Mondwandler: Grund der Furcht (Kurzgeschichte)


zum  Hörbuch

Grund der Furcht entstand zuerst als Kurzgeschichte. Ein kurzer Blick auf Nathaniel Parker, den Charakter, der später dann zur Hauptfigur der Mondwandler-Romane werden sollte. Dieses Mal blieb es aber nicht beim geschriebenen Wort – Nathaniel verlangte auch eine Stimme. So entstand ein kurzes Hörbuch der Geschichte. Beides findet Ihr auf dieser Seite.

Grund der Furcht

 

«Das muss sofort aufhören, Nathaniel!»

Robert wedelt mit Fotos und einer kleinen verschlossenen Plastiktüte. Er riecht nach Zwiebeln und Eichenrinde und Regen, der an seinem Mantel und der Hose trocknet. Sein Bart wurde vor zu vielen Tagen das letzte Mal gestutzt und die Augen sind klein von wenig Schlaf; er trotzt der Müdigkeit mit gerechtem Zorn.

Ich nehme die Beweisstücke entgegen und betrachte sie. Die Fotos zeigen einen Mann um die zwanzig, der tot in einer Seitengasse liegt. Jacke und Hemd sind zerrissen, der Brustkorb nurmehr ein blutiges Chaos. Die muskelbepackten Arme zeigen Male von Bissen durch ein Gebiss von immenser Kieferspanne; zu groß für einen Hund oder einen normalen Wolf. Ich erspare mir ins Gesicht des Toten zu sehen.

In der Plastiktüte stecken ein paar Haare: dunkelbraun und drahtig. Durch die Tüte kann ich den Körpergeruch nicht riechen, und vor den Augen Roberts will ich sie nicht auspacken. Es war schwer genug für ihn, diese Beweismittel zu stehlen und für unser Treffen könnte er seinen Job verlieren. Es ist besser, ihn nicht alles wissen zu lassen. Ich mache ihn nicht neugierig und er stellt keine unnötigen Fragen.

«Das ist doch was für dich, oder?», hakt er nach.

Ich nicke.

«Du erledigst das?»

Ich verspreche es ihm.

***

Dämmerung kriecht in die Stadt, Zwitter aus Sonnenlicht und Mondschein. Im Regen reflektieren Straßenlaternen und Autoscheinwerfer. Da meine Augen etwas schlechter werden, kurble ich das Fenster einen Spalt breit auf und orientiere mich an meinem schärferen Gehör. Meine Nase wittert die Abgase, durch die regenschwere Luft winden sich träge Duftschwaden.

Während ich warte fahre ich gern durch die Stadt. Es mindert das Gefühl der Passivität. Keine Musik in meinem Auto, die Melodien der Straße sind farbig genug.

Als mein Handy klingelt, schalte ich die Freisprechanlage ein und melde mich. Zu meiner Überraschung ist es Szandar persönlich. «Die Haare vom Tatort sind von Frank Revell. Kennst du ihn?»

«Nicht persönlich. Ich kenne einen Thomas Revell.»

«Sein Vater. Er erzählte, Frank hätte seit einiger Zeit eine Beziehung mit einer Klaudia – keine von uns. Vor ein paar Tagen haben sie wohl Schluss gemacht.»

«Hat er es beendet?»

«Sie war es.»

Das älteste Motiv der Welt.

Szandars Stimme ist nicht so neutral wie sonst. Vielleicht macht er sich Vorwürfe. Andere Patriarche verbieten jeglichen innigen Kontakt zu Menschen, er nicht. Er läßt uns, seine Sippe, weitesgehend unsere eigenen Wege gehen. Nur hat dieses Mal einer seiner Schützlinge die Grenzen überschritten. Dafür gibt sich Szandar sicherlich die Schuld. Und tut den einzigen möglichen Schritt. «Bring ihn zurück», weist er mich an. «Und wenn Frank nicht will – stoppe ihn.»

«Verstanden.»

***

Ich parke meinen Wagen in Sichtweite, an einer Stelle in der ich sofort wieder losfahren könnte – es ist gut, falls nötig schnell von hier weg zu kommen. Frank wohnt im dritten Stock eines Mehrparteienhauses. Die Fenster von Küche und Bad gehen zur Straße raus, Wohn- und Schlafzimmer zum Hof.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht eine Frau im Schatten zwischen zwei Straßenlaternen. Als ich neben sie trete, nickt Kira mir zu, ihr schmales Gesicht umgeben von einer Gewitterwolke gelockten Haares. «Frank und Klaudia sind vor einer Stunde angekommen.»

