Leseprobe »Wolfszorn«

Gewidmet all jenen, die Menschen als Gleiche unter Gleichen sehen und dafür eintreten

 

01 |

»Glaubst du an Monster?«, fragte er mich, hielt sein Messer an meinen Hals. Ich zuckte vor der kalten Klinge zurück – und schnitt mir die Fesseln tiefer ins Fleisch. Mit Kabelbindern hatte mir der Kerl Hände und Beine zusammengebunden. Ich bekam keine Bewegung zustande, konnte die Kraft meines Körpers nicht einsetzen.

Die Angst machte meine Sinne noch klarer.

Ich hörte sein Blut pochen unter der dünnen Haut des Handgelenks, sein Schweißgeruch war so stark, dass ich ihn fast schmecken konnte. Er wusste, dass er die Kontrolle hatte – er genoss sie. Und doch lag da etwas hinter seiner Selbstsicherheit, etwas, dass ihn zweifeln ließ, ob er wirklich diesen Moment dominierte. Obwohl ich gefesselt war, obwohl er sein Messer an meine Kehle drückte, obwohl sie unter vielen Schichten verborgen war: Ich roch seine Angst.

Aber das beruhigte mich nicht.

Ängstliche Menschen sind die gefährlichsten.

Ich rührte mich nicht, sagte nichts. Blickte auf seine Brust, um Augenkontakt zu vermeiden. So vergingen Sekunden, die sich zu einem endlosen Moment zogen. Ich konnte nur warten.

Unter uns hob und senkte sich das Deck des Frachtschiffes. Salzige Meeresluft wehte und der Vollmond stand silbern am fast wolkenlosen Himmel. Außer uns beiden war kein Mensch zu sehen, keine Hilfe zu erwarten, selbst wenn ich es gewagt hätte zu schreien.

Das Schiff schlingerte leicht, als Wellen quer gegen den Rumpf liefen. Wenn eine den Kerl straucheln ließe, würde die Messerklinge meine Halsschlagader durchtrennen. Ich ertappte mich dabei, auf die Hand zu starren, die das Messer hielt. Die Klinge konnte ich nicht sehen, aber fühlen. Sie lag kalt und tödlich an meinem Hals. Millimeter, die über Leben und Tod entschieden.

Plötzlich beugte sich der Kerl zurück. Das Messer hielt er an seine Wange. »Ich habe immer an Monster geglaubt. Schon als kleines Kind waren sie in meiner Vorstellung so real wie all die Menschen. Alle Erwachsenen sagten, das sei nur meine Fantasie.« Er schüttelte den Kopf bei dieser Erinnerung. »Als ich erwachsen wurde, sah ich, dass Menschen Monster sind.« Er drohte mit dem Messer. »Und doch glaubte ich immer noch an die anderen Monster. Glaubte. Und heute Nacht – du!«

02 |

Zwei Tage zuvor wäre ich fast ertrunken. Vielleicht hätte ich aufgeben sollen, mich vom Meer verschlingen lassen. Aber ich kämpfte um mein Leben, strampelte mehr als dass ich schwamm, stieß meinen Kopf aus den Wellen, die mich untertauchen wollten. Meine Kleider waren vollgesogen und die Kälte ließ meine Muskeln erstarren, sogar meine Knochen schienen zu schmerzen. Aber ich hielt mich über Wasser, mit jedem Schlag von  Armen und Beinen mir einen weiteren Augenblick Leben erkaufend. Salzwasser rann brennend meinen Hals hinab, ließ mich husten und Rotz spucken.

Ich hatte völlig die Orientierung verloren und das Meer schien ewig.

Der erste Krampf lähmte meine linke Wade. Ich schüttelte sie, nur um kurz darauf auch in meinem rechten Oberschenkel die Pein zu spüren. Automatisch setzte ich einen Schwimmzug aus – und trank noch mehr Salzwasser. Ich zwang mich wieder in einen Bewegungsrhythmus. Aber immer deutlicher wurde die Frage nach dem Warum. Wollte ich mich wirklich noch länger quälen? Es hatte doch alles keinen Sinn mehr.

Wollte ich hier und jetzt sterben?

Nein!

Oben bleiben. Noch eine Minute. Noch eine.

Neben mir schlug etwas dumpf auf. Im endlosen Grau sah ich weiß und rot. Diese Farben waren doch völlig unpassend! Als ob ich nicht schon genug Schwierigkeiten gehabt hätte, schwamm jetzt etwas vor mir. Ein Ring hüpfte auf den Wellen, als gäbe es nichts Einfacheres. Es dauerte einen langen Moment, dann endlich erkannte ich meine Chance. Zwei kräftige Schwimmzüge später krallte ich mich an den Rettungsring, umschlang ihn.

Da wurde ich auch schon gezogen. Gezogen – ich musste nicht mehr schwimmen. Eine schwarze Wand ragte vor mir aus dem Wasser, und bevor ich gegen sie schlug, wurde ich empor gehoben. Aus der Luft, spuckte ich in das Meer hinab. Ich würde nicht sterben. Nicht hier und nicht jetzt. Während meine Retter mich an Bord des Schiffes hievten, lachte ich mit schmerzender Kehle.

Der Boden unter meinen Füßen war hart. Er würde mich tragen, also ließ ich mich fallen. Schlotternd, den Rettungsring immer noch umklammernd, selbst als man eine Decke über mich legte. Ich blinzelte, sah über mir Männer mit fremden Gesichtern. Sie bildeten einen Kreis, sprachen durcheinander, so dass ich nichts verstand. Hände packten mich, hoben mich und hielten mich fest, als ich wieder zusammenzubrechen drohte. Einer griff den Rettungsring und zog daran, bis ich ihn losließ.

Zwei Hände legten sich auf meine Wangen. Die plötzliche Wärme ließ mich zurückzucken. Vor mir – nur eine Armeslänge entfernt – war ein menschliches Gesicht. Es war mir fremd und doch willkommener als aller Reichtum der Welt, hatte ich doch geglaubt, nie wieder eines zu sehen. Der fremde Mann sagte etwas – ich verstand ihn nicht. Ich wischte mir Meerwasser aus dem Gesicht.

