Leseprobe »Totentanz«

01 |

Ein Jahr war vergangen, doch ich erkannte meine Jäger sofort wieder.

Sie erschienen auf dem Gehweg so unvermittelt wie ein Blitz bei blauem Himmel. Der Hakennasige, der nach Zwiebeln roch, hieß Marc Ocsaine. Der mit dem Narbengesicht und dem Geruch von Gallseife war sein Bruder Jean.

Ich wandte meinen Kopf zu Seite, wollte nach links abbiegen, doch die Fußgänger, die mir entgegen kamen, ließen mich nicht durch. Ich musste meinen Schritt stoppen und ertappte mich dabei, zu meinen Verfolgern zu sehen. Sie erwiderten meinen Blick, erkannten mich. Die Jagd ging weiter!

Das war mein erster Abend in Ostkamp, vor einer halben Stunde war ich aus dem Bahnhof gekommen. Ich hatte keine Ahnung, wo ich war und wo ich mich verstecken könnte. Meine einzige Hoffnung: Es war schon später Abend. Wenn ich von den beiden nur lange genug Abstand halten konnte – nur zehn Minuten – hatte ich eine Chance.

Also floh ich.

Fort von den Brüdern, Richtung Bahnhof. Die Riemen meines Rucksacks schlugen gegen meine Schultern; ich zog sie fester, während ich rannte und mich umsah. Ich lief in eine Nebengasse. Rote Sonnenstrahlen und gelbe Straßenlaternen vermischten sich zu einem unnatürlichen Licht.

Hier waren weniger Leute. Wem ich nicht mit einem Schritt auswich, den stieß ich zur Seite. Keine Zeit für gutes Benehmen oder Entschuldigungen. Weiterrennen. Weiter. Vor mir ragte ein Haus vier Stockwerke über die anderen. Das war mein Ziel. Die Höhe würde mir weitere Augenblicke schenken.

Ich sprang die wenigen Stufen hinauf zum Eingang, riss die schwere Haustür auf und befand mich in einem Foyer. Ein Wachmann sah auf, blieb aber hinter seinem Tresen sitzen. Ohne im Schritt zu verharren sah ich mich um. Ein Schild zeigte mir, hinter welcher Tür das Treppenhaus war. Als ich es erreichte, hörte ich die hastigen Schritte meiner Verfolger im Foyer. Ich brauchte mich nicht umzusehen um zu wissen, dass sie mich gesehen hatten.

Als der Wächter etwas rief, schlug die Treppenhaustür hinter mir ins Schloss. Ich nahm zwei Stufen auf einmal, doch ich war nicht schnell genug – mein Rucksack behinderte mich. In ihm war alles, was ich besaß. Doch er hielt mich auf, und die Ocsaine-Brüder waren nahe. Also warf ich ihn in eine Ecke.

Hinter mir stürmten die Brüder die Treppe hoch.

Ohne das Gewicht des Rucksacks war ich schneller. Immer noch zwei Stufen nehmend, zog ich mich am Geländer hoch und rannte so eine Etage nach der anderen hinauf.

Dieses Mal war es anders. Was vor Jahren in Marseille begonnen hatte, würde heute enden. Wir hatten viel übereinander erfahren: Ich die Namen meiner Verfolger. Sie, wie man jemanden wie mich wirklich tötet. Warum sie es wollten? Weil es ihr Beruf war. Weil sie einen Ruf zu verlieren hatten. Und weil ihr Auftraggeber sonst die beiden zum Abschuss freigeben würde.

Ein ganzes Jahr lang war ich ihnen ausgewichen, doch heute hatten sie meine Spur wiedergefunden. Hier, in Ostkamp.

In dieser Nacht würde es enden. Ich wusste es. Sie wussten es.

Der Mond war nah. Ganz nah.

Meine Beine waren müde, die Schenkel schwer. Die Treppe endete an einer Tür. Hinter ihr musste das Dach sein. Das gab mir noch einmal Kraft. Ich zwang mich die letzten Schritte hinauf. Meine Hände rutschten schweißnass über das Geländer.

Hinter mir, zwei Treppen entfernt, keuchten Jean und Marc Ocsaine, ebenso geschafft wie ich – und ebenso stur.

Die Tür wurde von einem einfachen Riegel verschlossen. Effektiv, um Leute draußen zu halten. Und einfach von innen zu öffnen. Diese Tür würde mich nach draußen bringen, aber die Brüder würden mir folgen können.
Genau wie ich es wollte.

Ich stieß den Riegel zur Seite. Kühle Abendluft fuhr über meine schweißnasse Haut. Ich lief ein paar Schritte zur Mitte des Flachdachs. Links und rechts ging es hinab auf die Straße, doch geradeaus grenzte das nächste Haus direkt an. Es war kleiner und hatte ein Satteldach aus roten Ziegeln.

Ich sah zum Horizont. Noch war der Mond nicht aufgegangen, aber er stand schon bereit. Nur noch eine kleine Weile, bis er sich in den Himmel schieben würde. Sekunden noch, mehr nicht.

Da stürmten Jean und Marc durch die Tür aufs Dach. Sofort gingen die Brüder auseinander, damit sie nicht ein gemeinsames Ziel bildeten. Sie hatten Respekt vor mir.

Jeans Grinsen war wegen der Narben zur Fratze geworden. Marseille hatte ihn jeglicher Schönheit beraubt.
Ich ging zwei Schritte zurück. Distanz aufbauend, mich dem Dachrand nähernd. Zeit schindend.

Ohne ein weiteres Wort griffen die Brüder unter ihre Jacken. Sie zogen keine Pistolen, sondern ein langes, mit Leder umwickeltes Rohr und eine dickbauchige Flasche hervor. Marc öffnete ein Ventil und aus der Düse spritzte ein Schwall beißend riechender Flüssigkeit auf meinen Mantel und meine Hose. Ich hatte die Arme hochgerissen, so blieb mein Gesicht verschont.

»Silber tötet dich nicht – aber Feuer!«, schrie Jean. Mit diesem Satz fauchte eine meterlange Feuerzunge aus dem Metallrohr in seiner Hand. Die Flammen streiften meinen Mantel – und setzten die Flüssigkeit in Brand, die Marc auf mich gesprüht hatte.

Der Angriff überraschte mich völlig. Hitze raubte mir Atem und Verstand. Ich schrie vor Angst und Schmerz. Die Flammen verzehrten die Luft. Ich schlug panisch um mich. Erstickend.

Und irgendwoher kam ein klarer Gedanke: Spring!

Ich drehte mich um und rannte. Der Luftzug richtete die Flammenzungen nach hinten – fort von meinem Gesicht. Vor mir sah ich die Dachkante. Ohne zu zögern lief ich über sie hinweg, stieß mich ab und flog durch die Luft.

Die Schwerkraft packte mich, zog mich nach unten. Der brennende Mantel flatterte hinter mir. Dann war das Dach unter mir und ich stürzte auf rote Ziegel. Der Aufprall war hart, ging mir durch Mark und Bein. Die Hitze um mich herum war immer noch da. Ich rang mit meinem Mantel, verbrannte mir Finger und Hände, um ihn auszuziehen. Schließlich warf ich ihn von mir ab. Die Flammen fraßen sich durch den Stoff, verzehrten ihn.
Und etwas Altes, Gefährliches, verzehrte mich. Ich erkannte es, hieß es willkommen. Drehte mich nach Osten, wo der Mond sich langsam über den Horizont erhob.

Die pochenden Schmerzen an den Händen gingen in ein Reißen über, als sich Muskeln und Knochen verschoben. Knirschend und knackend. Meine Schuhe zerplatzten, Hosenbeine zerrissen, denn auch meine Beine verwandelten sich. Ich fiel nach vorne, da meine Fußsohlen sich streckten, die Fersen über die Zehen schiebend. Mein gesamtes Rückgrat – Wirbel für Wirbel – brach aus der alten Ordnung. Die Schulterblätter wanderten. Schmerzhaft verschoben sich meine Zähne, mein ganzer Mund wurde länger und länger, bis er eine reißzahnbewehrte Schnauze bildete.

Die Schmerzen würden mich verrückt machen, würde ich sie nicht willkommen heißen. Meine zweite Natur bahnte sich ihren Weg. Was rationale Überlegung war, wurde nun Instinkt. Ein Teil von mir, der näher ist an der Wildheit als an der Zivilisation, übernahm die Kontrolle. Der Wolf ergriff Besitz von mir und öffnete meine Sinne für die Welt der Gerüche und Geräusche.

Der Gestank der brennbaren Chemikalie hing deutlich in der Nachtluft, ebenso der beißende Rauch. Aber dominierend war der Geruch der Stadt: Unzählige Menschen und ihre verschiedenen Aromen, vermengt zu einer großen Wolke. Darunter Benzin und Diesel, Gras und Bäume. Durch geöffnete Fenster kamen Stimmen – seien es echte oder die aus Fernsehern; eben noch ein Brei, hörte ich jetzt alle Einzelheiten und konnte sie unterscheiden. Laut und leise, hell und dunkel, aggressiv und nett. Ich hörte nicht nur die Töne, sondern in sie hinein, bis zu ihrem Ursprung. Doch ich ließ mich nicht ablenken.

Wichtig war mein Überleben.

Die Wandlung hatte die Verbrennungen heilen lassen, aber ich erinnerte mich nur zu gut an die Schmerzen. Und an die beiden Männer, die sie mir beigebracht hatten. Mich aufrichtend wandte ich mich um.

Da waren sie, standen immer noch auf dem flachen Dach des hohen Hauses. Mein Blick sah sie als Konturen in einem Sepiaschleier. Zwei Männer, die den Kampf mit mir aufnahmen, egal in welcher Gestalt ich gegen sie antrat. Sie griffen ihre Waffen fester und ich rannte los. Im Zickzack über das Dach. Als ich nah an der Hauswand war, sprang ich. Vier Stockwerke hoch aus vollem Lauf – ich genoss die Kraft meiner Muskeln.

Ein feiner, stinkender Nebel aus Brandbeschleuniger strich über mein Fell und betäubte meine Nase. Ich segelte durch die Spraywolke, erreichte meine Jäger. Mit meinen Pranken packte ich einen von ihnen. Mein Gewicht und meine Kraft rissen ihn von den Beinen, bevor wir beide auf das Flachdach stürzten. Unter mir, auf dem Rücken liegend, schlug und trat Marc auf mich ein. Er schrie und versuchte alles, um mich von sich zu stoßen.

Jean stand neben uns, zielte mit dem Flammenwerfer auf mich. Er hätte mich jetzt in Brand stecken können, nur hätten die Flammen auch seinen Bruder erfasst. Deswegen zögerte er.

Das Zögern brachte ihm den Tod. Mit einem seitlichen Sprung war ich bei Jean, prallte auf ihn mit aller Wucht und er starb durch meine Zähne. Der blutige Leichnam fiel mit einem dumpfen Geräusch zu Boden.
Ich genoss den Geruch des Blutes in meinem Fell. Nur einen Augenblick – dann stürzte ich mich wieder auf Marc. Verwundet und waffenlos folgte er seinem Bruder sofort.

Nach dem Sieg erhob ich mich auf die Beine, streckte mich dem Himmel entgegen und stieß ein freudiges Bellen aus.

Ich war am Leben! Ich war am Leben!

Nach einer Weile ließ die Euphorie nach. Als Wolfsmensch streunte ich noch über das Dach. Der Wolf wollte einfach fort in die Nacht rennen. Fort von hier und die Stadt durchstreifen. Sein neues Revier erkunden. Doch der Kern, der mich zu mir selbst macht – sei es in Gestalt des Menschen oder des Wolfs – hielt das Tier zurück.

