Mondwandler: Feuer und Silber (Kurzgeschichte)

Ein Jahr ist vergangen, doch ich erkenne meine Jäger sofort wieder.

Den hakennasigen, der nach Zwiebeln riecht, heißt Marc Ocsaine. Der Narbige mit dem Geruch von Gallseife ist sein Bruder Jean. Sie stehen auf dem Gehweg so unvermittelt wie ein Blitz bei blauem Himmel und drehen sich in dieser Sekunde zu mir um.

Ich wende meinen Kopf zu Seite, will nach links abbiegen, doch die Fußgänger, die mir entgegen kommen, lassen mich nicht durch. Ich muss meinen Schritt stoppen und ertappe mich dabei, zu meinen Jägern zu sehen. Sie erwidern meinen Blick, erkennen mich. Und die Jagd geht weiter!

Das ist mein erster Abend in dieser Stadt, vor einer halben Stunde bin ich aus dem Bahnhof gekommen. Ich habe keine Ahnung, wo ich bin und wo ich mich verstecken könnte. Die einzige Hoffnung ist, dass es schon später Abend ist. Wenn ich die beiden nur lange genug von mir fern halten kann – nur zehn Minuten – habe ich eine Chance.

Also renne ich.

Einfach fort von den Brüdern, dorthin, woher ich gekommen bin. Die Riemen meines Rucksacks schlagen gegen meine Schultern, also ziehe ich sie fester während ich renne und mich umsehe. Ich laufe in eine Nebengasse. Rote Sonnenstrahlen und gelbe Straßenlaternen vermischen sich zu einem unnatürlichen Licht. Hier sind weniger Leute. Wem ich nicht mit einem Schritt ausweiche, stoße ich zur Seite. Keine Zeit für gutes Benehmen oder Entschuldigungen. Weiterrennen. Weiter. Vor mir ragt ein Haus vier Stockwerke über die anderen und es hat ein Flachdach. Das ist mein Ziel. Die Höhe schenkt mir weitere Augenblicke.

Ich springe die wenigen Stufen hinauf zum Eingang, reiße die schwere Haustür auf und befinde mich in einem Foyer. Ein Wachmann blickt auf, bleibt aber hinter seinem Tresen sitzen. Ohne im Schritt zu verharren, sehe ich mich um. Ein Schild zeigt mir, hinter welcher Tür das Treppenhaus ist. Als ich sie erreiche, höre ich die hastigen Schritte meiner Verfolger im Foyer. Ich brauche mich nicht umzusehen um zu wissen, dass sie mich gesehen haben.

Als der Wächter etwas ruft, schlägt die Treppenhaustür hinter mir ins Schloss. Ich nehme zwei Stufen auf einmal, doch ich bin nicht schnell genug – mein Rucksack behindert mich. In ihm sind all meine Besitztümer, alles, was ich habe. Doch er hält mich auf, und die Ocsaine-Brüder interessieren sich für mich, nicht für meinen Rucksack. Also öffne ich die Verschlüsse und werfe ihn in eine Ecke.

Hinter mir rennen die Brüder die Treppe hoch.

Ohne das Gewicht des Rucksacks bin ich schneller. Immer noch zwei Stufen nehmend, ziehe ich mich am Geländer hoch und renne so eine Etage nach der anderen hinauf.

*

Die Narbe hat Jean mir zu verdanken. Damals, vor einem Jahr an den Treppe des Monmartre, begann die Jagd. Acht Wochen war ich in Paris, aber ich hatte nicht bemerkt, dass ich verfolgt wurde. Das hatten die Brüder geschickt gemacht. Und dann, eines Morgens, in einer der seltenen Stunden als der Mond schon unter-, die Sonne aber nocht nicht aufgegangen war, ging ich die leeren Treppen im Montmartre hinab um ins Pariser Zentrum zu wandern. Zwei Männer kamen mir entgegen, sie waren gut zehn Meter voneinander entfernt. Der erste grüßte mich, und auch ich winkte. Er roch nach Gallseife. Er ging an mir vorbei, blieb dann aber stehen, und um nicht unhöflich zu sein, tat ich es ihm nach und drehte mich zu ihm um.