Der Fremde wiederholte seine Worte. Da erkannte ich: Er sprach nicht meine Muttersprache, sondern Englisch. »Was hatten Sie denn im Wasser zu schaffen?«, fragte er.

Mit klappernden Zähnen schüttelte ich den Kopf. Ich konnte nicht antworten, selbst wenn ich die Wahrheit hätte sagen wollen.

»Schon gut.« Er schlug jetzt einen freundlicheren Ton an. »Ruh dich aus, Kamerad, und wärm dich. Wir sind auf dem Weg nach England. Ich hoffe, das liegt in deiner Richtung.«

Mein Nicken war eher ein unbedarftes Rucken.

Der Engländer verstand die Geste. »Na denn, willkommen. Willkommen an Bord der Nathaniel Palmer

So überlebte ich meinen achtzehnten Geburtstag.

Die folgende Nacht verbrachte ich eingehüllt in warme Decken in einer Koje, die extra für mich aufgeheizt wurde wie eine Sauna. Ich war völlig erschöpft, bekam die Welt um mich herum gar nicht mit. Hatte wilde Träume, war aber zu schwach, um mich im Bett herumzuwerfen. Als ich irgendwann mittags aufwachte, musste ich duschen und die Laken wechseln, so sehr hatte ich geschwitzt.

Erst am späten Nachmittag war ich fit genug, um dem Kapitän Rede und Antwort zu stehen. Er holte mich in seine Kabine, wo wir beide uns bei einem Glas Tee gegenübersaßen.

Als ich ihm meine Geschichte erzählte, blieb ich – soweit es ging – bei der Wahrheit: Dass ich auf der Alexa, einem russischen Frachter, unter Kapitän Jamskoi gedient hatte. Dass wir gestern meinen achtzehnten Geburtstag gefeiert hatten. Dann begann die Lüge: Ich hätte zu viel getrunken, mich unbeobachtet gefühlt und kiffen wollen. Dabei sei ich von Deck gestürzt.

Der Kapitän schüttelte ob meiner fahrlässigen Unvernunft den Kopf. »Sie fahren wohl noch nicht lange zur See, Mister Rudenko?«

Ich sagte nichts.

»Also gut. Ich werde die Alexa anfunken und Ihren Kollegen sagen, dass wir Sie heil geborgen haben. Was ich nicht tun werde: Sie zurück nach Finnland zur Alexa bringen. Wir sind knapp in der Zeit und unser Kurs führt uns nach Dover. Ist das okay für Sie?«

»Sicher«, antwortete ich auf die rhetorische Frage. »Wie lange werden wir unterwegs sein?«

»Morgen Abend legen wir an.«

Das hieß eine Nacht an Bord. Eine Nacht, in der ich für alle auf dem Schiff eine Bedrohung darstellte. Meine Lebensretter schwebten durch meine Anwesenheit selbst in Gefahr.

Aber ich konnte nicht zurück. Selbst wenn Kapitän Jamskoi meinem jetzigen Gastgeber nicht die ganze Wahrheit über mich erzählen würde, täte er doch alles, um mich ins Gefängnis zu bringen, sollte er die Gelegenheit dazu bekommen. Gefängnis aber war gleichbedeutend mit Folter oder Tod. Und ich war nicht dem Ertrinken entronnen, um mein Leben sofort wieder in Gefahr zu bringen. Also war meine beste Chance an Bord der Nathaniel Palmer zu bleiben, auch wenn ich eine Gefahr für die Besatzung war. Ich musste nachdenken und das konnte ich hier und jetzt nicht. »Kapitän, ich danke für Ihre Hilfe und die Passage, die Sie mir anbieten.«

Er entließ mich. Ich stieg hoch an Deck. Da ich keine Arbeit zu verrichten hatte, waren die Besatzungsmitglieder froh, dass ich mich in eine stille Ecke verzog und ihnen nicht im Weg stand.

Die Nathaniel Palmer war ein Mehrzweckfrachter von hundert Metern Länge. Auf dieser Fahrt transportierte sie hauptsächlich Futtermittel und einige Container.

Ich legte meine Unterarme auf die Reling und starrte hinab ins Wasser. Ich sollte springen. Damit wären alle Seeleute sicher vor mir. Aber bei der Erinnerung an den nahen Tod, dem ich gerade erst entkommen war, wehrte ich mich allein gegen die Idee. Ich war doch nicht dem nassen Grab entkommen, um es jetzt freiwillig aufzusuchen.

Aber was sollte ich tun? Der Vollmond würde die Bestie rufen und seit er das zum ersten Mal getan hatte, war sie ihm in jeder seiner Nächte gefolgt. Es gab einfach keinen Weg, wie ich sie zurückzuhalten konnte. Da fiel mir etwas auf. War heute nicht die zweite Vollmondnacht? Ja, so war es. Aber warum war die Bestie nicht gekommen? Dass sie verschwunden war, daran konnte und wollte ich nicht glauben.

Es konnte nur eine Erklärung geben: Ich hatte gestern Nacht fast im Koma gelegen. Mein Körper war durch Unterkühlung und Überanstrengung so geschwächt, dass die Wandlung nicht möglich gewesen war. Das war die Lösung! Ich musste einfach nur sicher gehen, dass mein Körper so ruhig gestellt war, dass nicht einmal die Bestie wach wurde.

Aber wie? Ich fühlte mich zwar schlapp, aber bei Weitem nicht so fertig wie gestern. Da kam mir ein Gedanke. Falls das funktionierte, hatte ich einen Weg, mich zu kontrollieren. Nicht nur für heute – für immer!

Ich eilte zur Bordapotheke, aber sie war nicht besetzt. Ich suchte auf dem ganzen Schiff nach dem Sanitätsoffizier und fand ihn schließlich, wie er in der Kombüse mit dem Koch plauderte. Ich klopfte an.

»Ah, unser Fischmann. Wie geht es denn?«, fragte er.