Die Rückwandlung war schmerzhaft und an ihrem Ende saß ich mit verbrannter Hose und zerrissenem Hemd auf einem zugigen Hausdach. Mir war kalt und ich zitterte. Trotzdem brachte ich das Notwendige hinter mich.
Ich legte die Brüder Seite an Seite und faltete ihre Hände ineinander. Ich besprühte sie, bis die Flasche mit dem Brandbeschleuniger leer war. Ich wusste nicht, zu welchem Gott sie beteten, also blieb ich einfach etwas bei ihnen sitzen, um ihnen Zeit zu geben, all ihre offenen Rechnungen zu begleichen.

Schließlich nahm ich den Flammenwerfer und setzte die Leichen in Brand.

Ich wandte mich ab und wollte gehen. Ich wollte nicht riskieren, bei den beiden gefunden zu werden. Wie hätte ich das der Polizei erklären sollen? Lieber wäre ich geblieben bis die Flammen verloschen waren. Als Zeichen des Respekts. Nach diesen Jahren hatten die Brüder ihn sich verdient.

Erst in diesem Moment nahm ich die Bewegungen wahr. Ich sprang auf und verharrte in der nächsten Sekunde – denn ich war umstellt.

Sie waren zu viert. Hatten einen Kreis gebildet, den sie jetzt immer enger zogen. Ihre Bewegungen waren geschmeidig, die Flammen des Leichenfeuers spiegelten sich wider auf langen Krallen und Reißzähnen. Denn jeder meiner Gegner war ein Wolfsmensch. Ihre Schädel saßen auf breiten Schultern. Muskulöse Oberkörper verjüngten sich zu schmalen Hüften, von denen aus kräftige Beine in krallenbewehrten Tatzen endeten. Ihre Körper waren ganz und gar mit kurzem Fell bedeckt, jedes in einem individuellen Farbton: grauweiß und rötlich, braun und schwarz.

Menschen und Bestien, wie ich es war. Und ich war in ihrem Revier, hatte in ihrem Jagdgebiet getötet.
Selbst als Wolf hätte ich gegen vier Gegner keine Chance gehabt – ich stand ihnen jedoch als Mensch gegenüber. Nur zu gut verstand ich jetzt, wie viel Angst normale Menschen vor mir haben mussten, wenn ich als Wolfsmensch vor ihnen stand.

Mit zittrigen Fingern tastete ich nach der Gesäßtasche meiner Hose. Ich fühlte die Visitenkarte darin. Zerknittert in den Jahren, die ich sie bei mir trug. Zum Glück hatten die Flammen sie nicht verbrannt.
Immer näher kamen die Wolfsmenschen. Als ich die Karte zog, waren sie nur noch wenige Schritte entfernt.

Ich hielt die Visitenkarte hoch. Wie in diesen Horrorfilmen, wenn der heilige Mann sich mit erhobenem Kruzifix gegen die Monster schützen will. Ich hoffte, der nächste Satz würde den gleichen Effekt haben.

»Szandar«, rief ich. »Ich will zu Szandar. Er hat mir Schutz versprochen!«

In dieser Nacht begann mein Leben in der Kartheiser-Sippe.

02 |

Zehn Jahre ist es her, seit ich in Ostkamp jene Sippe fand, die meine Heimat wurde. Noch nie war ich so lange an einem Ort geblieben. Meine Eltern waren zweimal umgezogen, bevor sie sich trennten. Das war wenige Jahre bevor ich mit meinem Vater brach. Von da an hatte ich die Welt bereist; ein Vagabund zur See. Nun bin ich angekommen. Habe Anker geworfen.

An diesem Abend würde ich einiges geben für eine frische Brise Meeresluft. Seit zwei Wochen sind die Temperaturen so hoch, dass jede Anstrengung einem den Schweiß ausbrechen lässt. Beständig über dreißig Grad im Schatten. In Ostkamp bedeutet der Hochsommer Schwüle, keine Abkühlung in der Nacht. Kein frischer Wind weht in das Tal, in dem die Stadt liegt.

Selbst der Wald, an dessen Rand mein Haus steht, bringt kaum Kühle. Mücken, Hornissen und Käfer erobern die Welt. Ich hasse Mücken. Sie rauben mir den Schlaf. Sobald ich ihr Gesumme höre, mache ich kein Auge mehr zu. So kommt zu der Hitze, dem klebrigen Schweißfilm auf der Haut, auch noch Schlafmangel. Ich bin gereizt.

Und stehe trotzdem in der Küche vor einem Topf mit kochendem Wasser und starre die Fussili an, als würde das helfen, sie schneller al dente werden zu lassen. Würde ich diesen Abend allein verbringen, hätten mir eine Schnitte und ein kühles Bier gereicht. Doch da ich Besuch erwarte, versuche ich mich als guter Gastgeber und bereite das unaufwendigste Essen vor, zu dem ich fähig bin: Nudeln mit einer Mischung aus Creme fraiche, Fertigtomaten- und Currysoße.

Während ich die Soße anrühre, meldet ein Piepsen aus dem Flur, dass jemand eine der Lichtschranken durchbrochen hat. Ich habe sie selbst installiert, um vor Überraschungsbesuch sicher zu sein. Jetzt zeigt mir die Vorrichtung an, dass ich etwas zu spät angefangen habe mit dem Kochen.

Ich wasche mir schnell Hände und Gesicht mit kaltem Wasser, bevor ich zur Haustür gehe. Meine Besucherin kommt auf mich zu und ich genieße ihren Anblick.

Milla trägt High Heels. Ihre langen Beine sind nackt bis knapp über den Knien ein weiß schimmerndes Kleid ansetzt, das so perfekt sitzt, dass sie sicher keinen BH trägt, der ihre vollen Brüste stützen könnte. Sie geht gerade, die breiten Schultern zurückgedrückt, das kastanienbraune Haar offen, das Kinn leicht erhoben. Sie lächelt mich an, meine Bewunderung genießend.

»Hallo«, sagt Milla schlicht und küsst mich auf den Mund. Meine Hand liegt an ihrer Hüfte, sie drückt sich leicht dagegen. Ich genieße ihr Parfüm, das sich mit ihrem eigenen Geruch nach kandierten Früchten mischt. Allein dieser Moment wäre das schweißtreibende Kochen wert gewesen. Ich bin mir sicher: Der Abend wird noch besser.

Meine Hand bleibt, wo sie ist, während ich die Tür schließe und wir ins Wohnzimmer gehen. In ihren hohen Hacken ist sie zwei Fingerbreit größer als ich. »Willst du was trinken?«, frage ich. »Ich habe einen Weißwein im Kühlschrank stehen.«

»Klingt gut.« Sie sieht zu dem Ventilator hoch, der sich träge an der Decke dreht. »Du hast es richtig kühl hier. Die Stadt kocht.«

»Für mich nicht kühl genug.«

»Vielleicht sollte ich ein bisschen Home Office beantragen und mich hier einnisten.«

»Von mir aus gern. Aber arbeiten …«

Sie lächelt. Setzt sich auf die Couch. Schlägt die schönen Beine übereinander, dass ich meinen Blick nicht abwenden kann.

Milla Friedrichsen gehört zu einer der ältesten Familien in der Sippe. Ihre Eltern und Brüder sind die Förster des Waldes, in dem mein Haus steht. Milla selbst hat mit dieser Tradition gebrochen und Jura studiert. Sie arbeitet in einer Anwaltskanzlei, die sich auf Wirtschaftsrecht spezialisiert hat und einige große Firmen als Klienten betreut. Mit dieser Entscheidung hat sie nicht dem Wunsch unseres Patriarchen entsprochen, sie distanzierte sich damit noch mehr. Vielen aus der Sippe gefällt das nicht und ich höre einige über sie lästern. Mir ist all dieses Gerede egal, denn ich weiß, dass Milla das alles tut, um ihren eigenen Weg zu gehen, ohne die Sippe in Gefahr zu bringen. Das kann ich nur zu gut verstehen. Ich drücke ihr die Daumen.

Milla und mich als Paar zu bezeichnen wäre zu viel gesagt. Wir sind wohl eher Freunde mit Extras. Wir telefonieren manchmal wochenlang nicht miteinander. Das letzte Mal gesehen haben wir uns gestern, bei der Sippenjagd, einem Pflichttermin für jeden in der Kartheiser-Sippe. Da haben wir uns spontan für heute verabredet. Ich mag die Freiheit, die wir uns geben. Und natürlich die leidenschaftlichen Nächte, die wir einander schenken.

»Essen ist fast fertig.«

»Super. Ich bin am Verhungern.«

»Stressiger Tag?«

Sie winkt mit einer Hand, als würde sie etwas Lästiges abwehren wollen. »Das Übliche. Lass uns später reden.«
Später. Gut.

Mein Telefon klingelt. Ich werfe Milla einen entschuldigenden Blick zu und nehme ab. »Hallo.«

»Nate?«

Ich erkenne die Stimme sofort und ertappe mich dabei, in eine Habacht-Stellung zu zucken. Am anderen Ende der Leitung ist Szandar, der Patriarch unserer Sippe. »Ja.«

»Ich weiß, das ist etwas kurzfristig. Aber es ist dringend. Kannst du zum Rat ins Sippenhaus kommen? In einer Stunde?«

»Natürlich.«

»Bis gleich.«

Ich lege auf und drehe mich zu Milla um. Sie sieht noch genau so verführerisch aus in diesem tollen Kleid, mit dem Schlafzimmerblick und den langen Beinen. Sie sagt nichts, wartet ab. »Das war Szandar«, sage ich mit großem Bedauern. »Er will mich dringend sehen.«

»Wann?«

»In einer Stunde.«

Sie zieht den Reißverschluss ihres Kleides auf. »Das reicht.«

03 |

Meine erste Nacht im Sippenhaus verbrachte ich in einem kleinen Zimmer, mehr Gefangener als Gast. Die Visitenkarte mit Szandars Namen hatte mich vor den Krallen der Wolfsmenschen bewahrt – und mich zu ihrem Gefangenen gemacht. Immer waren drei in meiner Nähe geblieben, als sie mich vom Häuserdach durch die Stadt hierher gebracht hatten. Den Rest der Nacht saß ich auf dem Bett, unfähig zu schlafen. Ich packte meinen Rucksack nicht aus und mehr als einmal war ich versucht zu fliehen. Ich wusste, dass vor der Tür zwei Wachen standen. Ob die wirklich ein Hindernis waren?

Nur wohin? Vielleicht war die Jagd mit dem Tod der Brüder zu Ende, vielleicht auch nicht. Ich hatte keinen Ort, an dem ich mich sicher gefühlt hätte. Die Idee mit Szandar war die pure Verzweiflung gewesen.

Ich kannte den Mann weniger als flüchtig. Vor zwei Jahren hatte ich auf einem Frachtschiff angeheuert. Eine einfache Fahrt hatte es sein sollen, vorbei an der Ostküste Afrikas. Aber wir waren von Piraten geentert worden, es waren Schüsse gefallen, Leute waren gestorben. Mir war nichts anderes übrig geblieben, als mich zu wandeln und unter den Piraten aufzuräumen. Ich hatte Glück und die Kerle zogen ab.

Szandar lernte ich bei der anschließenden Vernehmung durch die zuständigen Behörden kennen. Er saß bei den Verhören dabei, die Reederei des Frachtschiffes hatte ihn geschickt. Er hatte stumm unseren Geschichten gelauscht. In einem stillen Moment hatte er mir seine Visitenkarte überreicht und mich eingeladen, ihn und seine Sippe zu besuchen.

Jene Karte hielt ich nun in den Händen, starrte sie an, als würde sie mir einen Ausweg zeigen können. Hatte ich einen Fehler gemacht?

Irgendwann ging die Sonne auf und kurz darauf klopfte es an der Tür. »Ja?«, rief ich.

