchwühlen. Keine Ahnung, was sie darüber denkt, aber ich schätze nichts Freundliches. Würde man meine Wohnung auseinander nehmen, würde ich mehr austeilen als böse Blicke.

Wir finden nichts: Kein Tagebuch oder Adressenliste. Ewas Computer ist geschützt und obwohl Esther es eine Viertelstunde probiert, findet sie das Passwort nicht heraus.
Ich trete ans Bett. Mir fallen Bilder auf, die an der Decke über ihm kleben, zwei kleinformatige Ölmalereien: ockerfarbene Sonnenuntergänge, umrahmt von dunklen Palmen. Ich greife mir das Kissen und rieche daran. Ich ziehe an der Matratze und finde zwischen ihr und dem Bettrahmen eine weitere Malerei, sie zeigt einen vollen Mond, seitlich an einem Bergmassiv. Von Kunst habe ich keine Ahnung, aber es gefällt mir, so wie die anderen Malereien. Ich reiche es Ben. »Was meinst du?«

»Das ist ein Original.« Er dreht das Bild herum. »Aber das Signet kenne ich nicht.«

Auch Esther betrachtet die Malerei. »Ewa sammelt diese Bilder seit ein paar Wochen.«

Ben gibt es mir zurück. »Ist vermutlich ein neuer Künstler.«

»Lucile«, sage ich.

»Lucile«, nickt Ben.

»Wer ist das?«, fragt Esther.

»Sie sieht sich selbst als Muse, doch eigentlich ist sie nur eine erfolgreiche Galleristin. Sie kennt jeden in der Kunstszene.«

»Dann fahren wir besser sofort los.«

Ich bin mir nicht sicher, ob ich Esther dabei haben will. Wenn man eine Streunerin sucht, die von zu Hause abgehauen ist, kann es von Vorteil sein, die Mutter nicht bei sich zu haben. Manchmal finden Fremde einen besseren Zugang zu Teenagern als die eigene Familie. »Du wartest besser hier.«

»Es geht um meine Tochter!«

»Und wenn Ewa hier anruft, oder vorbei kommt?«

»Ich habe die Festnetznummer auf mein Handy umgestellt und den Nachbarn gesagt, sie sollen ein Auge aufhalten. Nathaniel, ich weiß, dass hier ist deine Aufgabe. Aber ich bin es leid, untätig herum zu sitzen. Ich werde meine Tochter suchen, mit dir oder ohne dich; das schwöre ich!« Die Hände zu Fäusten geballt steht sie vor mir, keinem Argument zugänglich, das ihre Meinung ändern könnte.

Würde ich anders reagieren wenn es um meinen Sohn ginge? Zudem ist es besser, Esther im Auge zu behalten, bevor sie selbst los zieht und die Suche möglicherweise erschwert.

»Lass uns fahren.«

*

Unsere nächste Station liegt ebenfalls im Alten Kai. Wir fahren runter zum Fluss, wo eines der größten Bauprojekte der letzten fünfzig Jahre im Gange ist: Die Renovierung der alten Speicherhäuser, und angrenzend der Neubau zweier Hochhäuser. Die Arbeiten, leer stehende Lagergebäude in moderne Eigentumswohnungen zu verwandeln, sind größtenteils abgeschlossen. Die einst grauen Fassaden mit blinden, zerschlagenen Fenstern sind Erinnerung, stattdessen strahlen sie jetzt im roten Licht des Abends frisch, als hätte der Zahn der Zeit niemals an ihnen genagt. Viele der Wohnungen sind bereits bezogen, ungeachtet der noch laufenden Bauarbeiten an den Bürohäusern. Nur gut hundert Meter vom letzten Speicherhaus entfernt stehen Baukräne und Gerüste um die Skelette der noch unfertigen Häuser. Lastwagen fahren ein und aus, Berge aus Zuschlagstoffen sind zu Füßen der Betonkerne aufgehäuft. All das wird von mannshohen Zäunen umfriedet.

Um das Bild der neuen Skyline am Flussufer nicht unnötig zu belasten, wurde für die Autos der Bewohner und Gäste ein weitläufiges unterirdisches Parkhaus gebaut, in das Ben nun den Audi steuert. Die Autos hier gehören zur Mittel- und Oberklasse, alte VWs oder kleine Fiats sucht man vergebens. Dafür ist das Pflaster zu exklusiv. Ben parkt und wir steigen aus. Der Geruch von Gummi und Benzin legt sich als muffig-aggressiver Teppich in meine Nase und jedes Geräusch klingt eingesperrt, irrt als kurzlebiges Echo umher.