Ich grinste. »Besser, danke. Darf ich noch um etwas bitten? Ich habe üble Albträume, deshalb hätte ich gern starke Schlafmittel. Vielleicht helfen sie mir ja.«

»Ein guter Schlaf fördert die Heilung«, nickte er. »Komm mit.«

Er holte aus der Apotheke eine Packung und gab sie mir. Von dort kehrte ich in meine Koje zurück, ohne einen Umweg in die Messe zu machen. Ich wollte so wenig Kontakt wie möglich mit den anderen Besatzungsmitgliedern. Als ich jedoch in die Koje zurückkehrte, die man mir frei geräumt hatte, schnüffelte dort ein dunkelhaariger Kerl in meinen Sachen herum.

»Was soll das?«, fuhr ich ihn an.

»Hey, ganz ruhig, ganz ruhig.« Er hob beide Hände, als würde er von der Polizei dazu aufgefordert. »Du bist Mikael, richtig?«

Ich nickte – und drückte seine Rechte, mit der er die meine zum Gruß griff. »Ich bin Cesidio. Ich habe dich im Wasser gesehen, wie du rumgepaddelt bist. Also würde ich sagen, du bist mir was schuldig.«

Abgesehen davon, dass ich nicht wusste, ob er mir die Wahrheit sagte, war ich nicht in der Stimmung für Geplauder. »Was wolltest du an meinen Sachen?«

Cesidio musterte mich mit schmalen Augen. »Weißt du was? Ich spar mir die ganzen Ausreden, die funktionieren bei dir eh nicht, oder? Ich sag, wie es ist: Ich war neugierig auf dich, auf den Typen, der durchs Wasser krault.«

»Hast wohl Geld gesucht?«

Cesidio zuckte mit den Schultern und lachte. »Wir verstehen uns.«

Ich ballte meine Hände zu Fäusten, was ihn einen Schritt zurückweichen ließ. Die Koje war so klein, dass seine Waden gegen mein Bett stießen.

»Nichts für ungut«, sagte er vorsichtig.

Ich blinzelte, um mich zu konzentrieren. Ich spürte, dass der Mond aufgegangen war. Obwohl seine Strahlen mich nicht erreichten, reagierte mein Körper auf die Tatsache, dass er über den Horizont trat. Ein Schauer fuhr durch meinen Körper und die Intensität meiner Sinne verschob sich. Ich sah Cesidio etwas unschärfer als noch Sekunden zuvor, stattdessen roch ich in seinem Atem die erst kürzlich gegessenen Spaghetti Bolognese mit extra viel Parmesan. Auch sein Deo nahm ich deutlich wahr, vermischt mit seinem Eigenduft von brennendem Papier. Dazu hörte ich seine Stimme jetzt lauter als zuvor, sein Atem pfiff durch leicht verstopfte Nasenlöcher. Er hatte wohl gerade erst eine Erkältung auskuriert.

Es war Zeit, allein zu sein und mein Schlafmittel zu nehmen. Es würde vielleicht Cesidios Leben retten.
»Verzieh dich!«

Cesidio mochte es nicht, herumkommandiert zu werden. Sein Aufbegehren flackerte kurz auf, bevor er sich unter Kontrolle bekam. Vielleicht hatte ihn der Kapitän schon unter Beobachtung, da wäre meine Meldung, er habe in meinen Sachen gewühlt, das Ende seiner Karriere.

Ich hatte keine Zeit für ein Kräftemessen, so gab ich den Weg zur Tür frei. Cesidio verließ mich und ich schloss die Kojentür. Ich wollte sie absperren, doch es gab keinen Schlüssel. Also klemmte ich einen Stuhl unter die Klinke, besser als nichts. Ich legte mich auf das Bett und nahm die Schlaftabletten – doppelt so viele, wie vom Doktor verordnet.

Ich schloss die Augen und spürte den Schlaf.

Hoffentlich bis zum Morgen.

Hoffentlich bis der Mond unterging.

Zuerst war da Schwärze. Dann träumte ich, mein Körper würde dahingleiten, auf Wellen reiten wie ein Stück Holz. Meine Umgebung war blass, Proportionen und Größen verschoben sich unsinnig, was mich wütend machte, da ich keinen Halt fand, an dem ich mich orientieren konnte. In die Wut mischte sich Übelkeit und dann Schmerz.

Ich erwachte in Agonie. Meine Knochen verschoben sich unter einer Haut, die sich dehnte, während Tausende rauer Nadeln durch sie stachen. Muskelfasern verzogen sich bis zum Zerreißen und aus meinen Fingern schoben sich Krallen – spitz und scharf wie Messer. Ich bäumte mich auf, den Rücken zu einem Bogen durchgedrückt, weiter und weiter und weiter, bis nur mehr Scheitel und Zehenspitzen das Bett berührten.

Mein Herz pumpte Blut durch einen Körper, der sich so stark verformte, dass seine Organe verschoben wurden. Ich sah, wie mein Mund sich zu einer länglichen Schnauze auswuchs und jeder Zahn durch das Zahnfleisch wanderte, während neue Reißzähne ihren verborgenen Platz verließen und hervortraten.

All das nahm ich wahr, trotz der weißbrennenden Pein.

Schließlich hatte sich mein Körper umgeformt und die Schmerzen verebbten. Die Wandlung war vollzogen. Ich knurrte und zog die Lefzen zurück in einem Grinsen, das die tödlichen Zähne meines gewandelten Körpers zeigte. Der Wolfsmensch, der ich nun war, sprang auf den Boden, kauerte sich in eine bequeme Stellung und horchte.

Wasser gegen die Bordwand. Dieselmotoren, gut zu hören trotz der dreißig Wände zwischen uns. Einer der Kolben schrammte bei jedem vierten Stoß. In den Kojen um mich herum schnarchten die Leute, ein Mann entlud seine aufgestaute sexuelle Leidenschaft.

Der Wolf wollte aus dem Zimmer stürzen, seine Kraft, die im menschlichen Körper geruht hatte, nun endlich ausleben. Seine Krallen wetzen, rennen – und jagen. Der kühle Intellekt, der den Menschen Pläne schmieden, ihn ängstlich vor Strafen zurückschrecken lässt, war nun nicht mehr der Bestimmer allen Handelns. Nein, jetzt regierten die Instinkte, die danach lechzten, alle Triebe auszuleben. Unbeschwert von möglichen Konsequenzen. Aber wie sollte ich das, in dieser kleinen Zelle? Ich musste raus aus diesem lächerlichen Gefängnis!