Herein kam ein schlanker Mann. Sein Gesicht war schmal, das blonde Haar trug er in einem Schnitt, der in den Siebzigern modern gewesen war. Er roch nach Rauch und Ingwer. Seine Stimme war überraschend dunkel »Ich kenne Sie.« Er musterte mich ein paar Sekunden. »Natürlich, sie waren doch auf der Gustaf. Ist eine Weile her. Haben Sie Hunger?«

Er stellte das Tablett in seinen Händen auf den kleinen Tisch, setzte sich und schüttete sich Kaffee ein.

»Wollen Sie auch einen, Herr Palmer?«

Ich setzte mich zu ihm. »Gerne. Nur Milch, kein Zucker.«

Wir tranken. Ich bediente mich an Toast und Aufschnitt. Szandar lehnte sich zurück. »Gunther sagte, Sie hätten ihm meine Karte gezeigt.«

Ich legte die Visitenkarte vor ihm auf den Tisch. »Gunther?«

»Gunther ist der Chef unserer kleinen Sicherheitstruppe.«

»Wusste nicht, was ich sonst hätte tun können. Gunther und seine Truppe sahen recht genervt aus.«

»Nun, wir mögen es nicht, wenn Kämpfe in unserer Stadt geführt werden, von denen wir nichts wissen und mit denen wir nicht in Verbindung gebracht werden wollen. Gunther sagte, sie hätten sich gewandelt.«

»Hatte keine andere Wahl.«

»Man hätte sie sehen können.«

»Das war meine geringste Sorge.«

»Hm«, machte Szandar und musterte mich. »Haben Sie schon mal in einer Sippe gelebt?«

»Einmal«, sagte ich. Bei den Erinnerungen biss ich die Zähne zusammen. »Wir waren sieben. Zogen immer umher.«

»Wie die meisten. Unsere Sippe ist anderes, Herr Palmer. Wir leben hier, in Ostkamp. Und wir sind etwas mehr als sieben.«

»Etwas mehr?«

»An die zweihundert.«

Ich legte den angebissenen Toast beiseite. Wartete auf ein Lächeln von Szandar. Darauf, dass er zugab, einen Witz gemacht zu haben. Zweihundert Mondwandler? Es war unmöglich, so viele versteckt zu halten. »Wie bleiben Sie geheim? Ich meine, die Menschen müssen doch merken, was vorgeht. Selbst in einer so großen Stadt wie Ostkamp!«

»Es ist nicht einfach«, gestand Szandar. »Unsere Geschichte hilft uns. Wir sind nicht erst seit gestern in der Stadt. Die Sippe geht zurück auf Nikodemus Kartheiser, einen Kaufmann der im 16. Jahrhundert lebte. Er ließ sich hier nieder, eröffnete ein Kontor in dem Viertel Am Alten Kai. Dort sind wir gerade, in unserem Sippenhaus. Sozusagen der Mittelpunkt unserer Sippe. Hier spricht der Patriarch Recht und versammelt den Rat. Das Sippenhaus ist unser Regierungssitz, wenn Sie so wollen.«

»Ihre Sippe gibt es seit fünfhundert Jahren? Und es ist noch keiner drauf gekommen?«

»Natürlich gab es den ein oder anderen, der uns fast auf die Schliche gekommen ist. Hin und wieder paktierten wir mit den Mächtigen, erkauften ihr Schweigen mit unseren Diensten. In unserer Sippe leben nicht nur Mondwandler, auch Menschen gibt es in den Familien. Sie decken uns, wenn notwendig.«

Ich war erstaunt und geschockt. Wie sollte all das möglich sein? Wie konnten so viele Mondwandler im Geheimen leben? Aber eine Frage war mir besonders wichtig. Sie würde entscheiden, ob ich blieb oder ging. Wenn nötig, würde ich auch Blut vergießen. »Was für Beute jagen Sie?«

Szandar runzelte die Stirn, dann begriff er. »Keine Menschen, denken Sie das bloß nicht! Wir gehen in den Wald. Unserer Sippe gehört ein weitläufiges Areal vor der Stadt, wo wir ungestört sind und Wild finden. Das jagen wir in den Vollmondnächten.«

Ich war beruhigt, erlaubte mir zu entspannen und stellte noch eine Frage. »Warum jagt ihr keine Menschen?«

Jetzt verdüsterte sich Szandars Gesicht. Zornig sagte er: »Weil wir auch Menschen sind.«

Diese Antwort gefiel mir. Hätte Szandar gesagt, sie würden Menschen verschonen, weil es zu gefährlich wäre, durch die Menschenjagd entdeckt zu werden, wäre er nicht mehr als ein Heuchler gewesen. Wenn sich diese Sippe aber trotz ihrer Fähigkeiten nicht als etwas Besseres als normale Menschen sah, entsprach das ganz meinen Überzeugungen. Trotzdem konnte ich mir eine Spitze nicht verkneifen: »Gunther hinderte mich nicht daran, die beiden auf dem Dach zu töten.«

Tief atmete Szandar ein. Es war, als hätte er auf etwas Bitteres gebissen. Er nahm noch einen Schluck Kaffee. Legte sich seine Worte ganz genau zurecht. Beschäftigte ihn die Ambivalenz dieser Frage schon lange, ohne dass er eine zufriedenstellende Lösung für sich gefunden hatte?

»Manchmal ist Gewalt der letzte Weg, größeres Unheil von sich und anderen abzuwenden. Gewalt ist nie die Lösung, aber sie bringt Veränderung. Wichtig ist, die Gewalt zu beenden, sobald sie nicht mehr erforderlich ist. So wie gestern Nacht, als Sie Gunther nicht angriffen. Oder wie damals auf dem Schiff, als Sie die restlichen Piraten haben fliehen lassen.« Wir wechselten einen langen Blick. Schließlich meinte Szandar: »Wie Gunther es sieht, haben Sie in Notwehr gehandelt, Herr Palmer. Haben Sie das?«

Vielleicht wäre es klug gewesen, sich eine Geschichte auszudenken, die mich mit blütenreiner Weste hätte dastehen lassen. Aber etwas an Szandar brachte mich dazu, ehrlich zu ihm sein zu wollen. »Heute Abend schon. Aber warum die beiden hinter mir her waren – das ist eine längere Geschichte.«

Ich hielt inne. Sollte ich sie ihm erzählen? Was würde er von mir denken? Würde er mir anbieten hierzubleiben? Diese Kartheiser-Sippe kennenzulernen? Nach all den Jahren der Wanderschaft, nach der Enttäuschung meiner letzten Sippe und all dem danach, sehnte ich mich nach etwas Ruhe. Nach einem Ort, an dem ich zu Hause war.

Aber ich würde mein neues Leben nicht mit einer Lüge beginnen.

Als ich bereit war, alles zu erzählen, hob Szandar die Hand.

»So gern ich Ihre Geschichte hören würde, Herr Palmer, warten Sie bitte noch ein paar Minuten.« Er sah auf seine Uhr. »Der Patriarch dürfte jetzt anwesend sein.« Er sah mir tief in die Augen. »Wollen Sie hier bei uns bleiben, Herr Palmer?«

Ich nickte.

Er unterbrach den Blickkontakt nicht. »Gut. Ich werde Sie nun zum Patriarchen bringen. Sie müssen wissen, unsere Sippe ist keine Demokratie. Der Patriarch ist Gesetzgeber und Richter in einer Person. Er entscheidet, wer in die Sippe aufgenommen wird. Er interpretiert unsere Gesetze, passt sie der Zeit und den Umständen an. Und setzt die Strafen fest für jene, die sich nicht an sie halten.«

»Was sind das für Gesetze?«, wollte ich wissen.

»Die Geheimhaltung unserer zwei Naturen. Das Miteinander mit den Menschen. Das Zügeln unserer wölfischen Natur. Die menschliche Seite bestimmt über die tierische. Gewalt ist nur das letzte Mittel.«

Damit konnte ich gut leben. Nur die Organisation mit einem allmächtigen Oberhaupt klang für mich veraltet.

»Der Patriarch wird nicht durch Geburt bestimmt, oder?«

»Ja und nein. Die Sippe wählt ihren Patriarchen aus den Kandidaten, die der Schamane als würdig befindet. Aber es ist bewährte Tradition, dass der Patriarch aus dem Haus der Kartheiser kommt.«

»Und der Patriarch, zu dem Sie mich bringen werden, ist auch einer?«

»Vinzenz Kartheiser. Er führt unsere Sippe seit einigen Jahren. Ein sehr kluger Mann.«

»Sie vertrauen seinem Urteil?«

»Voll und ganz.«

Ich glaubte ihm. Nur war mir eines noch nicht klar. »Sie werden doch bestimmt nicht jeden dahergelaufenen Streuner aufnehmen. Wozu brauchen Sie mich?«

Szandar beugte sich nach vorne, sah mir tief in die Augen. »Bei unserem ersten Treffen haben Sie alleine eine Handvoll Piraten auf einem Frachter ausgeschaltet. Heute Nacht haben zwei Killer versucht, Sie zu verbrennen, aber Sie haben den Spieß umgedreht. Was glauben Sie, wofür wir Sie brauchen?«

»Ich soll in die Schutztruppe von diesem Gunther.«

»Da könnten wir Sie brauchen. Aber …«, Szandar lehnte sich zurück und öffnete die Arme. »Ich sollte ehrlich zu Ihnen sein: Wir würden auch woanders einen Platz für Sie finden. Vorerst. Wir nehmen nicht jeden in die Sippe auf, das verstehen Sie sicher. Nicht jeder passt zu uns. Sie müssen sich anpassen, so wie wir alle. Nicht jeder hat in unserer Sippe eine exponierte Position. Die meisten leben ihr Leben wie andere Menschen auch. Sind Ladenbesitzer, Managerin, Angestellter, Sekretärin. Was sie unterscheidet von allen normalen Menschen sind ihre zwei Naturen. Deswegen halten sie sich an die Regeln der Sippe und gehen zusammen mit allen anderen bei Vollmond auf die gemeinsame Jagd. Dort können wir alle dem Wolf erlauben, frei zu sein.«

»Frei zu sein auf einer gemeinsamen Jagd«, meinte ich. »Klingt eher nach einem Grillabend, an dem man sich das Essen selbst erlegt.«

»Für einige ist es nicht mehr. Aber für die meisten ist die Sippenjagd eine geradezu religiöse Erfahrung, die sie zusammenschweißt. Sie sollten nicht vorschnell über uns urteilen.«

»Ich habe noch nicht geurteilt.«

Szandar lächelte. »Sind Sie dabei?«

Ich stand auf und ging zum Fenster. Sah hinaus auf die morgendlichen Straßen. Konnte das mein neues Zuhause werden? Von einer so gewaltigen Sippe wie hier hatte ich noch nie gehört – ein Beweis, wie gut die Sippe funktionierte, wie wichtig ihnen die Geheimhaltung war. Sollten die Menschen jemals von uns Mondwandlern erfahren, wäre das unser Untergang.

Warum also nicht den Schutz suchen in einer Sippe, die seit Jahrhunderten alles richtig machte? Wollte ich meine Flucht beenden, um einen Posten als Kämpfer anzunehmen?

Seit ich von zu Hause weggelaufen war, hatte ich mich mit Jobs auf Schiffen über Wasser gehalten. Legal oder illegal – ganz egal. Es galt, einen Neustart zu machen, der nicht von vorneherein zum Scheitern verurteilt war.

Ich sah auf die morgendlichen Straßen.

»Ich bin dabei!«

04 |

Das Sippenhaus ist alt. Natürlich ist es nicht mehr das Original, das wurde eingerissen, mehrere Nachfolger abgefackelt und sogar zerbombt. Unter dem jetzigen Gebäude, einem vier geschossigen rechteckigen Backsteinbau, wurden bei den letzten Bauarbeiten Überreste aus dem späten Mittelalter gefunden. Schon damals traf sich eine Gruppe, um hier ungestört ihren Geschäften nachzugehen. Zu Anfang war es die Gilde der Gerber, heute sind es Mondwandler wie Milla und ich.