Hartschattiges Licht aus Neonröhren zeigt uns den Weg zum Treppenhaus. Der Weg nach unten ist mit einer Kordel und einem Schild versperrt; die untere Etage ist nahezu fertig gestellt, aber noch nicht für den Verkehr freigegegeben. Das Parkhaus zieht sich nahezu unter der kompletten neuen Siedlung entlang, so gibt es im oberen Deck genug Plätze für jene, die in den schon fertig gestellten Appartments wohnen.

Wir gehen die Treppe hinauf und treten ans Tageslicht. Die neuen Stapelhäuser liegen nur gut zehn Schritt vom Flussufer entfernt und fünf Meter über seinem jetzigen Spiegel, eine asphaltierte Promenade zwischen ihnen und dem Rhein. Diese gehen wir ein Stück entlang und ich atme den Duft des großen Flusses, der hier einen Kilometer breit ist und an dessen Ufern sich die Stadt erstreckt. Zwei Frachter und ein Ausflugsboot pflügen durch die Wellen, das Wasser wird von den unsichtbaren Propellern zu weißer Gischt aufgewühlt. Die Promenade besteht aus hellen, sauberen Steinen, aber man hat vergessen Bäume zu pflanzen. Pärchen und kleine Gruppen sind in Gespräche vertieft oder betrachten die renovierten Gebäude und fragen sich, wie hoch die Mieten sind und was wohl beim nächsten Hochwasser passieren wird.

Gegenüber der Stapelhäuser, am anderen Ufer, steht die Stromburg auf einem grünen Grashügel. Zwei der vier Türme sind nicht mehr als abgebrochene Erinnerungen ihrer Selbst und die Mauer der Südflanke, die so tapfer all den Eroberern trotzte, wurden vom mächtigsten Gegner zum Einsturz gebracht: der Zeit. Von der Burg drohte jedem Schiff Gefahr, das nicht dem Stapelrecht der Stadt nachkam und seine Waren den hiesigen Kaufleuten anbot. Auch Nikodemus Kartheiser und seine Nachfahren werden sich das ein oder andere Schnäppchen gesichert haben. Diese Vorstellung mag uns ungerecht erscheinen, doch war das Stapelrecht Jahrhunderte lang gängige Praxis. Was würden die Kaufmänner von damals denken über vierzig Prozent Steuern und Globalisierung?

Wir erreichen das gesuchte Haus und ich trete an die Klingeltafel. Das Glubschauge einer Kamera richtet sich auf mich, als ich den Knopf neben dem Namen Levier drücke. Kurz darauf summt es und wir gehen hinein. Im Aufzug drücke ich den obersten Knopf, worauf er sich mit kaum merklicher Beschleunigung in Bewegung setzt.

Esther dreht sich zu mir: »Wie ist diese Lucile?«

Ben antwortet an meiner Stelle. »Nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Sie wird uns nur sagen, was ihr selbst nutzt, nicht mehr.«

»Und wenn das nicht genug ist?«, fragt Esther. »Können wir sie zum Reden zwingen?«

Ben schüttelt den Kopf, lächelt vielsagend. »Keine gute Idee.«

In diesem Moment stoppt der Aufzug mit einem wohl dosierten Schwung. Die Tür zieht sich lautlos zurück und wir stehen vor einer angelehnten Wohnungstür. Ich gehe vor, Ben übernimmt die Rückendeckung.

Das Loft ist beeindruckend: Weiträumig genug, um ein Tennismatch austragen zu können – mitsamt der nötigen Zuschauer. Die Wände sind unverputzt, aber nicht, weil es sich die Bewohnerin nicht leisten könnte, sondern nur, um die Erhabenheit der Kunstwerke zu betonen, die wie willkürlich zusammengestellt auf dem Dielenboden stehen. Das scheinbare Durcheinander ist in Wahrheit eine perfekte Inszenierung: Jede von der Decke hängende Maske, jede Skulptur auf ihrem Sockel, jedes Gemälde befindet sich an der Stelle, wo das Licht und sein Umfeld es zur besten Geltung kommen lassen.