Ich roch und hörte die Besatzung. Die meisten lagen in ihren Kojen: Ungeschützt und leichte Beute. Aber auch langweilige Opfer. Der Wolf wollte jagen, seine Kräfte messen, bevor er Blut schmeckte. Vierzehn Mann roch ich, zwölf schliefen. Von zweien hörte ich die Schritte. Einer war über mir, auf Deck.

Der andere ging gerade an der Kojentür vorbei. Er trug schwere Stiefel, setzte sie aber so leise er konnte auf. Für ein menschliches Ohr vielleicht unhörbar, waren sie für das Wolfsgehör so laut, als würde er direkt neben mir stepptanzen. Der Mann trat mit dem linken Fuß zögernd auf, ein Reflex geboren aus einer alten Verletzung. Zudem ging sein Atem rasselnd wie der eines Rauchers.

Das war Beute, wie sie dem Werwolf gefiel.

Der Wolf, der ich geworden war, erinnerte sich an vieles, was der Mensch wusste. Und so pirschte ich mich zum Ausgang. Warf den Stuhl um. Schnüffelte an der Tür und legte eine Krallenhand auf die Klinke. Sie drehte sich und die Tür schwang auf.

Ich blickte in den Gang. Meine Fernsicht war unschärfer als vor der Wandlung und ein Sepia-Schleier ließ alle Farben ausgewaschen wirken. Dafür waren Konturen und Bewegungen klarer wahrzunehmen. Ich sah niemanden.

Der Mann, der vorübergegangen war, hatte den Flur verlassen. Doch sein Geruch hing im Raum: Kupfer mit einer Spur Tanne, darüber der Gestank von Marlboro-Zigaretten. Eine Spur aus Hautpartikeln, verdunstetem Schweiß und dem Abrieb der Schuhe – für meine Nase so deutlich wie eine Fährte aus Phosphor-Partikeln in der Dunkelheit.

Ich erhob mich auf die Beine und trat in den Flur. Er war nur spärlich beleuchtet, doch das störte mich nicht, da ich mich mehr an Geräuschen und Gerüchen orientierte als an meiner Sicht. Gebückt ging ich voran, die Arme bereit für einen tödlichen Schlag, sollte sich jemand zwischen mich und meine Beute wagen.

Die schlafenden Seeleute links und rechts neben mir waren nur von dünnen Kojenwänden geschützt. Wänden, die ich mit wenigen Hieben zerreißen könnte. Dann wäre ich bei ihnen, würde meine Zähne in ihre Körper schlagen. Immer stärker wurde der Wunsch und beinahe hätte ich ihm nachgegeben. Wäre da nicht dieser Geruch, der interessantere Beute versprach.

Ich ließ mich auf alle Viere fallen und schlich die Treppe hoch. Wieder eine Tür, die ich öffnete.

Dann war ich auf Deck. Der salzige Wind der See vermischte sich mit der Fährte. Ich genoss ihn, denn die Luft war rein und feucht und streichelte durch mein Fell.

Jetzt konnte ich meine Beute sogar sehen. Der Mann ging zwischen den aufgeschichteten Containern und war fast schon am hinteren Lademast vorbei. Er ging Richtung Bug, zum Schwergutbaum. Der Tanker schwankte leicht bei dem rauen Seegang, so dass die weit über die Container aufragenden Ladebäume mit ihren Stahlarmen, Kabeln, Winden und Haken vor dem Sternenhimmel schwankten und mich an kahle Bäume in einem Wintersturm erinnerten.

Mit einigen kraftvollen Sprüngen wäre ich bei meiner Beute gewesen; ihr Tod wäre sicher.

Aber ihr Verhalten machte mich neugierig: Trotz der Dunkelheit hatte sie keine Taschenlampe dabei, sondern hielt sich absichtlich im Schatten, so, als wolle sie nicht gesehen werden. War sie selbst auf der Jagd?

Ich huschte zu der Seite, auf der die Kräne standen. Hier hielt ich mich am Geländer fest, schwang mich darüber. So lief ich an der Außenkante des Schiffes entlang. Unter mir sah ich weißen Schaum, wo sich die Wellenkämme brachen oder gegen den Schiffsrumpf stießen. Das Rauschen des Meeres schien nach mir zu rufen, mich herauszufordern, es noch einmal auf ein Kräftemessen ankommen zu lassen. Ich zeigte ihm meine Zähne und setzte meine Hatz fort.

Ich war fast am Bug, als ich die Stimmen hörte. Es waren die zweier Männer, die sich stritten. Meine Jagd wurde immer spannender.

Mit einem kleinen Sprung setzte ich über das Geländer und landete auf Deck. Zwei Schritte Anlauf und einen Sprung später, kauerte ich auf dem vordersten Containerberg und hatte meine Beute vor mir. Sie standen auf einem Gerüst am Bug des Schiffes. Während der Fahrt wurde dort der mannshohe Greifhaken des vorderen Deckkrans fest gemacht. Er stand direkt dort, wo der Bug sich zu verjüngen begann.

»Wie oft, Cesidio?«, schrie der Mann, dem ich von den Kojen hierher gefolgt war. »Deine wievielte Schmuggeltour ist das?«

»Wen schert das?«

»Mich! Ich will wissen, wie viele Jahre du im Knast versauerst, wenn wir in Dover sind.«

»Hey, es könnte auch was für dich abfallen. Ich meine, so toll kann dein Sold auch nicht sein.«

»Wag‘ es ja nicht …«

Ich verstand die Worte, aber sie waren mir egal. Da standen zwei Männer – und der Wolf wollte endlich die Jagd beenden. Ich rannte los und sprang.

Sie sahen mich nicht kommen.

Ich landete auf dem Rücken des Mannes, den ich verfolgt hatte. Er ging in die Knie, schrie, schlug wild um sich, traf aber nur Cesidio. Ich grub meine Krallen in seinen Oberkörper und meine Zähne zerfetzten seine Schulter.