Ich finde am Sippenhaus keinen Parkplatz, also kurve ich noch ein bisschen herum. Wir sind im Alten Kai, einem der ältesten Viertel der Stadt – einem, an dem die Straßenplaner der Neuzeit einfach vorbeischauten, als sie das Verkehrsnetz Ostkamps modernisierten. Das Ergebnis ist ein Labyrinth aus engen Einbahnstraßen, kleinen Sackgassen und verwinkelten Abkürzungen. Ich finde tatsächlich noch eine Nische, in der ich meinen Volvo V50 abstellen kann.

Sommer in der Stadt. Asphalt und der Beton von den Häusern schwitzen die über den Tag gespeicherte Wärme ab, beheizen abends noch die Straßen. Es ist nach acht Uhr, die Sonne wird noch eine gute Stunde scheinen und der Mond lässt noch auf sich warten. Hat seine Vorteile, denn die Gerüche in den Straßen sind nicht angenehm. In der Kanalisation ist nicht genug Wasser, um allen Unrat wegzuspülen. In den Mülleimern verfaulen Bananenschalen und halb gegessene Butterbrote. Jeder vernünftige Penner verzichtet auf einen solchen Snack, wenn er nicht krank werden will.

Ich zupfe an meinem Hemd, das am Rücken klebt. Milla neben mir scheint die Hitze zu genießen, sie förmlich aufzusaugen. Sommersprossen sprießen auf ihrer hellen Haut.

Mein Handy meldet eine SMS. »War ja klar.«

»Was ist?«, fragt Milla.

Ich stecke mein Handy weg. »Szandar hat unseren Termin um eine halbe Stunde nach hinten verschoben.« Wir beide sehen uns einen Moment an.

»War das nur ein Trick, um mich schnell aus der Wäsche zu kriegen.«

Ich hebe die Hände in einer Geste der Unschuld. »Nein. Ehrlich. Hey, hätte ich dann etwa gekocht?«

»Dafür die ganze Hetze.« Milla schüttelt den Kopf und geht weiter. »Dann kriegen wir bestimmt was vom Konzert mit. Alex‘ Freundin spielt doch heute.«

»Ja.«

»Die ganze Sippe ist neugierig, was das mit den beiden ist. Ich meine, er ist ein Nachfahre vom Sippengründer, das ist so nah an Adel, wie wir es haben können. Und blaublütige Familien sind immer interessanter als Normalsterbliche.« Sie schielt zu mir rüber. »Was weißt du denn über seine Freundin?«

Ich habe keine Lust, mich an dem ganzen Klatsch zu beteiligen.

Mit einem Stirnrunzeln meint Milla: »Du bist heute aber grummelig. Was ist denn?«

Sie hat recht, bester Laune bin ich wirklich nicht. »Es ist das Wetter. Diese Schwüle nervt mich. Und bei den ganzen Mücken kriege ich kein Auge zu.«

»Mein Held. Du besiegst jedes Monster, aber Mücken geben dir den Rest«, lacht Milla.
Jetzt muss auch ich grinsen.

»Jetzt komm schon. Sie heißt Robbi, nicht? Ist Sängerin in einer Band.«

»Soulband.«

»Soul. Aha. Woher kommt sie?«

»Amerika. New York, glaube ich. Seit ein paar Jahren touren sie durch die Welt und treten in Clubs auf. Alex traf sie bei einem Auftritt auf einem Festival, an dem er irgendwie beteiligt ist. Sie kamen ins Gespräch und den Rest kannst du dir denken.«

»Also hat der ewige Schwerenöter doch mal jemanden gefunden, der ihm am Herzen liegt. Wie lang geht das jetzt schon?«

»Ein paar Monate.«

»Das ist für Alex eine Ewigkeit. Vielleicht wird sie ja die Kartheiser-Prinzessin. Ist sie eine Mondwandlerin?«

»Nicht, dass ich wüsste. Alex hat ihr auch noch nichts von der Sippe erzählt.«

»Na, da wird Niklas aber nicht erfreut sein. Er hofft bestimmt, sein Sohn nimmt eine Mondwandlerin zur Frau. Sonst entfernt sich dieser Zweig der Familie immer weiter von der Sippe.«

Ich erwidere nichts darauf. Alex ist der Sohn von Niklas Kartheiser – und damit ein direkter Nachfahre unseres Sippengründers. Fraglos wäre er ein Kandidat für den Posten des Patriarchen gewesen, sobald Szandar und Niklas zu alt wären. Wenn es da nicht ein kleines Problem gäbe: Alex ist kein Mondwandler. Und wie soll jemand unsere Sippe führen, der sich nicht wandeln kann?  Damit ist für die meisten klar, dass Alex niemals Patriarch werden wird. Für seinen Vater, Niklas, ist Alex eine lebende Schmach. Für Alex ist sein Vater ein Arschloch.

Milla hakt sich bei mir unter. »Was hältst du von ihr?«

»Ich kenne sie kaum. Sie scheint okay. Sie hat eine starke Ausstrahlung und lässt sich von Alex nichts gefallen. Das spornt ihn an.«

Wir erreichen den Park, in dem das Sippenhaus steht. Hier treffen sich Familien, Kinder spielen Fußball und nach einem langen Arbeitstag genießt man Gegrilltes und Bier. Mein Magen knurrt bei diesem Anblick.

Unter den bewundernden Blicken einiger Männer, die Milla genießt und mich ein bisschen stolz werden lassen ob der Frau an meiner Seite, erreichen wir das Sippenhaus und gehen die wenigen Stufen empor zu den gusseisernen Türen.

Die Kühle der Vorhalle trifft uns wie ein kalter Wasserschwall. Ich atme auf. Sehe zur Pförtnerloge. Dort sitzt – wie immer – Hugo und tippt zum Gruß an seine Mütze. »Hallo, ihr beiden Hübschen. Wollt ihr auch zum Konzert? Oder zur Ausstellung?«

»Der Rat hat mich gerufen.«

»Die drei sitzen oben.«

»Danke. Guckst du dir die Show nicht an?«

»Soul ist nicht meins.«

Ich nicke Hugo zu und steuere Richtung große Treppe.

Milla hält mich zurück. »Du schuldest mir ein Essen«, sagt sie und deutet nach links.

Am Ende des Bogengewölbes liegt ein kleines Café. Da wir noch eine halbe Stunde haben, kaufen wir uns was Leckeres auf die Hand. Dann gehen wir die Steinstufen hinab in den Musikkeller.

Die Decke ist auch hier ein weitgespannter Bogen. An der hinteren Wand steht das Mischpult des Toningenieurs, gegenüber der kleinen Bühne. Unser Kommen wird nicht bemerkt denn alle richten ihren Blick zur Bühne. Schlagzeuger, Bassist und Gitarrist begleiten die Sängerin, die an einem Flügel sitzt und sich die Seele aus dem Leib singt.

Die Männer tragen weiße Anzüge, bewegen sich in ihnen so leger, als wären sie Pyjamas.

Der Bassist ist der Auffälligste. Er ist groß und massig, seine Haut hat die Farbe von Teer. Die Nackenmuskeln sprengen fast den Kragen seines Jacketts. Die Ärmel der Jacke sind abgetrennt, wohl der einzige Weg, seinen mächtigen Armmuskeln Freiheit zu gewähren. Seine Hände spielen geschickt auf den Saiten.
Ich zweifele keinen Moment daran, dass sie das Instrument einfach zerdrücken könnten, wenn sie wollten. Es ist nicht nur die offensichtliche Kraft des Bassisten, die mich beeindruckt; vielmehr, dass er sie zu kontrollieren versteht, während er seinem Instrument komplizierte Bassrhythmen entlockt.

Die andere Seite der Bühne teilen sich der schmächtige Gitarrist und der Schlagzeuger, der Melone und Vollbart trägt und dessen Haut fast so blass ist wie der weiße Anzug. Die beiden wechseln oft Blicke, grinsen und werfen sich kurze Sätze zu. Sie scheinen richtig Spaß zu haben.

Mit einem Blick auf die Sängerin sagt Milla: »Das ist also Alex‘ Freundin«

Ich nicke.

Robbis Haut hat einen angenehmen Schokoladenton, ihr Gesicht ist fein gezeichnet mit großen Augen. Sie trägt ein gelbes Kopftuch, ihr Haar in dünnen Rastalocken. Die bunte Bluse steckt in einer dunkelblauen Schlagjeans.

Obwohl Robbi nicht größer als einssechzig ist und zierlich, nimmt sie die Bühne ein. Sie hat mehr Ausstrahlung als der Bassist und die anderen Musiker zusammen. Ihre Stimme ist fest und emotional, sie singt Texte vom Verlassenwerden und Herzschmerz, mehr anklagend als verzweifelt. Trotzig in ihrer Verletztheit. Gerade weil sie der Mittelpunkt ist, gefällt mir ihre Art, wie sie immer wieder zu ihren Bandkollegen singt, diese so einbezieht und dem Publikum klar macht, dass sie nicht allein dort oben ist.

»Wollen wir was trinken?«, frage ich.

»Sicher.«

Linkerhand ist die Bar. Dorthin führe ich Milla, die schon nach einigen Schritten ihre Hüften zum Rhythmus der Musik kreisen lässt. Ich selbst bin kein Freund von Soul. Ich kann nichts damit anfangen, wenn ein einzelner Buchstabe zwei Minuten lang besungen wird, die Tonleiter rauf und runter. Ich bin offensichtlich in der Minderheit an diesem Abend. An der Theke winke ich den Bartender heran.

»Hi, Milla. Nate«, grüßt uns Cen. Er ist in der fünften Generation Mondwandler und neben der Bar organisiert er auch das Musikprogramm im Sippenhaus. Er bemüht sich immer um neue, interessante Künstler und ist selbst ein guter Jazz-Saxophonist.

Ich bestelle: »Für mich ein Bitter Lemon und…«

»Desperados«, bestellt Milla.

»Sofort.« Cen bringt uns die Flaschen. Als ich zahlen will, schüttelt der den Kopf. »Gehen aufs Haus.«

»Danke«, sage ich und runzele die Stirn. In den letzten Monaten ist mir das öfter passiert. Seit ich diese Geschichte mit der anderen Sippe erledigt habe.

»Ich bin mit einer Berühmtheit unterwegs«, stellt Milla fest und prostet mir zu.

»War nur ein Job«, sage ich.

»Du hast eine Menge Leben gerettet«, erinnert mich Milla. »Meins inbegriffen.«

»Ist gut.« Um das Thema zu wechseln, frage ich Cen: »Was hältst du von der Band?«

»Sind gut. Robbi ist stark auf der Bühne. Nur dem Drummer fehlt es an Varianz.« Cen nickt uns zu und kümmert sich um den nächsten Kunden.

Bald verliere ich Milla an die Tanzfläche. Mit meinem Bitter Lemon in der Hand genieße ich den Anblick, wie sie sich lasziv zur Musik bewegt in ihrem hautengen Kleid. Sie entfernt sich vom Rand, schlängelt sich in die Mitte und andere Tänzer versperren mir die Sicht.

»Ist sie nicht eine Wucht!«, ruft jemand neben mir. Ich drehe mich um und stehe Alex Kartheiser gegenüber.
Mit seiner Flasche stößt Alex gegen meine. Wir trinken einen Schluck. Dabei tanzt er auf dem Fleck zur Musik seiner Freundin und grinst mich an. Ein Lausbubenlächeln, das seine Magie sogar bei mir entfaltet. Ich lächele zurück. Irgendwie ist die Musik doch packender als ich bisher dachte.

Alex leert seine Flasche und bestellt bei Cen eine neue. Er beugt sich vor, spricht in mein Ohr: »Dachte, du hattest andere Pläne.«

Ich zeige ihm Milla auf der Tanzfläche und erkläre: »Der Rat hat mich her zitiert.«

»Gönnen die dir nicht eine Nacht Urlaub?«

»Seit Tamas hatte ich Urlaub«, erinnere ich Alex.