Wir sehen hinauf zu den erleuchteten Fenstern. Zwei Personen werfen Schatten, gestikulieren wild, wechseln die Räume. Die Frau zuerst, der Mann hinterher. Ein Streit unter ehemaligen Geliebten? In diesem Moment wird der Hausflur erleuchtet, es wird Zeit.

«Ich gehe hoch. Du hälst du Augen offen.»

«Geht klar.» Kira ist ein Profi, kennt ihr Rolle: Sie verfolgt die Fährte, ich bringe Frank zur Räson.

An der Haustür erscheint ein Schatten, ich laufe über die Straße. Ein Mann, der sein Hund Gassi führen will, öffnet die Haustür. Ihm zunickend gehe ich in das Haus. «Mieses Wetter», sage ich.

«Ja, aber mit so einem Hund…», setzt er an.

Ich blicke dem Labrador in die Augen und er kneift den Schwanz ein. Dann ist sein Herrchen aus dem Hausflur und ich drin. Mit jedem Schritt zwei Stufen nehmend, eile ich hinauf zu Franks Wohnungstür. Sie ist nicht gut isoliert, ich höre eine männliche und eine weibliche Stimme. Mich interessieren die Worte nicht, sondern die Sprechweise des Mannes: überheblich, selbstsicher, aggressiv.

Laut klopfe ich an. In der Wohnung wird geflüstert. Schnelle Schritte kommen an die Tür. Eine Männerstimme ruft: «Wer ist da?»

«Ich will mit dir reden, Frank.»

«Komm später wieder.»

«Szandar schickt mich.»

Die Tür wird aufgerissen. Frank steht im Rahmen. Ein junger Kerl in bester körperlicher Verfassung, fünfzehn Zentimeter größer und eben so viel Jahre jünger als ich. Die Hände hat er in seine Hüften gestemmt, den Kopf angriffslustig vorgereckt. Er stinkt geradezu nach Zerstörungswut – und nach den Haaren vom Tatort. «Und wer bist du?»

«Nathaniel.»

Er gibt mir den Weg frei, geht voran durch den Flur. Ich lehne die Haustür nur an.
Der Flur ist nur wenige Schritte lang, dann kommen wir ins Wohnzimmer. Nicht angerührte Bierflaschen stehen auf einem niedrigen Tisch, dazwischen ein irdener Obstkorb. Sofa und Sessel aus Kunstleder. In der Ecke ein Computertisch mit Telefon und natürlich der breite Fernseher, optimal positioniert für stundenlanges auf dem Sofalungern. Es ist weder piekfein noch dreckig.

Klaudia steht mit vor der Brust verschränkten Armen mitten im Raum. Ich rieche ihren Schweiß und höre den flachen Atem. Sie trägt eine kurze Jacke, T-Shirt und Jeans.
«Lass sie gehen!», fordere ich. Ihren dankbaren Blick sehe ich nur in den Augenwinkeln, meine Konzentration gilt Frank.

Der will aufbegehren, starrt mich an. Noch wird er von den Geschichten zurückgehalten, die man sich von mir erzählt. Gute PR kann wirklich nützlich sein. Er entscheidet sich, macht eine herrische Geste und ruft: «Also verschwinde schon!»

«Meine Sachen… », setzt sie an.

«Wir bringen Sie Ihnen vorbei», sage ich. Die Frau muss aus der Wohnung verschwinden, sie weiß nicht in welcher Gefahr sie ist. Also packe ich sie an der Schulter und schiebe sie aus dem Wohnzimmer. «Ich regle das.«

«Frank ist heute so anders…», setzt sie an.

Ohne ein weiteres Wort, dränge ich sie in den Hausflur und schließe die Tür hinter ihr. Dann kehre ich zum eigentlichen Problem zurück.

«Szandar schickt dich also», sagt Frank und mustert mich.

«Sie haben den Halbstarken gefunden.» Ich trete ins Wohnzimmer, genug Abstand haltend, um einem Angriff ausweichen zu können. «Was hast du damit zu tun?»
«Du bist hier, also weißt du Bescheid.»

«Wieso?»

«Sie hat wegen ihm Schluss gemacht», spuckt Frank. «Aber wenn einer Schluss macht, dann ich. Das habe ich ihr immer gesagt, und jetzt hat sie es kapiert. Er hat sie bestimmt dazu überredet. Sie dachte wohl, er könne sie beschützen, mit seinen dicken Muskeln, die er sich jede Woche viermal aufpumpte. Er dachte, er sei stark – ich habe es ihm gezeigt.»

«Jetzt ist die Polizei hinter dir her.»

Frank nickt. «Ich hätte die Leiche verstecken sollen, du hast recht.»