Blut. Endlich schmeckte ich Blut.

Meine Beute wand sich unter mir, im vergeblichen Versuch, ihr Leben zu retten. Ich war nicht wie das Meer – ich gab keine Beute frei.

Meine Krallen zerfetzten seine Kehle, seine Schreie endeten in einem Blubbern. Ich richtete mich auf, packte den Körper und stemmte ihn über meinen Kopf. Ich jaulte meinen Triumph heraus und warf den Leichnam fort. Der Aufprall aufs Deck klang dumpf und endgültig. Ich kümmerte mich nicht darum.

Es galt, eine zweite Beute zu stellen.

Knurrend wandte ich mich zu Cesidio um, der mir eine Brechstange ins Gesicht schlug. Völlig überrascht trieb mich dieser Schlag einige Schritte zurück. Benommen schüttelte ich den Kopf, wollte Klarheit. Aber da donnerte schon der zweite Schlag gegen meinen Schädel und im nächsten Moment rammte sich Cesidio in meinen Rücken. Meine Füße glitten über den Rand der Plattform. Ich ruderte mit den Armen, fand aber keinen Halt. So stürzte ich durch die Nacht. Das Deck kam rasend schnell näher.

Wie mein Aufprall klingen würde?

03 |

Ich erwachte als Mensch, gefesselt und mit einem Messer an meiner Kehle. Hilflos dem kalten Stahl ausgeliefert, den Cesidio hielt. Wie würde er sich entscheiden? Wann würde er mein Leben beenden?

Cesidio gewährte mir eine Galgenfrist. Er winkte über die Schulter, hin zu der Leiche, die in ihrem trockenen Blut lag. Im Mondlicht sah man die tödlichen Wunden kaum, dafür war das Blut dunkel wie Teer. Es waren ein paar Liter. Jene Liter, die aus dem Offizier strömten, nachdem sein Körper zerrissen worden war. Von mir zerrissen.

»Ich brauche nicht mehr an Monster zu glauben.« Cesidio sah mich intensiv an. »Jetzt weiß ich, dass es sie gibt!«

Könnte ich mich schnell genug wandeln, um ihn zu überraschen? Schneller, als er mir die Messerklinge in den Hals rammen könnte? Nein, unmöglich. Eine Wandlung dauerte etwa eine Minute – eine elend lange Zeit, wenn man in der Gewalt eines bewaffneten Verbrechers ist.

Vom Jäger zum Opfer. Das war nur fair.

Cesidio grinste. »Ein Werwolf«, flüsterte er. Stand auf und lachte. »Das ist so cool!«

Mit einem Schnappen fuhr die Klinge des Messers in den Griff zurück.

Ich hatte mit vielem gerechnet, aber damit nicht. Ich starrte ihn an, für einen Moment so überrascht, dass ich meine Lage völlig vergaß. Sollte er nicht Angst vor mir haben? Oder Hass auf die Bestie empfinden? Ich hatte gerade vor seinen Augen einen Menschen zerfleischt, ihn in Sekunden getötet und damit bewiesen, wie gefährlich ich als Werwolf war. Kein Mensch konnte einen Kampf mit der Bestie bestehen, und ein zweites Mal würde Cesidio nicht so viel Glück haben, mich zu übertölpeln. Es musste doch in Cesidios eigenem Interesse sein, diese Gefahr – und damit mein Leben – so schnell er konnte zu beenden.

Offensichtlich sah er das ganz anders. Statt mir die Kehle aufzuschlitzen, lachte er mich an. »Ich habe es immer gewusst. Es gibt euch wirklich. Die Werwölfe und Vampire und Frankensteins Monster. Hast du es schon gesehen?«

Immer noch perplex ob seiner Begeisterung, steuerte ich nur bei: »Äh, nö.«

Er ging vor mir in die Knie. »Gibt es noch mehr von euch? Wurdest du von deinem Rudel getrennt?«

Ich dachte an meinen Vater. Er war der einzige Werwolf, den ich kannte. Unsere Trennung war in bösem Blut geschehen. Ich hatte nicht vor, ihn jemals wiederzusehen, denn seine Antwort auf den Wolf war es, sich jeden Vollmond selbst einzusperren. Das war nicht das Leben, das ich führen wollte.

Die Welt stand mir offen und ich hatte die Bestie unter Kontrolle. In den Vollmondnächten gewann sie die Oberhand, daher musste ich einfach nur darauf achten, nicht in der Nähe von Menschen zu sein. Dem Wolf war es egal, ob er Menschen oder Tieren nachstellte, so lange sein Jagdfieber gestillt wurde.

Den Rest des Monats hatte ich ihn unter Kontrolle. Dies vermochte ich aufgrund der Disziplin, die mein Vater mir eingebläut hatte. Auch wenn es mir lieber war, mir einzureden, ich hätte es auch ohne seine Lektionen geschafft.

Cesidio wartete auf meine Antwort. Ich räusperte mich und sagte: »Ich bin Einzelgänger.«

»Musstest wohl fliehen und bist ins Meer gesprungen.«

»So ähnlich.« Ich sah an ihm vorbei zu dem toten Körper. Eben hatte er noch gelebt. Nicht der Wolf hatte ihn getötet, sondern ich. Der Wolf und der Mensch waren zwei Abbilder meiner Selbst. Ich trug die Verantwortung für diese Tat, so wie ich die Verantwortung für die beiden Toten auf der Alexa trug.

Dort hatte ich in Notwehr gehandelt, aber Kapitän Jamskoi hätte mich trotzdem der Polizei als Mörder übergeben. Der Tote in dieser Nacht war gestorben, weil die Bestie Blut schmecken wollte und ich sie nicht zurückgehalten hatte. Wenn ich ehrlich zu mir war: Ich hatte den Blutgeschmack genossen. Ich hatte sie nicht aufhalten wollen. Um das zu verhindern, hatte ich die Schlaftabletten geschluckt – ein halbherziger Versuch, wie ich mir eingestehen musste. Schon da hatte der Wolf meine Handlungen geführt und ich hatte mich in Sicherheit gewogen. Ich hatte das Leben eines Mannes beendet, um meine Blutlust zu stillen und vor mir saß mein Richter. Mit trockener Kehle fragte ich ihn: »Was wirst du tun?«

Er sah hinter sich, wieder zu mir und klatschte in die Hände. »Du hast mir nur die Arbeit abgenommen. Der Kerl hätte sich nicht bestechen lassen, also war er fällig.«

»Du schmuggelst«, stellte ich fest, mich an den Streit zwischen den beiden erinnernd.