»Das war kein Urlaub, das war Reha.«

Damit hat Alex wohl Recht. Nach meinem Kampf gegen Tamas habe ich die letzten Monate wirklich gebraucht, um wieder zur alten Form zu finden.

Cen gibt Alex eine neue Flasche und streicht das Geld ein.

Ein Zeichen für die Ungerechtigkeit der Welt. Alex hat beim Kampf gegen Tamas ebenso sein Leben riskiert wie ich. Gegen den Vampir Samuel ebenfalls. Aber das scheint für Cen – ebenso wie für alle anderen unserer Sippe – nicht zu zählen.

Alex jedenfalls macht sich darüber keine Gedanken. Er tanzt weiter, nimmt seinen Trilby-Hut ab und winkt damit zur Band. Heute trägt er ein blaues T-Shirt, darüber Weste; dazu hellbraune Chinos und blaue Chucks. Seine komplette Garderobe kommt aus heimischen Designer-Läden, als würde es das brauchen, um die Aufmerksamkeit der holden Weiblichkeit auf ihn zu ziehen. Seine ansteckende Energie und seine eurasischen Gesichtszüge sind mehr als genug, um jederzeit interessierte Blicke zu bekommen. In der Regel erwidert Alex die Flirtversuche nur zu gern, doch heute Abend hat er nur Augen für Robbi. Als sie ihm an ihrem Klavier sitzend zuzwinkert, pfeift Alex begeistert.

Es hat ihn wirklich erwischt.

Auf der Bühne erhebt sich Robbi von ihrem Klavier. Mit einer weit ausholenden Geste schließt sie ihre Band mit in den aufkommenden Applaus ein. Noch während wir klatschen, bringt der muskulöse Bassist einige Requisiten nach vorne.

Mein Handy brummt und ich ziehe es aus der Hosentasche. »Die Arbeit ruft.«

»Grüß mir Paps«, sagt Alex.

Wir wissen beide, dass ich mir das besser spare.

05 |

Mein erstes Treffen mit Niklas Kartheiser fand an einem Boxring statt. Nach meiner Aufnahme in die Kartheiser-Sippe hielt es Gunther für das Beste, sich ein Bild von meiner Fitness zu machen und mich den anderen gebührend vorzustellen. Er  brachte mich zu einem privaten Sportcenter im Alten Kai.

Wir zogen uns um und gingen in die große Halle. Durch eine Wand voller Fenster fiel helles Licht auf die gelben und blauen Matten, die den ganzen Boden bedeckten. An einem tiefer gehängten Deckenabschnitt hingen Sandsäcke, Punktbälle und Maisbirnen. Kraftgeräte und Stangen standen vor einer Wand. An einer anderen hingen Spiegel, vor denen sich eine Frau und ein Mann gegenseitig begutachteten und Tipps gaben, um Haltung und Schläge zu verbessern. Bei jedem Schritt, jedem Trippeln quietschten ihre leichten Sportschuhe auf dem Boden, ihr Atem ging schwer.

Das Zentrum der Halle bildete ein Boxring mit rotem Boden und schwarzen Seilen. Alles so gut erhalten, als wäre er gerade erst aufgestellt worden. Er wurde genutzt von zwei Männern, die sich nur in ihrem Willen ähnelten, den anderen zu besiegen.

Den einen schätzte ich einige Jahre jünger als mich, also Mitte Zwanzig. Er war gut trainiert, die Muskeln zeichneten sich hart unter dem Shirt ab, die Armmuskeln standen ab wie kleine Berge. Seine braunen Haare waren vorne kurz und fielen hinten in den Nacken. Durch den Schweißgeruch nahm ich seine persönliche Note nach geschliffenem Stein wahr.

Sein Gegner war Anfang Fünfzig, kräftig gebaut und mit sichtbarem Bauch. Ein dicker Schnurrbart in einem pockennarbigen Gesicht ließ ihn wie aus der Zeit gefallen wirken. Er bewegte sich viel weniger als sein Gegner. Ich kannte solche Typen, die scheinbar wie ein Fels auf ihrem Platz standen, dabei aber unentwegt ihr Gewicht verlagerten, kaum sichtbar für jemanden, der nicht gelernt hatte, aufmerksam hinzusehen.

So sah es von außen aus, als hätte der junge Kerl alles unter Kontrolle, denn er ging flink durch den Ring, nie seine Position haltend, immer auf dem Sprung. Der Ältere schien diesem Tempo nicht gewachsen zu sein, als könne er nur passiv abwarten. Dann sah ich den ersten Schlagabtausch. Handschuhe klatschten laut aufeinander, Körper duckten sich, Arme schossen aus der Deckung – und der Junge brauchte zwei Schritte, um sich von einem Treffer gegen die Rippen zu erholen.

Der Ältere setzte nicht nach, aber sein Blick entließ seinen Gegner nicht einen Moment.

Gegen den Jungen würde ich sofort in den Ring steigen. Den Alten wollte ich lieber noch eine Weile beobachten, bevor ich mir eine Meinung bilden würde.

Neben mir schlug Gunther in die Hände. Er war von untersetzter Statur, kräftig. Er trug das schwarze Haar kurz. Seine Sprache war ebenso knapp und präzise wie seine Bewegungen. »Alle zuhören. Das ist Nate. Szandar hat ihn aufgegabelt und der Patriarch hat ihn uns geschenkt. Nehmt ihn nicht zu hart ran. Überlasst das mir.«
Die beiden vom Spiegel traten auf mich zu und reichten mir die Hand. »Ich bin Taner. Das ist Kira«, sagte der Kerl.

»Nate.«

Taner deutete auf den jungen Boxer. »Das ist Rouven. Er ist noch in der Ausbildung. Was meinst du?«
»Er hat Kondition«, gab ich zurück.

Taner grinste.

Im Boxring schlugen sich die Kontrahenten auf die Handschuhe, beendeten ihren Kampf. Der Ältere zog den Gebissschutz aus und nickte mir zu. »Du bist also der Kerl, der uns Ärger in die Stadt gebracht hat.«
»Er hat ihn auch gleich entsorgt«, gab Taner zurück. Dafür fing er sich von dem Jungen aus dem Boxring einen ärgerlichen Blick ein, was Taner aber nicht weiter störte.

Der Kerl mit dem Schnurrbart zog den Kopfschutz ab, ließ ihn fallen, lehnte sich in die Seile des Boxrings und sah mich von oben herab an. Ich roch seine Note: Alter Whiskey und Schießpulver. Seine Ausstrahlung hatte was von einem Herbstunwetter, seine Stimme war ein heiseres Grollen. »Für diese Gruppe braucht Gunther Leute, die sich mit der Sippe und der Stadt auskennen. Denen alle Fallstricke bekannt sind. Er braucht keinen Schläger, der von unserer Lebensart keine Ahnung hat.«

Er musterte mich wie er seinen Gegner im Boxring gemustert hatte. Ich erwiderte seinen Blick möglichst passiv.

Er wandte sich an Gunther: »Nate mag kämpfen können. Aber Kraft ohne Wissen zerstört mehr als sie nützt.«
»Du scheinst schnell ein Urteil zu fällen«, gab ich ruhig zurück. Ich konnte es noch nie leiden, wenn man über meinen Kopf hinweg über mich redet.

Er sah mich an. »Es kann zu Problemen kommen, wenn wir die Falschen in unsere Sippe aufnehmen. Solche, die unsere Werte nicht teilen.«

»Szandar hat mir von euren Regeln erzählt: Das Miteinander mit den Menschen. Dass die menschliche Seite über die tierische bestimmt. All dem stimme ich zu. Ich will nur in Frieden leben.«

»So? Und warum sind dann Killer hinter dir her?«

»Das habe ich schon dem Patriarchen erzählt. Und was für ihn gut genug ist, sollte es auch für dich sein.«
Er lächelte humorlos. »Das sollte es wirklich. Noch.«

Ich runzelte die Stirn bei diesem Satz. War das eine offene Kritik an dem jetzigen Patriarchen, Vinzenz Kartheiser? Wie sollte ich darauf reagieren, was erwartete man von mir?

Gunther nahm mir meine Entscheidung ab. »Lass gut sein, Niklas. Nate gehört jetzt zu uns. Ich bürge für ihn.«
Hatte Gunther den Mann wirklich Niklas genannt? War das etwa Niklas Kartheiser, der Sohn von Vinzenz Kartheiser? Der aussichtsreichste Kandidat für den Posten des Patriarchen, wenn der jetzige abtreten sollte? Warum schlug sich dieser Mann mit dem jüngsten Mitglied der Aufpasser? Und dann dachte ich mit Respekt: Warum nicht? Er kann offensichtlich gut austeilen.

Am Boxring stehend sagte Niklas Kartheiser: »Das ist allemal gut genug für mich, Gunther. Warum schickst du Nate nicht rauf, damit ich mir mein eigenes Bild machen kann? Ich habe ihn gestern Nacht ja nicht in Aktion gesehen.«

Sofort lag diese Spannung in der Luft, die es bei jedem Wettkampf gibt. Alle sahen mich erwartungsvoll an und ich sah keinen Grund zurückzustecken. Also ging ich in Richtung Treppe.

»Willst du keine Handschuhe?«, fragte Taner.

Ich blieb stehen. »Ich habe noch nie mit Handschuhen gekämpft.«

»Du hast noch nie geboxt?«, hakte Taner nach.

»Nicht im Ring. Nicht mit Regeln.«

»Gut«, rief Gunther, vermutlich froh den Kampf beenden zu können, bevor er begonnen hatte. »Dann lassen wir das. Ich habe keine Lust, dass jemand zu Schaden kommt. Niklas, wir brauchen den Ring, also mach Schluss für heute. Und du hast auch genug, Rouven. Trainier noch etwas an den Geräten.«

Murrend zog der jüngere Kämpfer seinen Kopf ein und stieg durch die Seile aus dem Ring.

Als Niklas die Treppe herunter kam, musterte er mich von oben bis unten. »Nur aufgeschoben.«

06 |

Hinter mir verklingt die Musik aus dem Keller, während ich die Treppe des Sippenhauses hinaufsteige in den dritten Stock. An der Tür am Ende des Flurs stehen zwei Männer: Michael Witebski und Rouven.

Michael ist von mittlerer Statur mit der Muskulatur eines Mannes, der auf Effizienz und nicht auf Aussehen trainiert. Sein schwarzes Haar trägt er streng nach hinten gekämmt. Das Aftershave vermischt sich mit seinem Geruch von Brennnesseln mit Minze.

Michael ist Szandars Leibwächter, wir kennen uns seit meinen ersten Tagen in der Sippe. Haben so einige Male zusammen trainiert und auch wenn es interessant wäre zu wissen, wer in einem echten Kampf die Oberhand behielte, möchte ich das nie ausprobieren.

»Wie geht’s?«, fragt er.

»Bin wieder topfit«, antworte ich.

»Gut zu hören.«

Rouven ist so gut im Training wie damals im Boxring. Seine schwarzen Augen blicken wütend auf mich. Da ich nicht weiß, was ich ihm heute schon wieder getan habe, ignoriere ich seine Ablehnung einfach. Sie kann viele Gründe haben.

Unsere gegenseitige Missbilligung reicht lange zurück. Rouven hält mir immer noch vor, dass ich Gunther von seinem Posten als Chef der Wächter der Sippe verdrängt habe. Zudem war meine erste Handlung, Rouven aus meiner Truppe auszuschließen. So gefährlich er als Kämpfer auch ist, so unberechenbar ist er.

Das war der zweite Affront, den er mir vorhält. In den folgenden Jahren folgten weitere.