Bevor er etwas sagte, hörte ich hinter mir, wie der zweite Mann etwas aus einem Holster zog. Das Klacken eines Hahns, wenn ein Revolver gespannt wird. Der Schuss fiel, bevor ich zur Seite gehen oder mich umdrehen konnte.

Der Einschlag war gar nicht so spektakulär, und dumpfer Schlag von einiger Wucht. Der Schock pflanzte sich durch meinen Körper fort, ließ meine Beine nachgeben und ich fiel auf die Stufen. Bewegungslos blieb ich auf dem Rücken liegen, atmete flach, die Augen geschlossen. Ich nahm meine Welt nur durch Watte wahr – dumpfe Geräsuche, ein Geschmack wie Eisen in meinem Mund und graue Gerüche. Aber ich war am Leben. Was immer die Kugel mit meinem Körper gemacht hatte, er funktionierte noch. Aber das mussten die Angreifer ja nicht wissen.

Jetzt erst verstand ich die Geräusche in meiner Nähe. Es waren Stimmen – die Stimmen des Mannes, der gegrüßt hatte und desjenigen mit der Pistole. Sie unterhielten sich und waren mir nahe, sehr nahe. Ich hatte noch nicht viel Französisch gelernt, und sie sprachen viel zu schnell, als dass ich einzelne Wörter hätte auseinander halten können. Aber ich spürte, dass die beiden sich nicht stritten, sondern nur diskutierten. Sie gehörten zusammen; der eine hatte mich abgelenkt, der andere hatte geschossen. Langsam wurde mein Gehör schärfer, und ich konnte mir zusammenreimen, worüber sie sprachen. Sie sahen, dass ich noch lebte, aber der eine glaubte, es würde bald mit mir zuende sein, dafür würde die Kugel in meinem Körper sorgen. Die Kugel aus Silber. Silber, das Kreaturen wie mich zerstörte.

Der andere war klüger. Er wollte es schnell mit einem zweiten Schuss zuende bringen. Ob er wusste, dass die ganzen Geschichten mit dem Silber Unsinn sind, oder ob er einfach nur schnell von hier weg wollte – schließlich nahm er dem anderen die Waffe ab und kam einen Schritt auf mich zu, um den Schuss richtig anzusetzen.

Einen Schritt zu nahe.

Ich trat ihn, dass er gegen seinen Kumpel stolperte. So schnell war ich noch niemals auf die Beine gekommen, aber plötzlich stand ich vor ihnen, und die beiden sahen mich schockiert an. Mit aller Kraft zog ich einen Schlag durch das Gesicht des Bewaffneten. Die Wucht des Schwingers holte ihn von den Beinen und er stürzte die Treppen hinab. Überschlug sich immer wieder und wieder, die lange Steintreppe hinab. Ich roch und sah das Blut auf den Stufen – er musste sich den Kopf verletzt haben. Die Waffe hatte er verloren.

So stand ich dem anderen gegenüber, dem Schützen. Wir sahen uns einen Moment in die Augen und sein Geruch nach Zwiebeln und Hass stieg mir intensiv in die Nase.
Wir trafen im gleichen Moment eine Entscheidung: Dieser Kampf würde nicht jetzt ausgetragen werden.

Er stürzte seinem Kumpel hinterher.

Ich flüchtete. Verwundet und blutend entkam ich für heute Nacht.

*

Heute Nacht ist es wieder eine Treppe. Keine Tricks mehr, kein Versteckspiel und keine silbernen Kugeln. Diese Nacht im Montmartre ist ein Jahr her, und seit einem Jahr haben wir viel übereinander erfahren. Ich die Namen meiner Verfolger. Sie, wie man jemanden wie mich wirklich tötet. Warum sie es wollen? Um die Welt vor Menschen wie mir zu schützen.

Das ganze Jahr über jagten sie mich. Vor acht Monaten in Bern. Fünf Wochen später in Amsterdam und dann in Hamburg. Heute hier, in Ostkamp.

Diese Nacht wird es enden. Ich weiß es. Sie wissen es.

Der Mond ist nahe. Ganz nahe.