»Jap, im großen Stil. Wenn ich die Ladung sicher nach Dover kriege, übernehmen meine Freunde die Ware und wir verdienen eine gute Summe. Was dagegen?«

»Nicht mein Problem.«

»Gute Antwort. Nächste Frage: Was wirst du tun, wenn ich dich losschneide?«

So jovial sein Tonfall auch war, eines war sicher: Meine Antwort würde über Leben und Tod entscheiden. Kalter Schweiß sammelte sich auf meiner Stirn, während ich nachdachte. Cesidio war ein Schmuggler und ich traute ihm zu, dass er eher meine Kehle durchschneiden würde, als Gefahr zu laufen, von mir verraten zu werden. Um diese Nacht zu überleben, musste ich also etwas tun, um sein Vertrauen zu gewinnen. Aber wollte ich diesen Weg gehen? Mich einem Schmuggler anschließen? Einem Mörder?

Warum nicht? Ich war auch einer, es steckte in meinem Blut. Also warum nicht jemandem folgen, der seinen Weg auf dieser Welt im Verborgenen ging? Wenn Jamskoi meine Morde an Bord der Alexa gemeldet hatte – und warum sollte er nicht? – würde mein Name bei allen Polizeistationen bekannt sein. Sobald ich als Mikail Rudenko in der Grenzkontrolle gemeldet war, würde man mich festnehmen. Was dann? Wenn die Polizei mich einsperrte, würde ich hinter Gittern sitzen bei der nächsten Wandlung. Mein Geheimnis wäre keines mehr.

Die nächsten Schritte konnte ich mir nur zu gut ausmalen: Entweder massakriert bei einem Kampf mit der Polizei oder als Untersuchungsobjekt auf einem Seziertisch. Vermutlich beides. Diese Zukunft machte mir Angst.

In den letzten beiden Nächten hatte ich drei Menschen getötet. Ein rechtschaffener Mensch würde sich den Behörden stellen und die Strafen ertragen, die auf seine Taten folgten.

Ich beschloss, Überleben wichtiger zu finden als Rechtschaffenheit.

So antwortete ich: »Ich würde dir helfen, die Leiche über Bord zu werfen und das Blut von Deck zu schrubben. Keinem würde ich etwas von dem Schmuggel sagen, wenn ich dafür einen neuen Pass bekäme.«

Cesidio nickte. »Ich könnte tatsächlich etwas Hilfe gebrauchen, denn der Kapitän hat ein Auge auf mich. Und wer könnte mir besser Rückendeckung geben als ein Monster?«

Sein Messer schnappte auf und er kappte meine Fesseln. Ich stand auf und wir musterten uns einen langen Moment. Dann packten wir den Leichnam und trugen ihn Richtung Reling. Dabei erklärte Cesidio: »Ich habe extra die Nachtwache übernommen. Habe die Beobachtungskameras manipuliert, damit keine diesen Bereich filmt. Der Kahn läuft eh auf Automatik, aber ich muss bald wieder ans Ruder.«

»Ich kümmere mich um das Blut.«

»Leckst du es auf oder so?«

Ich warf ihm einen warnenden Blick zu.

»Hey, keine Aufregung. Bist mein erster Werwolf.«

Wir hatten die Reling erreicht und ohne ein weiteres Wort warfen wir den Toten ins Meer. Er schlug aufs Wasser auf, wurde vom Rumpf des Schiffes zur Seite gestoßen und trieb ins offene Meer. Wir beide standen an der Reling und sahen zu, wie er in der Nacht verschwand. Ein weiterer Vermisster auf See.

Cesidio sprach zuerst. »Du meintest, du brauchst einen neuen Pass?«

Ich nickte.

»Lässt sich machen. In Dover ist der Lotse mein Kontaktmann, der bringt dir deine neuen Papiere mit. Er schleust dich durch den Zoll und wenn du erst einmal an Land bist, hast du es geschafft. Irgendwelche Wünsche wegen deines Namens?«

Ich stand immer noch an der Reling, sah jetzt nach vorne, dorthin, wo mein neues Leben beginnen würde. Mein Blick fiel auf die Buchstaben an der Bordwand. Ich lächelte.

»Nathaniel Palmer.«

04 |

Fast zwanzig Jahre später halte ich eine Biographie des Mannes in der Hand, dessen Namen ich gestohlen habe; zweifelhaft, dass ich ihm Ehre mache.

Er war Seefahrer gewesen, wie ich. Der erste Amerikaner, der 1820 die Antarktis sah und ein Jahr später die südlichen Orkneyinseln mitentdeckte. Knapp zwei Dekaden trage ich nun schon seinen Namen, mit dem ich mich mehr identifiziere, als mit dem, den meine Eltern mir gaben.

Ich betrachte das Buch eine Weile, aber da es mir nichts Neues über meinen Namenspatron erzählen kann, stelle ich es in das Regal zurück zu den anderen Büchern, die mit ihrer Last das Regalbrett biegen. Biographien über wichtige und unwichtige, populäre und vergessene Menschen, die einst lebten. Von denen mehr übrig geblieben war als Staub in der Erde.

So unguten Gedanken soll man nicht lange nachhängen, also entferne ich mich aus der Abteilung für Biographien und gehe weiter zu den französischen Büchern. Auch hier sind die Regale überfrachtet, aber ich komme seit so vielen Jahren in dieses moderne Antiquariat, dass die chaotische Ordnung ihren Schrecken verloren hat. Ich wähle zwei Bücher aus und gehe durch die engen Gänge zurück zur Kasse.

Dort sitzt Antje und lächelt mir zu. Sie macht eine Geste und ich zeige ihr die Buchtitel: Der Graf von Monte Christo und Der Glöckner von Notre Dame. Sie nimmt eines der Bücher, schlägt es auf und zeigt auf die französischen Wörter, dann auf mich und sieht mich fragend an.