Meine Abneigung gegenüber Rouven ist nicht minder stark. Er gefällt sich darin, der Ziehsohn von Niklas Kartheiser zu sein. Niklas Kartheiser, der Alex – seinen leiblichen Sohn – mit Ignoranz straft. In Rouven sieht Niklas den Sohn, den er eigentlich verdient hätte: Einen Mondwandler, einen Kämpfer. Und Rouven übernimmt nur zu gern die ihm angebotene Rolle.

Seit er Niklas‘ Leibwächter ist, war er auch bei den Ratstreffen an dessen Seite. Weswegen steht Rouven dann hier draußen im Flur? Irritiert frage ich: »Ist Niklas noch nicht da?«

»Ist schon drin. Szandar bat mich, hier zu warten«, gibt Rouven schmallippig zurück.

Es wird immer spannender. Ich klopfe an die Tür und öffne sie.

Das Besprechungszimmer ist schmucklos: Um einen großen Tisch stehen bequeme Stühle, auf einer Seite liegt eine Fensterfront, die nach Osten zeigt und hinter der ich einen Balkon weiß.

Nur drei der Stühle am langen Tisch sind besetzt: Szandar hat seinen Platz am Kopfende gefunden. Der gebührende Platz für den Patriarchen unserer Sippe. Seine Haare sind stellenweise ergraut.

Dass Szandar den Sitz des Patriarchen bekam, war bei seinem Antritt eine Überraschung für die gesamte Sippe. Denn selten übergeht ein Patriarch seine Kinder bei der Nachfolge. Und Vinzenz Kartheiser hatte einen leiblichen Sohn: Niklas.

Szandar wurde im Lauf der Jahre beliebt. Er lässt seinen Schutzbefohlenen viele Freiheiten, gibt lieber Ratschläge als Befehle, hört lieber zu anstatt zu predigen. Nur wenige Gesetze haben für ihn unumstößliche Gültigkeit, aber diese setzt er mit Härte durch. Eines seiner Werkzeuge bin ich.

Rechts von Szandar sitzt Niklas Kartheiser. Durch die randlose Brille mustert er mich eingehend.
Er – der übergangene Sohn – wurde Chef der Kartheiser Handelskontor KG, jener mächtigen Firma, deren Ursprung die gleichen Wurzeln hat wie die Sippe selbst. Die KHK bildet das finanzielle Rückgrat der Sippe, denn wie überall gilt: Geld ist Macht.

Komplettiert wird der Rat durch die einzige Frau im Raum.

Die Schamanin unserer Sippe riecht nach frischen Früchten. Sylke Gerber trägt ein weit fallendes Shirt in Batik-Optik. Die nussbraunen Haare sind hochgesteckt, werden von zwei Stäbchen gehalten. Um den Hals hängt eine Kette aus Bernsteinstücken.

Wir grüßen uns und ich setze mich an den Tisch.

Wie es Szandars Art ist, kommt er gleich zur Sache. »Heute Morgen wurde die Ausfahrt der Dortmunder aus dem Marseiller Hafen gestoppt«, erklärt er. »Die Dortmunder ist ein Containerfrachter des Kartheiser Seefrachtkontors. Ihre Ladung bestand ausschließlich aus Gütern der KHK. Unter ihnen war etwas, dass der französische Zoll als illegal eingestuft hat. Der Sachschaden geht in die Hunderttausende durch die Termingeschäfte, die wir nicht einhalten können.«

Niklas unterbricht die Erklärung. »Wir haben schon einen guten Mann unten. Er macht seinen Job.«
Szandars Blick auf Niklas lässt mich vermuten, dass heute schon das ein oder andere unfreundliche Wort zwischen den beiden gefallen ist. Es wäre nicht das erste Mal, jedoch ist die Spannung heute besonders deutlich zu spüren.

Szandar erklärt: »Der Agent für die KHK heißt Jared Kettler.«

»Gehört er zur Sippe?«, frage ich, da mir der Name unbekannt ist.

»Nein.«

Das ist nicht weiter verwunderlich. Auch wenn die KHK das wirtschaftliche Rückgrat der Sippe bildet, ist es unmöglich, alle Posten mit Sippenangehörigen zu besetzen. Es kommt darauf an, jene unter Kontrolle zu halten, die Entscheidungen treffen und Informationen weitertragen. Darin hat sich Niklas als Meister erwiesen. Er weiß genau, wen er auf welchem Posten einzusetzen hat.

Wenn Niklas entschieden hat, Kettler die Sache aufklären zu lassen, muss etwas Unvorhergesehenes geschehen sein, sonst hätte man mich nicht gerufen. Also frage ich: »Wo ist das Problem?«

»Kettler hat uns vor einer Stunde dieses Video geschickt.«

Szandar öffnet einen Laptop, tippt auf ein paar Tasten und schiebt es zu mir herüber. Ich sehe das Standbild eines Videos im Vollbildmodus und aktiviere die Datei. Die Bilder sind halbwegs ruhig, was auf eine kleine Videokamera hindeutet, die von jemandem gehalten wird, der etwas vom Filmen versteht.

Ich sehe den Frachter, die Dortmunder, am Kai liegen. Rollkräne haben drei Container von ihrem Deck gehoben und verladen sie auf bereitstehende Laster. Die LKW sind von Leuten in Uniformen umstellt: Französischer Zoll. Die Beamten beobachten die Verladung, während sich eine Handvoll Männer einige Meter weiter heftig streiten. Ich schätze, da redet der Kapitän der Dortmunder mit dem leitenden Beamten. Ein letzter Versuch, seine Fracht beisammen- und die Zeitpläne einzuhalten.

Die Container, die auf die Laster verladen werden, sehen aus wie jeder andere Standardcontainer. Dann dreht sich einer von ihnen und ich sehe ein Signet, das mir nur allzu gut bekannt ist.

Ich blicke zu Szandar hoch. »Diese Container sind Ladungen der Sippe?«

»So sieht es aus«, bestätigt er. »Die Dortmunder war auf dem Weg nach Syrien. Dort lebt eine befreundete Werwolf-Sippe. Wegen des Bürgerkriegs haben wir zugestimmt, ihnen mit einigen Gütern auszuhelfen. Niklas hat das übernommen.«

Ich wende mich an ihn. »Irgendwas Illegales?«

»Nein«, sagt er bestimmt.

»Warum kümmert sich der Zoll dann um unsere Container?«

»Das weiß ich nicht.«

Das wundert mich. Wenn Niklas für etwas Talent hat, dann seine Ohren überall zu haben. »Was sagt dieser Kettler?«

»Er hat noch keine genauen Informationen.« Niklas nimmt die runde Brille ab und massiert sich den Nasenrücken.

»Hat die KHK sich Feinde gemacht?«

»Man macht keine Geschäfte, ohne ein paar Leuten auf die Zehen zu treten.« Er setzt die Brille wieder auf.
Warum blockt er so? Dieses Problem scheint nicht weiter tragisch zu sein, vermutlich ist die ganze Vorsicht übertrieben. Vermutlich ist er verstimmt, weil Szandar ihm nicht zutraut, damit fertig zu werden.

Doch warum zieht Szandar mich dazu? Ist da mehr auf dem Spiel, als ich sehe? Geht es etwa um Politik? Ich hoffe nicht. In so was lasse ich mich nicht gerne reinziehen. Da heißt es einfach schnell den Auftrag erledigen und sich verabschieden.

Es gibt noch eine andere Möglichkeit. Ich sehe Szandar an. »Ein Angriff auf die syrische Sippe? Oder uns?«
»Um das zu klären, schicke ich dich runter«, sagt er. »Offiziell hat dich die KHK als Sicherheitsexperten angefordert. Das lief direkt über Niklas. Kettler ist darüber informiert, dass du ihn morgen triffst. Niklas sendet dir seine Kontaktdaten. Du triffst ihn am Hafen, in Marseille.«

»Marseille«, murmele ich zu mir selbst. Ich wechsle einen beredten Blick mit Szandar. Er erinnert sich an meine Probleme in Marseille. Szandar weiß, was er von mir verlangt. »Ich brauche das Team. Marseille ist unbekanntes Terrain, da will ich jede mögliche Unterstützung vor Ort haben.«

»Sicher«, sagt Szandar. »Da ist noch etwas – Sylke?«

Die Schamanin scheint aus einem leichten Schlummer zu erwachen, blickt von ihren Händen hoch, findet kurz meinen Blick, um sofort wieder ihre Finger zu betrachten. Während sie redet, fährt ihr Blick auf und ab. »Es geht um Samia. Ich habe sie unter meine Fittiche genommen, denn sie hat Talent. Es ist nicht stark, aber ich dachte mir, sie will ihre schamanische Gabe bestimmt besser kennenlernen. Offensichtlich will sie das nicht. Sie kommt zwar zu den Stunden, aber sie gibt sich keine Mühe. Ist gelangweilt. Wenn sie Fragen stellt, tja, dann fragt sie nach dir, Nate.«

Ich ertappe mich dabei zurückzuweichen. »Mir?«

Sylke nickt. »Immer wieder. Sie scheint sehr von dir beeindruckt.«

»Ich habe die meisten ihrer Sippe umgebracht.«

»Genau das hat sie wohl beeindruckt.« Sylke atmet schwer aus. »Ich glaube, sie hat schon lange einen Weg gesucht, um von ihrer alten Sippe loszukommen. Irgendwie hast du sie also befreit. So sieht sie das, denke ich.«

Niklas schnaubt. »Der Prinz in der strahlenden Rüstung.«

Ich schlucke eine Erwiderung herunter. Sehe zu Szandar. »Ich habe keine Ahnung, was in Marseille los ist. Samia wird mir nur im Weg sein.«

»Deine Mannschaft ist immer noch sehr dünn aufgestellt.«

»Das stimmt.«

»Sylke hat mir viel über Samia erzählt. Während ihrer Zeit in Tamas‘ Sippe hat sie einiges mitgemacht. Es wird ihr nicht leicht fallen, sich an das Leben in unserer Sippe zu gewöhnen. Ich möchte aber alles versucht haben, sie zu integrieren. Sie braucht einen Anker und so wie es aussieht, kannst du dieser Anker sein. Nimm sie mit nach Marseille. Sie spricht Französisch und Arabisch, vielleicht ist das nützlich.«

Damit kann er sogar Recht haben. Wer weiß, in welche Marseiller Viertel uns die Recherchen führen werden – und in manchen ist Arabisch nützlicher als Französisch. Zudem höre ich an Szandars Ton, dass es sinnlos ist zu widersprechen.

»Also gut. Ich fahre morgen mit ihr los.« Ich sehe zu Szandar.

»Berichte sofort an mich«, trägt er mir auf. »Pass auf dich auf.«

Ich nicke. Stehe auf und verlasse den Rat.

Im Treppenhaus, wo mich keiner sieht, bleibe ich einen Moment stehen. Das alles klingt nach einem einfachen Fall. Aber warum ausgerechnet Marseille?

Verfluchtes Marseille.

07 |

Nachdem ich ein paar Telefonate geführt habe, um mein Team und Samia für morgen zu organisieren, kehre ich in den Keller zurück. Ich höre noch den Applaus, mit dem das Konzert zu Ende geht. Es haben sich Grüppchen gebildet, man unterhält sich in den Gängen. Im Hintergrund liefert ein DJ Musik; Soul natürlich, passend zum vorangegangenen Konzert.

Auf der Bühne werden die Instrumente von ihren Bandmitgliedern abgebaut. Der Drummer geht herum und die Gäste werfen etwas in seinen Hut, wohl Spenden für das gelungene Konzert.

Milla kommt zu mir an die Bar, stellt ihre Flasche ab und lächelt mich an. Der Strahl eines Scheinwerfers erfasst sie und in der Düsternis des Kellers leuchtet ihr weißes Kleid auf. Was für ein Anblick!

Ich strecke meinen Arm aus und sie hakt sich unter. »Machen wir da weiter, wo wir aufgehört haben?«, fragt sie.