«Das meine ich nicht.»

«Der Typ kam einfach zu uns und baggerte sie an, mitten in der Disco! Ich war nur pissen, und als ich zurückkomme knabbert er an ihrem Ohr. Da bin ich ihn angegangen, wollte es wissen und verpasse ihm eine. Da schmeißen mich die verfickten Aufpasser raus, und am nächsten Morgen macht Klaudia Schluss.» Frank war während dieser Geschichte im Zimmer auf und ab gegangen. Jetzt wirbelt er zu mir herum. «Ich hätte ihn schon da auseinander reißen sollen! Dann hätte sie gesehen, was wirklich in mir steckt! Ich hielt mich an unsere Regeln, zeigte ihr nicht mein wahres Gesicht – sie glaubte, ich sei schwach. Sie ist so dumm!»

«Aber mit diesem Typ hast du abgerechnet.»

«Er hat seine gerechte Strafe erhalten. Niemand legt sich mit mir an ohne zu bezahlen. Glaubst du, ich habe Angst vor diesen Schwächlingen? Ich stecke sie alle ein, jeder der quer kommt kriegt nen kurzen Prozess!»

Ich habe genug, mit dieser Einstellung ist er nicht nur eine Gefahr für sich selbst, sondern für uns alle. «Du kannst so nicht weitermachen…»

«Ich bin noch lange nicht fertig», fällt er mir ins Wort. «Dieser Schlampe werde ich es zeigen – und all den anderen!»

«Es hört auf. Jetzt und hier!»

«Nein!», schreit er. Die Verwandlung setzt ein – und geht so schnell, dass ich nicht reagieren kann. Seine Leidenschaft bringt den Werwolf in einer wahren Explosion hervor. Er geht nur einen Schritt, aber dabei sprießt die dunkelbraune Körperbehaarung, das Gesicht zieht sich knirschend in die Länge, die Fangzähne schieben sich aus dem Kiefer. Knochen und Muskeln wachsen, mit dem Geräusch knarrenden Leders dehnt sich die Haut. Die Kleider fallen als Fetzen vom Leib des großen Werwolfs, der vor mir steht, sich zum Sprung bückt.

Ich bin völlig überrascht, eine so schnelle Verwandlung habe ich noch nie gesehen. Es bleibt keine Zeit um mich selbst zu verwandeln, es würde Sekunden dauern, in denen ich nahezu wehrlos wäre. In meiner Menschengestalt habe ich keine Chance gegen ihn; er ist schneller, kräftiger und durch Klauen und Zähne tödlich bewaffnet. So bleibt mir nur ein Weg.

Vom Tisch nehme ich den Obstkorb, werfe damit das Fenster ein und renne sofort hinterher. Hinter mir fährt eine Pranke durch die Luft, zerfetzt meine Jacke. Dann bin ich am Fenster und springe mit vor den Kopf gehaltenen Armen hinaus. Es gibt keinen Balkon, so stürze ich drei Stockwerke hinab. Der Aufschlag ist hart, verdreht oder bricht mir das linke Bein, so dass ich nicht perfekt abrolle sondern hart mit dem Rücken aufschlage. Ich kämpfe gegen die Bewusstlosigkeit an und verliere.

Kurz darauf erwache ich vor Schmerzen und fluche vor mich hin. Das Bein schmerzt so sehr, dass ich zuerst keinen klaren Gedanken fassen kann. Dann kommen die Erinnerungen und Wut steigt in mir auf.

Ausgetrickst von einem hochmütigen Anfänger mit krankhaftem Ego!

Ich öffne die Augen. Gardinen wehen durch das zerbrochene Fenster. Ist Frank noch in seiner Wohnung? Schon auf der Jagd? Um das herauszufinden muss ich in die Wohnung, doch in meiner Verfassung ist das unmöglich.

Niemand hat sich die Mühe gemacht diesen Hinterhof mit Bäumen zu verschönern, so kann der Mond – leuchtend zwischen schweren Wolken – ungehindert auf den Asphaltboden scheinen. Am Boden liegend ziehe ich mir die Kleider aus. Besonders schmerzhaft ist der linke Schuh und die Hose. Schweißnass vor Anstrengung krieche ich aus dem Schatten in silbriges Licht. Es kitzelt auf meiner Haut, und ich lasse die Verwandlung zu.