Inmitten dieses Schatzraumes menschlicher Kreativität präsentiert sie sich wie die Quelle all dieser Kunstwerke. Lässig auf einen Arm gestützt liegt sie auf einer cremefarbenen Chaisolongue. Sie trägt eine zarte weiße Bluse und einen knielangen Rock. Ihre sonnengebräunten Beine und Arme sind unbedeckt. Nackenlanges Blondhaar umrahmt ein schmales Gesicht mit gletscherblauen Augen. Ihr Geruch lässt in mir das Bild einer in der Wüste blühenden Rose entstehen. Sinnlichkeit und Gefahr strahlt sie aus, verführt mit jeder Geste; man mag oder verachtet diese selbstverliebte Zurschaustellung ihrer Reize, entgehen kann man ihrer Magie nicht. Selbst Esther ist von ihr gebannt.

»Darf ich vorstellen«, sage ich laut, um die Stimmung zu brechen, die uns in die Passivität zu drängen droht, »Esther Lindner – Lucile Levier.«

»Ich bin immer erfreut, Freunde von Nathaniel kennenzulernen. Setzt euch, wollt ihr etwas trinken? Champagner, Rotwein?«, fragt sie mit weichem französischem Akzent.

»Wir haben keine Zeit«, sage ich knapp.

»Ben?«

»Ein andermal gern.«

»So ernst?«

Ich zeige ihr die Malerei, die ich bei Ewa gefunden habe. »Weißt du, was das ist?«

»Ein Geschenk für mich?«

Ich spiele nicht mit, verziehe nur unwillig den Mund.

Seufzend nickt Lucile. »Es ist eine Malerei von Mattias Loos, ein neues Talent. Ich werde ihn bald in meinem Atelier ausstellen. Was ist mit ihm?«

Esther tritt neben mich. »Er bringt meine Tochter in Schwierigkeiten.«

Lucile lächelt. »Glaub mir, Mattias bringt dein Töchterchen nur in die Art Schwierigkeiten, in die jedes Mädchen gebracht werden will.«

Ich sage: »Wir glauben, da ist mehr.«

Lucile sieht erst mich an, dann Ben, bevor sie wieder auf die Malerei blickt. Ihre Atmung wird gepresster, sie kneift die Augen unwillig zusammen. »Mattias wollte immer bei mir ausgestellt werden. Aber vor kurzem trat ein anderer Agent an ihn heran. Mattias fühlt sich von ihm bedrängt, fast schon genötigt.«

»Wer?«

»Samuel.«

»Nachname?«

»Seine Art hat keine.«

Hinter mir höre ich Ben unwillig stöhnen. Ich wünschte, Esther wäre in diesem Moment nicht an meiner Seite. Diese Suche entwickelt sich zu einem Weg, den ich lieber allein gehe.
Alarmiert fragt Esther: »Was ist mit diesem Samuel?«

»Vampir«, sage ich und hoffe, sie ist vernünftig und überlässt mir den Rest. Das ist meine Profession, nicht ihre.

»Bannsprecher«, fügt Lucile hinzu. »Samuel sagt von sich selbst, er sei ein Kunstliebhaber, aber er saugt die Künstler nur aus.«

»Wortwörtlich«, meint Ben.

»Nicht so. Er spricht einen Bann über sie, der das Talent des Künstlers erhält – aber sie können es nur für ihn ausleben. Sie sind Samuel hörig, bringen die schönsten Kunstwerke zur Welt. Trennt sich Samuel von ihnen, blockiert sein Bann ihr Können. Sie erschaffen rein gar nichts mehr, ihre Kreativität versiegt. Sie verzweifeln wegen ihrer Unfähigkeit.

Dadurch steigen die Preise für ihre Frühwerke, die alle in Samuels Besitz sind. Er macht Riesengewinne mit der Vernichtung junger Talente. Samuel ist ausgesprochen fähig und skrupellos.«

»Unmöglich.« Ich schüttel den Kopf.