»Genau da. Aber ich muss vorher noch mit Alex sprechen.«

Am Bühnenrand sitzen Robbi, ihre Band – und bei ihnen Alex. Sie alle halten Bier in der Hand und unterhalten sich auf Englisch. Der kräftige Bassist lacht über einen Witz, den der Schlagzeuger gerissen hat. Alle stimmen ins Lachen ein, haben gute Laune. Robbis Hand liegt auf Alex‘ Schenkel.

Als Milla und ich zu ihm gehen, dreht sich Robbi zu uns um. Ihre dunklen Augen mustern mich unter der weiten Krempe ihres roten Hutes. Es ist ein langer, intensiver Blick. Ich erwidere ihn und wir grüßen uns.

»Du hast schon wieder mein Konzert verpasst«, sagt sie enttäuscht.

»Tut mir leid. Hatte noch eine Besprechung.«

»Immer bei der Arbeit. Du musst mal ausspannen«, rät mir Robbi.

»Sag das meinem Chef.«

»Aber beim nächsten Mal bist du dabei«, fordert Robbi neckisch. »Sonst muss ich ein Lied über dich schreiben und das wird nicht nett.«

»Versprochen. Beim nächsten Mal.«

Alex blickt zu Milla und mir herüber. »Wo zieht es euch hin?«

»Nach Hause«, sage ich.

»Schon? Wir wollen noch was um die Häuser ziehen.«

Milla scheint nicht abgeneigt. Sie wirft mir einen fragenden Blick zu.

Alex boxt mir spielerisch an die Schulter. »Gib dir einen Ruck!«

Ich schiebe die Entscheidung auf und frage ihn: »Hast du mal kurz Zeit? Unter vier Augen.« Ich wende mich an Milla und Robbi. »Entschuldigt uns einen Moment.«

Alex küsst Robbi auf die Wange, dann folgt er mir. Als wir außer Hörweite sind, bleibe ich mit dem Rücken zur Bühne stehen und erzähle Alex von der Dortmunder und meinem morgigen Trip nach Marseille. »Ich habe die anderen nach der Besprechung angerufen«, beende ich meine Ausführungen. »Kira und Taner bringen die Ausrüstung mit. Sie könnten auch Tobias mitnehmen. Oder das machst du.«

Alex blickt zu Robbi. Seufzt. »Du willst das komplette Team dabei haben?«

»Kann sein, dass es nur ein kurzer Trip wird: Umschauen und wieder nach Hause. Kann aber auch länger dauern.«
»Das wäre schlecht, denn eigentlich schmeißen Robbi und ich Freitag eine Party und – naja, ich habe schon alle eingeladen und für Robbi wäre es gut …« Wieder sieht Alex sich um, kratzt sich am Kopf.

Ich habe die Party ganz vergessen. Ist sie ihm wirklich wichtiger als mir zu helfen? Das verwirrt mich, hatte ich doch mit einer sofortigen Zusage gerechnet.

»Warte mal.« Alex lässt mich stehen und geht zu Robbi.

Ich komme mir blöd vor, wie auf dem Abstellgleis, während ich sehe, wie die beiden miteinander flüstern. Beiläufig berühren sie sich am Arm, ein Bild natürlicher Vertrautheit. Es ist diese kleine Geste, die mir klar macht: Alex und Robbi geben ein gutes Paar ab und ich gönne meinem Freund diese Zweisamkeit.

Schließlich lächelt Robbi und schüttelt den Kopf. Sagt etwas und schiebt Alex fort. Sie sieht mich an und lächelt entschuldigend.

Alex kommt zu mir. »Robbi meint, sie kann die Party nicht allein stemmen und es wäre eine Riesengelegenheit für die Band.«

Womit sie wohl Recht hat. Wenn ein Kartheiser einlädt, kommen alle wichtigen Leute aus Ostkamp. Ich kann Alex nichts befehlen, er ist nicht offiziell im Team, da er kein Mondwandler ist. Aber für mich gehört er dazu. Auf ihn zu verzichten, schmerzt mehr, als ich mir eingestehen will.

Dann erinnere ich mich an seine Ausgelassenheit beim Konzert. An seinen Blick, wenn er Robbi sieht.

Vielleicht ist es für mich an der Zeit, etwas zurückzutreten und ihm das Glück zu gönnen.

»Wird schon schiefgehen«, höre ich mich sagen und weiß, es ist das Richtige.

»Klar wird es das«, versichert Alex. Er ist offenbar erleichtert, dass ich nicht insistiere.

Wir gehen zurück zur Bühne, wo sich Milla und Robbi offensichtlich gut miteinander unterhalten. Als wir zu ihnen stoßen, unterbrechen sie ihr Gespräch nur ungern.

»Was hältst du von einem kleinen Absacker?«, fragt Milla.

Ich will schon widersprechen, besinne mich dann aber anders. Es ist eine gute Gelegenheit, Robbi und ihre Band kennenzulernen. Alex würde es mir danken und Milla würde es mir wohl übelnehmen, wenn ich den Abend abrupt enden ließe.

Die Sache in Frankreich hört sich nicht weiter schwer an. Und viel Schlaf werde ich heute Nacht eh nicht bekommen.

»Bin dabei.«

08 |

Am nächsten Morgen komme ich eine gute halbe Stunde zu spät. Es blieb nicht bei dem einen Absacker und die Nacht war noch sehr lang.

Ich muss mir eingestehen, dass ich mit Robbi und ihren Leuten nicht wirklich warm werde. Ich weiß nicht warum, aber es scheint eine Distanz zwischen uns zu geben. Wir haben uns viel unterhalten und der Abend war nett. Aber würde ich mit Robbi allein um die Häuser ziehen wollen? Nein. Und ich bin mir sicher, sie empfindet ebenso.

Nun, man kann nicht jeden sofort ins Herz schließen. Vielleicht brauchen wir nur etwas Zeit.

Nach der langen Nacht begann der Morgen sehr früh. Als guter Gastgeber habe ich mich natürlich um die Wünsche meiner Besucherin gekümmert. So erreiche ich Samias Haus übermüdet, aber ausnehmend gut entspannt.
Ich weiß, dass Samia eine eigene Wohnung im Alten Kai angeboten worden war, wo sie nah an der Sippe gewesen wäre. Sie lehnte ab und suchte sich eine Wohngemeinschaft im Univiertel.

Ihre Entscheidung hat nicht gerade der Integration in die Sippe geholfen. Nahezu alle Mondwandler leben im Alten Kai, die Ausnahmen sind die Familie Friedrichsen und ich – und jetzt Samia. Viele rümpften über diese Entscheidung ihre Nasen. Ich kann Samia gut verstehen; wenn man nicht in die Sippe geboren ist, kann es eine Weile dauern, bevor man sich an die enge Gemeinschaft gewöhnt.

Meine Verspätung scheint Samia nicht zu stören, da sie weder auf der Straße wartet, noch mich zuvor angerufen hat. Also rufe ich sie auf dem Handy an. Nach dem vierten Klingeln hebt sie ab, brummt etwas und legt auf. Fünf Minuten später kommt sie aus dem Hauseingang. Sie schlurft zu meinem Wagen und öffnet die hintere Tür. Ihre große Tasche fällt schwer auf die Rückbank. Kurz darauf fällt sie in den Beifahrersitz. Sie trägt Chucks, kurz geschnittene Jeans und ein rotes, viel zu weites Shirt. An ihrer Schulter hängt eine große Handtasche mit einem Union Jack. Ihre Augen sind kleine Schlitze über dunklen Ringen.

Samia ist neunzehn, hat eine knabenhaft schlanke Figur und ist um die einssiebzig groß. Ihr im Nacken kurz geschnittenes Haar ist grasgrün gefärbt. Braune Augen unterstützen die arabischen Züge ihres Gesichts und ihr Mund hat jenen Schwung, der sie sie scheinbar immer lächeln lässt, als würde sie die Welt mit leisem Spott betrachten.

»Bereit?«, frage ich.

»Kaffee«, raunzt sie. »Zweite rechts.«

Wenn ich die nächsten zehn Stunden auf der Straße mit ihr aushalten will, ist es klüger, ihr jetzt ihren Willen zu lassen. Also fahre ich zum Café. Sie steigt ohne ein Wort aus und bleibt für ein paar Minuten verschwunden. Als sie zurückkommt, trägt sie in der Rechten einen Riesenbecher Frappuccino mit Sahne, in der Linken einen kleinen Pappbecher. Ich öffne ihr die Tür. Wieder fällt sie in den Sitz.

»Für dich«, kriegt sie zwischen müden Lippen hervor, als sie meinen Becher in den Halter steckt.

»Was für einer?«

»Schwarz mit Schuss Milch. Kein Zucker.«

Sie hat die richtige Wahl getroffen, ohne dass ich etwas gesagt hätte.

Sie deutet meinen Blick richtig. »Ist eine Gabe«, sagt sie.

Das ist das letzte, was ich für eine Weile von ihr höre. Während ich über die Autobahn fahre, sitzt sie mit angezogenen Knien neben mir. Die Kopfhörer mit dem Totenkopf-Logo stecken in ihrem iPod und der Plastikkrug Frappuccino hängt an ihren Lippen.

Ist mir recht.

Ich mag es zu fahren. Die Bewegung beruhigt mich, macht die Gedanken frei und lässt sie wandern. Gern fahre ich mit offenem Fenster, um das Rauschen des Fahrtwindes zu hören, aber nicht bei diesen Geschwindigkeiten. Ich lasse Musik laufen.

Die Umgebung verändert sich. Städte wechseln sich mit Feldern und Wiesen ab, mit Burgen auf Bergen und Tälern mit Seen. Ich fahre stetig, rase nicht. Wir sind nicht fest verabredet. Ich habe Jared Kettler, unserem Kontakt in Marseille, per SMS mitgeteilt, dass wir spät kommen. Er hat mir die Adresse des Hotels genannt, in dem er uns erwartet.

Gegen zehn Uhr wähle ich aus dem Speicher meines Handys die Büronummer von Robert Meier. Ich kenne ihn noch aus seinen Jahren bei der Ostkamper Polizei. Jetzt ist er der Chefkoordinator der Sicherheitsabteilung im Kartheiser Handels Kontor.

Doch Robert ist nicht in seinem Büro, sondern krankgeschrieben. Also rufe ich bei ihm zu Hause an.
»Bist du auf dem Weg nach Frankreich?«, werde ich von ihm begrüßt. Seine Stimme verrät, dass es ihm gar nicht gut geht, also beschließe ich, das Telefonat so kurz wie möglich zu halten.

»Sitze gerade im Auto. Wollte nur fragen, was du von Kettler hältst?«

»Streber mit der Tendenz zum Arschloch. Aber fähig, muss ich ihm lassen.«

»Wieso Arschloch?«

»Einzelspieler, der seine Berufung im Management sieht. Da gehört er wohl auch hin, aber nicht so …« Robert unterbricht sich und hustet laut. Sogar durchs Telefon höre ich, dass sein Atem rasselt. »Also, Kettler will alles und am besten sofort. Ich halte ihn aber an der langen Leine.«

»Hat er Fehler gemacht?«

»Nein, einfach um ihn zu ärgern. Er ist gut, hat schon einige Kastanien aus dem Feuer geholt.« Ich gebe Robert Zeit, zu Atem zu kommen. »Stößt dabei nur seine Kollegen vor die Köpfe. Geduld ist nicht seine Stärke.«

»Werde ich mit ihm klarkommen?«

»Ihr seid wie füreinander geschaffen, findest du nicht?«

Ich grinse.