»Ist eine Weile her«, antworte ich der stummen Antiquariatschefin. »Man darf eine Sprache nicht einschlafen lassen.«

Sie reckt den Daumen hoch und tippt die Beträge in die Kasse. Ich runde auf und zahle. Dafür bekomme ich ein Bonbon, das ich einstecke. Wir winken uns zum Abschied und ich trete hinaus auf die Straße. In die Stadt.

Im März scheint der Frühling noch weit entfernt, der Winter will nicht aus dem Asphalt und der Luft weichen. Bleigrau und kalt ähneln sich Straße und Regenwolken. Zwischen ihnen die Betonfassaden der Häuser, schnell hochgezogen nach den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs und noch nicht kaputt genug, um neuer Architektur zu weichen. Es ist gar nicht die Kälte, die bis auf die Knochen geht, sondern die Nässe in der Luft. Nieselregen lässt Jacke und Hose klamm werden.

Trotz des unfreundlichen Wetters halte ich es schon zehn Jahre hier aus. Damit lebe ich in Ostkamp freiwillig länger als an sonst einem Ort. Die Stadt ist mir Heimat geworden, und vor allem das Viertel, durch das ich gerade spaziere: Im Alten Kai. Hier kenne ich jede Straße, Gasse und Kneipe. Ein neues Geschäft fällt mir sofort auf.

Weil ich auch um die wenigen Parkplätze hier weiß, lasse ich meinen Wagen stehen und gehe die nächsten Minuten zu Fuß. Wenn man mal einen freien Parkplatz gefunden hat, gibt man den hier besser nicht auf.

Das Viertel Im Alten Kai liegt im Süden Ostkamps. Es ist eines der ältesten, hat mehr Tradition als alle anderen, doch Touristen sieht man hier nur selten. Zwar haben hier noch einige Firmen ihre Büros, aber Industrie und Häfen sind weitergezogen, immer am Rand bleibend, als die Stadt wuchs, sich immer mehr vom Rheinland nahm. Im Alten Kai wohnt man, zum Arbeiten fährt man woanders hin.

Deswegen sind die Gassen jetzt am frühen Nachmittag recht leer. Frauen und Männer bringen ihre Kinder von der Schule nach Hause. Teenager hängen herum, ignorieren Erwachsene, da die nichts von ihren Problemen verstehen und Rentner schütteln über die Halbstarken verurteilend den Kopf. So wie es immer war.

Mein Ziel ist das Caerbannog, ein Irish Pub, das es mit der Nationalität nicht so genau nimmt. Selbst zu dieser Zeit sind die Parkplätze belegt. Da fällt mir der Wagen auf, der auf dem Platz mit einem Privat-Schild steht: Ein schwarzer Audi R8 V10. Ich sehe mir das Nummernschild des Sportwagens an, um mich zu vergewissern. Ich runzele die Stirn.

Das Caerbannog ist nicht nur meine Stammkneipe, sondern auch die meines besten Freundes: Alex Kartheiser. Wie immer hat er den besten Platz der Kneipe erwischt, jenen runden Tisch auf der zweiten Ebene, der direkt an die Theke grenzt. Dort ist man vom Lärm der anderen Gäste geschützt, kann alles überblicken und jederzeit bestellen.

Alex ist Eurasier, dessen Gene sich optimal gemischt haben, um nahezu ins Beuteschema jeder Frau zu passen: Exotisch und vertraut, knackige Figur, aber nicht übermäßig muskulös, verschmitzt und geheimnisvoll. Irgendwie schafft er es, sogar mit hochgelegten Beinen auf der Bank fläzend elegant zu wirken. Dabei grinst er jenes sympathische Lausbubengrinsen, das ihn für die Frauenwelt vollends unwiderstehlich macht. Sein Geruch erinnert an Curry mit Limone. »Endlich«, sagt er und legt sein Smartphone auf den Tisch. »Ich sterbe vor Hunger.«

Ich setze mich, stelle die Bücher ab. »Seit wann kannst du deine Karre auf dem Privatparkplatz abstellen?«

»Seit ich zu den Privaten gehöre.«

Ken O‘Donnell, der Wirt, nickt mir von der Theke zu. »Wie immer?«

»Wie immer«, gebe ich zurück.

»Zweimal«, meint Alex.

Ken nickt wieder und wendet sich ab.

Ich frage Alex: »Zu den Privaten?«

»Ken hatte eine finanzielle Unpässlichkeit, also habe ich mich eingekauft.«

»Du stellst dich hinter die Theke?«

Alex lacht. »Bestimmt nicht, bei den Arbeitszeiten. Stiller Teilhaber nennt man das: Ich investiere Geld, bekomme einen Teil des Umsatzes und halte mich vom Tagesgeschäft fern.«

»Und den Parkplatz hast du als Dreingabe bekommen?«

»Das war der härteste Verhandlungspunkt. Aber hey, jetzt gehört er mir.« Alex grinst. »Irgendwas muss man ja mit seinem Taschengeld machen. Ich denke, der Laden ist eine gute Investition.«

Das ist er wahrscheinlich wirklich für jemanden mit so viel Geld wie Alex. Selbst wenn das Caerbannog rote Zahlen schreiben würde, könnte er den Verlust bei der Steuer geltend machen, ohne dass es ihn schmerzen würde. Schließlich gehört Alex zu einer der reichsten Familien Ostkamps. Er ist der einzige Sohn von Niklas Kartheiser, dem direkten Nachfahren und jetzigen Komplementär des Kartheiser Handelskontors. Diese Firma ist der größte Steuerzahler der Stadt und hat Filialen in der ganzen Welt, auch eine Reederei nennt sie ihr Eigen und, wie ich hörte, gehen die Gedanken zu einer Fluglinie. Das Kontor ist breit aufgestellt, handelt mit Waren und deren Transport. Als KG ist die Firma nun in ungezählter Generation noch immer in Familienbesitz. Und das Privatvermögen der Kartheiser-Familie liegt geschätzt im einstelligen Milliardenbereich.