»Das von dir? Gerade du solltest an Magie glauben.«

»Alles hat seine Grenzen. Vom Blut eines Menschen zu leben ist eine Sache, oder die Abhängigkeit der Opfer vom Biss. Aber wovon du redest ist die totale Kontrolle über das Denken und Fühlen eines Menschen über Jahre. Diese Macht gibt es nicht, der freie Wille ist nicht über so lange Zeit zu unterdrücken. Dieses Gerede von Bannsprechern ist übertrieben.«

Lucile zuckt die Schultern. »Wenn du meinst.«

Esther tritt an mich heran, beendet so einen möglichen Disput zwischen Lucile und mir. Sie sieht mich an, ihr Blick hart vor Entschlossenheit. »Mit so einem wird Ewa nicht fertig. Wir müssen sie schnell finden.«

Nur zu leicht kann ich mir vorstellen, wie ich in ihrer Situation fühlen würde: Wenn mein Sohn in Gefahr wäre, würde mich niemand aufhalten können, nach ihm zu suchen. Ich mustere sie und sehe an ihrem Blick, wie nötig sie Gewissheit braucht, Gewissheit darüber, was mit ihrer Tochter ist. Noch wissen wir nicht sicher, dass Samuel und Ewa sich begegnet sind, vielleicht ist sie nur mit ihrem Liebhaber ausgebüchst. Da kein Grund besteht, Esther voreilig von dieser Jagd auszuschließen, nicke ich ihr zu und ernte als Dank ein Lächeln. »Wo wohnt dieser Loos?«, frage ich.

Lucile steht auf, wobei sie ihre langen Beine elegant über die Chaisolongue gleiten lässt, damit der Rock hoch rutscht. Ich will nicht widerstehen und genieße den Anblick. Sie tritt elegant an einen alten Sekretär und blättert in einem schwarzen Büchlein. Während sie die Adresse auf einen Zettel schreibt, frage ich: »Was weißt du noch über Samuel?«

»Er ist anders. Ich meine, anders als seine Vampirfreunde. Normalerweise halten die sich einen Harem von Blutspendern, die sie mit allem versorgen. Sie selbst bleiben im Hintergrund.« Lucile richtet sich auf und lächelt mich an. »Wie ihr. Samuel ist da anders: Er ist der Mittelpunkt jeder Party, spielt sich vor jedem auf und hat einen kranken Humor. Er hat keine Blutspender, er hat Groupies mit denen er feiernd durch die Stadt zieht.«

»Wo finden wir ihn?«

»Auf jeder Vernissage – oder in seiner Galerie Künstlerblut. Ein echter Poet!« Sie reicht mir den Zettel mir Loos‘ Adresse. »Eigentlich sollte ich mich aus dieser Geschichte raushalten, Nathaniel. Aber bei dir werfe ich all meine Vorsicht über Bord.«

»Ich fühl mich geehrt.«

Bevor ich mich abwende, sagt sie: »Du schuldest mir was – wenn du diese Sache heil überstehst.«

*

Im Mai schlug mich Vater das erste Mal. Ich weinte, wahrscheinlich mehr aus Schock als aus Schmerz. Er schlug mich nicht, weil es ihm gefiel, sondern weil er Schlimmeres von mir abwenden wollte, so wie man einem Kind einen Klaps gibt, wenn es über eine rote Ampel läuft; die Angst vor Bestrafung soll größeren Schaden verhüten. An diesem Morgen half der Schlag noch. Die folgenden stärkten meinen Widerwillen gegen die aufgezwungene Lebensweise.

Seit meine zweite Natur sich Bahn gebrochen hatte, kehrten wir in den Nächten um Vollmond in das verlassene Haus ein. Vater verschloss die Falltür und sperrte mich in den kleinen Raum und blieb eine Stimme auf der anderen Seite der Tür. Wir beteten gemeinsam, bis unser beider Stimme versagten und jeder für sich das auslebte, zu was das Schicksal oder Gott uns gemacht hat. Am nächsten Morgen erstiegen wir ermattet und gereizt die Leiter, verließen das Haus und marschierten zu Fuß Richtung Osten, in die Stadt Dudinka, die uns Heimat geworden war.