Robert lacht. »Für alle Fälle bin ich auch an der Sache dran. Habe ein paar Kontakte bei der Marseiller Polizei. Ich gebe Bescheid, wenn ich was Interessantes höre.«

»Danke. Und kurier dich aus.«

»Britt füllt mich mit Tee ab. Viel trinken, sagen die Ärzte. Finden aber nichts.«

»Sie wissen nicht, was du hast?«

»Ist wohl nur ein Infekt, nervt aber.«

»Klar. Robert, ich muss dann mal.«

»Bis dann.«

»Wir sehen uns.«

09 |

Es ist schon fast elf als Samia sich streckt, dass die Gelenke knacken. Sie nimmt die Kopfhörer ab, schaltet den iPod aus und lauscht einen Moment. Mit einem Nicken Richtung Autoradio meint sie: »Ist das Archive?«

»Ja.«

Sie nickt, als wolle sie meine Auswahl gutheißen. »Was machen wir in Marseille?«

Ich erzähle ihr das Wenige, das ich weiß. »Wenn wir da sind, werden wir von Jared Kettler genauer in Kenntnis gesetzt.«

»Kennst du Jared?«

»Nein. Er gehört nicht zur Sippe. Arbeitet für die KHK. Niklas hat ihn extra rübergeschickt, also vertraut er ihm wohl.«

»Diese KHK – was hat sie eigentlich genau mit der Sippe zu tun?«

»Wenn man als Mondwandler an einem Ort bleibt, muss man sich verstecken können. Das kannst du in der Gosse oder mit Hilfe von Geld. Die Kartheiser Handelskontor KG ist nicht nur der größte Steuerzahler in Ostkamp, sondern auch der größte private Grundbesitzer. Das halbe Alte Kai gehört ihnen und nahezu der gesamte Greifenforst. Die Besitzrechte reichen weiter als die meisten Archivaufzeichnungen. Ohne diese Voraussetzungen ist es nahezu unmöglich, zweihundert Mondwandler geheimzuhalten.«

»Also ist ein Angriff auf die KHK auch ein Angriff auf die Sippe.«

»Nicht zwangsläufig. Aber wir werden uns das mal ansehen.«

»Wenn es so ist, kommst du ins Spiel: Der Zorn des Patriarchen.«

Ich runzele die Stirn. Diese Bezeichnung missfällt mir. »Ich sehe mich eher als Beschützer.«

»Du hast in einer Nacht meine ganze Sippe liquidiert.«

Ich wende den Blick von der Straße. Sehe ihr direkt in die Augen. »Haben wir beide was zu klären?«

Sie hält meinem Blick stand. »Nein. Tamas, Barna und Reka waren durchgeknallte Mörder. Ist gut, dass sie gestoppt wurden.« Jetzt sieht sie aus dem Fenster.

Sie hat nur drei genannt, die an diesem Abend gestorben waren. Aber da waren noch drei mehr gewesen. »Elias war mal ein Freund von mir«, sage ich und blicke wieder auf die Straße.

»Ich weiß«, sagt Samia. »Ich habe euer Gespräch angehört, damals, am Bahnhof. Du hast versucht, ihn aufzuhalten. Er hat es nicht verstanden.«

Jetzt ist es an mir, eine Frage zu stellen. Eine Frage, die ich die letzten Monate mit mir herumgetragen habe. »Warum hast du uns geholfen, euer Versteck zu finden?«

»Ich habe dir zugehört. Ich habe verstanden, dass euer Weg zu leben der bessere ist. Ich habe versucht, die Sippe zu verlassen und zu euch zu gehen, aber Tamas hat mich erwischt. Ich dachte, er bringt mich um. Hätte er auch fast. Dachte wohl, mir den Kopf geraderücken zu können, wenn er nur hart genug draufschlagen würde.« Sie schluckt hart. Nach einer Weile sagt sie mit Überzeugung in der Stimme: »Er hat es verdient. Sie alle hatten es.« Ihre Stimme wird leise. »Irgendwie.«

Als ich so neben ihr sitze, kann ich einen Gedanken immer noch nicht abschütteln: Ich traue ihr nicht, obwohl sie uns geholfen hat und nun seit Monaten in unserer Sippe lebt. Woher soll ich wissen, ob ihre Geschichte wahr ist?

Die Zukunft wird die Zweifel beruhigen. Oder ihnen recht geben.

»Wie lang warst du mit Tamas unterwegs?«, frage ich.

»Etwas mehr als ein Jahr.«

»Wie hast du dich vorher durchgeschlagen?«

»Hatte Hilfe.« Es klingt patzig. Darüber will sie nicht reden. Anstatt bockig zu schweigen, fährt sie eine andere Taktik. »Die KHK gehört also den Kartheisern. Und Niklas ist der Boss.«

»So wie seine Vorfahren vor ihm.«

»Niklas hat also das Sagen beim Kontor«, meint Samia. »Und hat er auch was in der Sippe zu sagen?«

»Eigentlich nicht. Da ist Szandar der Boss. Er ist der Patriarch. Aber Szandar hat sich einen Rat gebildet, in dem auch Niklas sitzt.«

»Und Sylke. Szandar als Patriarch. Sylke als spirituelle Ratgeberin, Niklas als wirtschaftlicher. Aber am Ende entscheidet Szandar. Patriarch sticht Geschäftsführer.«

Ich nicke. »Niklas kann mit dem Kontor machen, was er für richtig hält. Solange es zum Wohle der Sippe ist.«

»Und was das bedeutet, entscheidet Szandar. Er führt Niklas an der langen Leine. Gefällt dem Alten bestimmt nicht.«

»Szandar lässt Niklas ziemlich freie Hand. So hält er es mit jedem von uns.«

»Sylke hat erzählt, es gibt sogar Ehen zwischen Mondwandlern und Normalos.« Sie schüttelt ungläubig den Kopf. »Das hätte Tamas nie zugelassen. Ich meine, geht das überhaupt?«

»Natürlich müssen die Eingeheirateten verschwiegen sein. Wer einmal von der Sippe weiß, muss ihr Geheimnis wahren. Wir müssen da sehr vorsichtig sein und prüfen die Kandidaten intensiv. In den letzten fünfzig Jahren hat uns keiner verraten.«

Samia wirft mir einen höhnischen Blick zu. »Ich meinte: biologisch. Können wir mit Normalos Kinder kriegen?«

»Sicher. Warum nicht?«

»Naja, weil … wir sind doch was ganz anderes.«

»Hat dir Tamas das erzählt?«

Samia nickt. Senkt den Blick.

»Waren deine Eltern Mondwandler?«

»Keine Ahnung. Können auch Normalos gewesen sein. Habe sie nie im Pelz gesehen.«

Ich seufze und in ihren Wortschatz verfallend erkläre ich: »Okay. Vererbungslehre, Einmaleins: Mondwandler können geboren werden von Mondwandlern und Normalos. Alles nur eine Frage der Wahrscheinlichkeit, wie bei allem anderen auch. Ein Paar von Mondwandlern bringt wahrscheinlicher einen Mondwandler zur Welt, als ein Paar aus Mondwandler und Normalo. Am unwahrscheinlichsten ist ein Mondwandler-Kind von zwei Normalos.«

»Aber es ist möglich?«

»Ja. Wer als Mondwandler geboren wird, ist immer noch ein Rätsel und das Ganze ist viel komplizierter als einfache Genetik.«

»Tamas sagte, Normalos können keine Mondwandler zeugen. Das wäre unmöglich.«

»Er hat gelogen.« Diese Worte kommen härter, als ich es will. Aber diese Lügen machen mich wütend. Dieses Weltbild, in dem wir etwas Besseres sein sollen als andere Menschen ist einfach zum Kotzen. Es ist die gleiche Rechtfertigung, die jeder Diktator, jede Faschistin, jeder Extremist und jedes kranke Hirn als Entschuldigung nimmt, um sich über Andere zu stellen. Aus diesem verachtungswürdigen Wertesystem resultiert die Rechtfertigung, andere als minderwertiges Leben anzusehen – und es ausrotten zu dürfen. Auch ich habe Leben beendet. Gemordet. Aber ich fühle mich niemandem überlegen. Niemand ist besser als der andere. Nur die Taten eines Menschen machen ihn zu etwas Wertvollem. Die Ärztin in der Notaufnahme, der Feuerwehrmann, der jemanden aus dem brennenden Haus zieht.

Bei meiner wütenden Erwiderung zuckt Samia zusammen. Immerhin versteht sie. »Tamas hat sich die Welt so eingerichtet, wie er sie haben wollte. Ich habe ihm geglaubt. Jedenfalls am Anfang.«

»Wenn dir Zweifel kamen, warst du intelligenter als die anderen in seiner Sippe.«

»Ich denke, die wollten einfach nicht anders leben. Ich meine, wir kamen in der Welt rum, fühlten uns toll, unangreifbar. Wir hatten keine Angst, keine Zweifel. Denn Tamas wusste immer, was zu tun war. Er war immer für jeden da. Sah in uns etwas Besonderes. Zeigte uns, wie wir in der Welt bestehen konnten. Welcher Weg der richtige war.«

Ihre Stimme verliert sich. Ihr Blick ist auf die Straße vor uns gerichtet, auf den Weg, den wir zurücklegen werden. Weit können wir nicht sehen, denn die Autobahn windet sich um Berge, die uns die Sicht versperren.
Wir schweigen eine Weile.

»Es ist einfacher, jemandem zu folgen«, sage ich irgendwann. »Aber wenn man sich einmal seinen eigenen Weg bahnt, will man nie mehr zurück.«

Sie sieht mich neugierig an. »Du bist lange rumgezogen.«

Ich nicke.

»Jetzt gehst du nicht mehr deinen eigenen Weg.«

»Ich bin freiwillig in der Sippe.«

»Warum? Du warst frei. Konntest machen, was du wolltest. Jetzt musst du dich an Regeln halten. Warum?«, wiederholt sie.

Ich suche nach der einen Erklärung. Nach den richtigen Worten. Die Wahrheit ist schlicht und einfach: »Ich fühle mich zu Hause.«

Samia runzelt die Stirn. Da erklingt eine Punkmelodie, sie beugt sich über ihre Tasche und zieht ihr Handy heraus.

Ich konzentriere mich auf die Straße, kriege das Telefonat nur am Rand mit. Irgendetwas über Termine, die Samia absagt. Sie sei unterwegs, es sei wichtig. Entschuldigungen und Versprechen, es wieder gut zu machen. Schließlich steckt sie ihr Telefon wieder weg.

»Das war meine WG-Nachbarin. Ich hatte ihr versprochen, Modell zu stehen.« Sie fragt mich: »Wir sind Mittwoch wohl noch nicht zurück?«

»Unwahrscheinlich.«

Samia zuckt mit den Schultern. »Sie findet schon jemand anderen. Sie studiert Modedesign, viertes Semester. Ist witzig.«

»Du modelst?«, frage ich.

»Nicht wirklich. Ich stelle mich als Schneiderpuppe zur Verfügung. Springt nichts bei raus – noch nicht.«

»Womit hältst du dich über Wasser?«

»Ich jobbe in einem Fahrradladen. Hab mich für die Woche krank gemeldet. Wahrscheinlich schmeißen die mich raus. Aber ich find schon was Neues.«

»Wenn ich dir helfen kann, sag Bescheid«, biete ich an. »Ist ja meine Schuld. Und ich hab Beziehungen.«

»Szandar, meinst du.«

»Ja.«

Samia zieht wieder die Knie unters Kinn und dreht sich, bis sie frontal zu mir sitzt. »Was ist das eigentlich mit Szandar? Ich meine, er ist doch nur ein angeheirateter Kartheiser. Und die sind doch die Adelsfamilie der Sippe, oder? Das blaue Blut. Die Urväter und all das. Warum ist Szandar Patriarch? Wieso hat Niklas nicht den Posten? Er ist doch ein Kartheiser.«

Ich sehe auf die Kilometeranzeige des Navis. Noch hunderte Kilometer bis Marseille. Noch Stunden der Fahrt.

Also erteile ich Geschichtsunterricht.

© 2015 Ulli Schwan