Alex Kartheiser ist der älteste Spross jener Generation, die noch nicht das Ruder der Firma in der Hand hat. Und wenn es nach Alex‘ Vater geht, wird er auch nie Gelegenheit dazu bekommen. Alex ist für seinen Vater Niklas eine Enttäuschung, seit klar wurde, dass Alex kein Mondwandler ist – und damit der erste Mensch in der über fünfhundert Jahre alten Sippe der Kartheiser.

Ein liberalerer Mann hätte Alex akzeptiert; Niklas war das nicht möglich. So hält er seinen Sohn auf Distanz, entzieht ihm seine Achtung und Liebe und füllt die Lücke seitdem mit Geld.

Nach einigen wilden und selbstzerstörerischen Jahren beruhigte sich Alex. Jetzt ist er nur noch wild. Ich weiß noch immer nicht so recht, wie wir beide einander gefunden haben, aber heute vertraue ich diesem Kerl mehr, als sonst einem Menschen, den ich je getroffen habe.

Ken bringt uns das Essen persönlich. Er riecht nach Malz und Bronze. Haare und Bart sind dunkelblond, der Mund schmal und die Augen wasserblau. Seiner Aussprache hört man die irische Heimat immer noch an. »Gehen auf Kosten des Hauses – nur heute.«

Ich werfe Alex einen vorwurfsvollen Blick zu.

»Hey, von irgendwas muss Ken doch leben«, wehrt er ab.

Ken reicht mir einen Briefumschlag. »Das wurde für dich abgegeben.«

Ich nehme den Brief entgegen. Auf ihm steht nur ein Name: Franke. »Okay«, sage ich.

Ken lässt uns allein.

Ich zeige Alex den Schriftzug. Er nimmt die Beine herunter und setzt sich gerade hin. »Was will er?«

»Keine Ahnung.«

Alex nimmt Messer und Gabel und fängt an, den Baked Caerbannog zu essen, einen Hasenbraten in Rotweinsoße mit Bratkartoffeln. »Dann lies ihn halt.«

Ich betrachte noch einen Moment den Schriftzug. Großbuchstaben, saubere Druckschrift. Das passt zu Franke. Ich habe ihn geerbt von meinem Vorgänger, so wie man die gebrauchten Bleistifte erbt, wenn man der Neue im Büro ist. Ich kenne Frankes Vornamen nicht, habe eine Telefonnummer und keine Adresse. Er ist ein Mann, für den das Wort Durchschnitt erfunden wurde: Durchschnittliche Größe, mittleres Alter, Haar von einem Braun, wie es die meisten Männer haben, keine auffälligen Merkmale. Seine Sprache ist bar jeden Akzents.

Aber er ist alles andere als gewöhnlich. Er ist unsere beste Quelle bei der hiesigen Polizei. Kann uns mit allen Informationen versorgen, die man sich nur vorstellen kann. Aber die Beschaffung ist nie billig und Franke entscheidet selbst, wann und wofür er sich auf einen Handel einlässt.

Es kann nichts Gutes bedeuten, wenn er einen Umschlag in meiner Stammkneipe hinterlegt, um den ich nicht gebeten habe.

Ich reiße den Umschlag auf. Darin sind zwei Aufnahmeprotokolle. Die Art, wie sie Polizisten anfertigen, wenn jemand auf die Station kommt und ein Verbrechen meldet. Auf einem weiteren Zettel hat Franke geschrieben: Euer Revier, interessiert?

»Was ist es?«, fragt Alex zwischen zwei Stücken Hasenbraten.

»Polizeiprotokolle.«

»Und was – Moment.« Alex‘ Smartphone meldet sich und er liest schnell die SMS. »Kathleen«, murmelt er, überlegt einen Moment und schüttelt dann den Kopf. »Die Kleine vom Klettern. Ist neu an der Wand.« Er legt das Smartphone weg.

»Willst du nicht antworten?«

»Nö, hat zu stämmige Beine.«

Alex ist ein Fan von Sport jeglicher Art: Freihandklettern, Autorennen, Surfen. Ebenso viel Spaß hat er beim Aufreißen – und er nimmt es genauso ernst. Manchmal denke ich, er ist nur deshalb so gut in Form, damit er schnell genug vor einer Beziehung davonlaufen kann. Für Alex ist das Spiel wichtig; sobald er gewonnen hat, verliert er das Interesse.

Ich kümmere mich um die Protokolle, lese jedes zweimal.

»Und?«, fragt Alex.

Ich reiche sie ihm rüber. Zücke mein Smartphone und schreibe eine Nachricht. Erst dann nehme ich mir den jetzt schon lauwarmen Braten vor.

Alex überfliegt die Protokolle. »Und? Sind wir interessiert?«

»Das habe ich gerade Szandar gefragt.«

Während wir weiteressen, durchforscht Alex auf seinem Telefon das Internet. Es dauert ein paar Minuten, dann fasst er seine Funde zusammen: »Nichts im Tornado oder den anderen Zeitungen. Diese Geschichte ist wohl keinem eine Zeile wert. Bis …« Er macht eine dramatische Pause und hält mir sein Smartphone hin.

Es ist die Seite von Frosts Welt des Okkulten – und der Titel ist Programm. Hier finden die Leute Gehör, die sich von Poltergeistern verfolgt fühlen, denen Verstorbene als Erscheinungen Besuche abstatten und die Außerirdische schon mehrfach untersucht haben. Diese Online-Zeitung hat einen schlechten Ruf, kein Journalist nimmt sie ernst. Obwohl Frost ein angesehener Reporter gewesen war. Gut für uns, denn manchmal kommt Frosts Welt des Okkulten nahe an die Wahrheit heran.

»Immer am Puls der Zeit«, meint Alex grinsend.

In diesem Moment vermeldet mein Smartphone eine eingehende Nachricht. Ich lese sie. »Szandar will mich um acht im Sippenhaus sehen.«

»Was machen wir bis dahin?«

Ich lächle. »Wie wäre es mit ein paar Runden auf dem Schießstand.«

Alex stöhnt nur schicksalsergeben.

© 2014 Ulli Schwan