Meine Beine sind müde vom Treppenlauf, die Schenkel schwer und langsam. Ich ziehe mich an dem Geländer herum und sehe vor mir eine Tür. An ihr endet die Treppe. Das gibt mir noch einmal Kraft. Ich zwinge mich zu den letzten Schritten hinauf. Meine Hände rutschen schweißnass über das Geländer.

Hinter mir, zwei Treppen entfernt, keuchen Jean und Marc Ocsaine, ebenso geschafft wie ich und ebenso stur.

Die Tür wird von einem einfachen Riegel verschlossen. Effektiv, um Leute drauß zu halten, und einfach von innen zu öffnen. Diese Tür wird mich nach draußen bringen, aber die Brüder werden mir folgen können.

Genau wie ich es will.

Ich stoße den Riegel zur Seite und die Tür auf. Kühle Abendluft fährt über meine schweißnasse Haut. Ich lauf ein paar Schritte zur Mitte des Flachdachs. Links und rechts geht es hinab auf die Straße, doch geradeaus grenzt das nächste Haus. Es ist vier Stockwerke kleiner und hat ein Satteldach aus roten Ziegeln.

Ich blicke zum Horizont. Noch ist der Mond nicht aufgegangen, aber er steht schon bereit, nur noch eine kleine Weile, bis er sich in den Himmel schiebt. Sekunden noch, mehr nicht.
Da stürmen Jean und Marc durch die Tür aufs Dach. Die Tür bleibt einen Spalt offen. Sofort gehen die Brüder auseinander, damit sie nicht ein gemeinsames Ziel bilden. Sie haben gelernt.

Jeans Grinsen wird wegen der Narben zur Fratze. Monmartre hat ihn jeglicher Schönheit beraubt.

Ich gehe zwei Schritte zurück. Distanz aufbauen, mich dem Dachrand nähern. Zeit schinden.

Ohne ein weiteres Wort, greifen die Brüder unter ihre Jacken. Doch sie ziehen keine Waffen, sondern Jean ein langes, umwickeltes Rohr und Marc eine dickbauchige Flasche. Marc öffnet ein Ventil, und aus der Düse der Flausche spritzt ein Schwall beißend riechender Flüssigkeit. Im nächsten Moment ist mein Mantel und meine Hose feucht. Ich habe die Arme hochgerissen, so blieb mein Gesicht verschont.

»Silber tötet keinen Werwolf – aber Feuer!«, schreit Jean. Mit diesem Satz faucht eine meterlange Feuerzunge aus dem Metallrohr in seiner Hand. Die Flammen streifen meinen Mantel – und setzten die Flüssigkeit in Brand, die Marc auf mich gesprüht hat.

Der Angriff überrascht mich völlig. Hitze raubt mir Atem und Verstand. Ich schreie vor Angst und Schmerzen. Die Flammen verzehren die Luft, ich ringe nach Atem und schlage panisch um mich.

Irgendwoher kommt ein klarer Gedanke: Spring!

Ich drehe mich um und renne. Der Luftzug richtet die Flammenzungen nach hinten, fort von meinem Gesicht. Vor mir sehe ich die Dachkante. Ohne zu zögern renne ich über sie hinweg, stoße mich ab und fliege durch die Luft.

Die Schwerkraft packt mich, zieht mich nach unten und ich stürze, der brennende Mantel flattert wie eine Lohe hinter mir. Dann ist das Dach heran und ich stürzte auf rote Ziegel. Der Aufprall ist hart, geht mir durch Mark und Bein. Aber die Hitze um mich herum ist immer noch da. Ich ringe mit meinem Mantel, verbrenne mir Finger und Hände, um ihn auszuziehen. Aber ich halte durch und werfe ihn schließlich von mir ab. Die Flammen fressen sich durch den Stoff, verzehren ihn.

Und etwas altes, gefährliches, verzehrt mich. Ich erkenne es und heiße es willkommen. Drehe mich nach Osten, wo der Mond sich langsam über den Horizont erhebt.

Die Verbrennungen an den Händen gehen in eine Reißen über, als sich Muskeln und Knochen verschieben. Knirschend und knackend. Meine Schuhe zerplatzen, Hosenbeine zerreißen, denn auch meine Beine verwandeln sich. Ich falle nach vorne, da meine Fußsohlen sich strecken, die Fersen über die Zehen schieben. Mein gesamtes Rückrad, Wirbel für Wirbel, bricht aus der alten Ordnung. Die Schulterblätter wandern. Schmerzhaft verschieben sich meine Zähne, mein ganzer Mund wird länger, länger bis er eine reißzahnbewehrte Schnauze bildet.