Dudinka liegt am Jennissei, einem Zufluss in die Karasee. Dudinka war damals eine geschlossene Stadt, Touristen war der Zugang verboten und die Seeleute, die nicht hier lebten, durften sich nur in gewissen Gebieten der Stadt aufhalten. Was auch immer die Regierung in dieser trostlosen Gegend geheim halten wollten, sie meinte es ernst. Tausende Tonnen an Gütern, hauptsächlich Metalle, wurden von hier Richtung Westen verschifft nach Murmansk. Da Dudinka von Seefahrern lebte, fiel unser allmonatliches Verschwinden niemandem auf. Zu viele der Einwohner gingen für einige Tage fort, um ihr Leben nach den Reisen wie selbstverständlich in der Stadt fortzusetzen. Vater hatte es vermieden, mit irgend jemandem enge Freundschaft zu schließen oder gar mit einer Frau etwas anzufangen. Zuerst glaubte ich, er tat es aus Liebe zu Mutter. Mit der Zeit verstand ich den wahren Gund klar und ich bewunderte seine Disziplin. Mir war klar geworden, in was für eine Gefahr uns eine Entdeckung bringen würde: Die UdSSR zerbrach, aber der KGB hatte nur seinen Namen geändert und war so mächtig wie eh uns je, seine Spitzel überall und würden sie um unsere Natur wissen, würden sie uns töten; vielleicht schlimmeres. So fügte ich mich meinem Vater.

Zwei Jahre lang betete ich in den langen Nächten im Keller mit ihm darum, Gott möge uns Kraft geben um Herr über unsere Natur zu sein. Es half. Mit der Hilfe Vaters gelang es mir, meine zweite Natur recht gut unter Kontrolle zu halten. Selbst nach der Wandlung, konnte ich mich noch einigermaßen beherrschen. Das ungezügelte Tier, in der ersten Zeit Grund ständiger Alpträume, verlor die Kraft, mein Selbst völlig zu verdrängen. Ich fand ein Gleichgewicht zwischen meinem bewussten, menschlichen und meinem triebhaften, tierischen Wesen. Ich war stolz und mit zunehmendem Alter genoss ich geradezu jene Stunden voller Kraft und Selbstvertrauen. Ich war bereit, in die Natur hinaus gelassen zu werden, zu lernen, wie ich in diesem Zustand die Welt erfahren konnte. Ich war bereit und begierig, durch den Wald zu rennen, die Wildnis so unmittelbar zu spüren, wie ich es als Mensch niemals können würde.

An jenem Morgen im Mai lag die Temperatur einstellig unter Null und es gab leichtes Schneetreiben. In einem knappen Monat würde die Eisschmelze den Jenissei um fünfzehn Meter ansteigen lassen – der einzige Monat, in dem keine Schifffahrt möglich war. Man würde die Kräne des Hafens demontieren und weiter im Land zwischenlagern, bis der Fluss wieder befahrbar war.

Wir kehrten von langen Nächten in der Hütte heim. Wie immer, schwiegen wir die meiste Zeit. Die Landschaft war leicht hügelig, kleine Seen wechselten mit Steppen und Wäldchen. Am Horizont konnten wir die Häuser der Stadt sehen: Grau und rechteckig, eine schnörkellose, zweckdienliche Architektur. Wir gingen neben einer der breiten, schlecht asphaltierten Straßen her. Bald würden wir die Stadt erreicht haben, und was ich Vater zu sagen hatte, musste unter uns bleiben. »Vater«, setzte ich an, »ich glaube, ich bin soweit. Gehen wir morgen jagen? Ich habe Hasen gesehen -«

Da schlug mich Vater zum ersten Mal. Mit verzerrtem Gesicht, ob aus Wut oder Angst weiß ich nicht zu sagen, fuhr er mich an: »Hast du denn gar nichts verstanden? Warum verstecken wir uns?«

»Damit man uns nicht fängt«, stammelte ich.

»Und weil das Andere schlecht ist! Es ist eine Schande, die wir verbergen müssen. Es ist unsere Bürde, dagegen zu kämpfen. Niemals darfst du das Tier heraus lassen!«

»Aber wieso? Es fühlt sich so gut an.«

»Es wird anderen Leid bringen.«

»Ich kann es kontrollieren! Ich werde niemandem etwas tun!«

»Doch, das wirst du«, sagte er und weinte.

Als ich am folgenden Morgen in meiner Zelle wieder zu mir kam, war Vater verschwunden. Ich hämmerte gegen die Tür, rief nach ihm, doch niemand war da. Ich bekam Hunger. Angst. Noch nie hatte ich mich so einsam gefühlt.

Irgendwann kam Vater zurück und schloss die Tür auf. »Dieser Tag war nichts gegen die Einsamkeit die dich erwartet, wenn du das Tier frei lässt.«

Ich sah ihn nicht an, als wir Seite an Seite in die Stadt zurückkehrten. Für ihn mochte dieser Satz zutreffen. Ich war entschlossen anders zu leben.

© 2012 Ulli Schwan