Die Schmerzen würden mich verrückt machen, würde ich sie nicht willkommen heißen. Meine zweite Natur bahnt sich heiß ihren Weg. Was rationale Überlegung war, wird nun Instinkt und ein Teil von mir übernimmt die Kontrolle, der näher ist an der Wildheit als an der Zivilisation. Der Wolf in mir ergreift Besitz von mir und öffnet meine Sinne für die Welt der Gerüche und Geräusche.

Die Verwandlung und Mondstrahlen haben die Verbrennungen heilen lassen, aber ich erinnere mich nur zu gut an die Schmerzen. Und an die beiden Männer, die sie mir beigebracht haben.

Mich auf die Beine erhebend, drehe ich mich um. Da sind sie, stehen immer noch auf dem flachen Dach des hohen Hauses. Zwei Männer, die den Kampf mit mir aufnehmen, egal in welcher Gestalt ich gegen sie antrete. Sie ziehen ihre Waffen und ich renne los. Im Zickzack über das Dach. Als ich nahe an der Hauswand bin, springe ich. Vier Stockwerke hoch aus vollem Lauf – ich genieße die Kraft meiner Muskeln, die mich hochfliegen lassen.

Ein feiner, stinkender Nebel aus der Flasche streicht über mein Fell und betäubt meine Nase. Da packen meine Pranken einen Körper und mein Gewicht und meine Kraft reißen ihn einen halben Meter vom Boden hoch, bevor wir beide auf das Flachdach stürzen. Unter mir, auf dem Rücken liegen, schlägt und tritt Marc auf mich ein. Er schreit und tut alles, um mich von sich zu kriegen.

Jean steht neben uns, zielt mit dem Flammenwerfer auf mich. Er könnte mich jetzt in Brand stecken, aber dann würde die Flammen auch seinen Bruder erfassen. Deswegen zögert er.

Das Zögern bringt ihm den Tod. Mit einem seitlichen Sprung bin ich bei Jean, pralle auf ihn mit aller Wucht und bevor sein Körper zu Boden fällt, stirbt er durch meine Zähne. Der blutige Leichnam fällt mit einem dumpfen Geräusch zu Boden.

Ich genieße es nicht, meine Opfer warten zu lassen. Marc folgt seinem Bruder sofort.
Nach dem Sieg erhebe ich mich auf die Beine, strecke mich dem Himmel entgegen und stoße einen freudiges Bellen aus.

Ich bin am Leben! Ich bin am Leben!

Nach einer Weile läßt die Euphorie nach. Als Wolf streune ich noch über das Dach. Der Wolf will einfach fort, in die Nacht rennen, fort von hier und die Stadt durchstreifen. Sein neues Revier erkunden.

Doch der Kern, der mich zu mir selbst macht, sei es in Getalt des Menschen oder Wolf, hält das Tier zurück.

Die Rückwandlung ist ebenso schmerzhaft und an ihrem Ende sitze ich mit verbrannten und zerrissenen Hose und Hemd auf einem zugigen Hausdach. Mir ist kalt und ich zittere. Trotzdem bringe ich das notwendige hinter mich.

Ich lege die Brüder nebeneinander und falte ihre Hände ineinander. Dann besprühe ich sie, bis die Flasche leer ist.

Ich weiß nicht, zu welchem Gott sie beteten, also bleibe ich einfach etwas bei Ihnen sitzen um ihnen Zeit zu geben, all ihre offenen Rechnungen zu begleichen.

Schließlich nehme ich den Flammenwerfer und setze die Leichen in Brand.

Ich wende mich ab und gehe, weil ich nicht riskieren will, bei den beiden gefunden zu werden. Wie hätte ich das der Polizei erklären sollen?

Lieber wäre ich geblieben bis die Flammen verloschen wären. Als Zeichen meines Respekts. Nach diesem Jahr haben die Brüder ihn sich verdient.

© 2012 Ulli Schwan