Stärke durchflutet mich, drängt das rationale Denken zurück und läßt das tierischen Selbst wachsen. Es ist immer wieder eine Sensation, die Kraft spült jeden Zweifel hinfort, Urinistinkte regieren. Mein Mund verzieht sich zu einem Grinsen – wird noch breiter, schiebt sich zu einer Schnauze vor. Beigegraues Haar wächst hervor, sprießt auf meinem ganzen Körper. Muskeln und Skelett verformen sich, und mit schmerzvollen Ruck springt der gebrochene Knochen im linken Bein in die richtige Stellung, die Bruchstelle wächst zusammen und dehnt sich. Stärke und Selbstvertrauen steigern sich zu einem Maß, wie ich es in menschlicher Gestalt niemals fühle.

Meine Sprache verliert sich zu einem Bellen. Ich rieche alle Mahlzeiten, die heute in den Wohnungen um mich herum gekocht wurden, höre sämtliche Gespräche hinter den Fenstern. Der Mann mit dem Labrador ist zurückgekehrt und redet auf seinen Hund ein, während er ihm das Fell trocknet.

Mit einem Satz stehe ich auf den Vorderballen meiner Füße. Die Häuserwand geht senkrecht nach oben, für einen Menschen schwer zu erklimmen. Aus dem Stand springe ich drei Meter hoch und schlage mit meinen Klauen Löcher in den Beton. Wütend eile ich die Wand hinauf. Knapp unter Franks Fenster schnuppere ich. Er ist nicht mehr da. Trotzdem bin ich vorsichtig, schiebe mein Wolfsgesicht langsam zum Fenster hoch. Ich höre, rieche und sehe ihn nicht. Mit einem Satz bin ich im Wohnzimmer. Auf allen vieren renne ich durch die Zimmer, zertrümmere frustriert den Wohnzimmertisch und hechle danach kühle Luft.

Der Jagdtrieb drängt mich hinaus, Franks Geruchspur zu folgen und ihn zu stellen: Wolf gegen Wolf. Ein Kampf soll entscheiden. Mein Blut brennt bei der Vorstellung sich ihm zu stellen – und doch halte ich mich zurück.

Er gehört immer noch zu unserer Sippe, es ist meine Pflicht ihn zurück zu bringen. Diese Loyalität verstehe ich sogar in meinem jetzigen Zustand: Die Sippe ist wichtiger als meine Wünsche.

Dieser Gedanke läßt die Rationalität die Oberhand gewinnen und ich verwandle mich zurück. Durch das zerbrochene Fenster kommt die kalte Luft hinein. Nackt und frierend gehe ich zum Telefon und wähle Kiras Nummer. «Bist du okay?», fragt sie.

«Nur mein Ego ist angeknackst. Wo seid ihr?»

«Er hat sich ausgehfertig gemacht und spaziert Richtung Südstadt.»

«Bleib dran, ich bin gleich bei euch.»

Ich werde ihn verfolgen und stellen. Aber nicht auf unsere Art, sondern nach Art der Menschen.

Vielleicht versteht er.

***

Franks Sachen sind mir zwei Nummern zu groß, und mit meinen Schuhen, die ich vom Hinterhof hole, folge ich ihm; die restlichen verschmutzten Sachen landen im Kofferraum meines Wagens. Aus ihm hole ich die Tasche und werfe mir den Gurt über die Schulter.

Frank ist zu Fuß und als Mensch in der Stadt unterwegs. Vielleicht will er sein Territorium abgehen, Duftmarken hinterlassen oder sich in dem Gefühl baden allen Menschen mit einem Prankenhieb den Kopf von den Schultern trennen zu können. Welche Allmachtsfantasien dieser Kerl auch hat, sie werden heute Nacht enden.

Der Wind legt sich, dafür beginnt es zu regnen, schwere Tropfen die wuchtig auf den Schädel klatschen. Das Wasser unterdrückt die Gerüche, macht sie weich und unförmig, wie die Schrift eines Buches das zu lange in einer Pfütze steht. Aber ich bin nahe genug an Frank dran und komme ihm immer näher. Sein Geruch führt mich wie ein Band durch die Straßen und Gassen, vorbei an beleuchteten Schaufenstern, eilenden Passanten und Dönerbuden.

Die Stadt belebt sich in diesen Abendstunden wieder. Die Leute haben sich vom Stress ihrer Arbeit erholt und gehen nun aus um sich ein paar schöne Stunden zu machen. Alte Freundschaften pflegen, neue Bekanntschaften knüpfen. Das ewige Spiel um soziale Anerkennung. Sippenbildung, bei ihnen wie bei uns. Jeder sucht Anerkennung, mit Glück findet man Liebe. Wir alle sind auf der Suche und wenn wir enttäuscht werden kommt das Schlechteste von uns zum Vorschein. So ergeht es Frank, und wer bin ich ihn deswegen zu verurteilen?

Jeder reagiert auf seine Art darauf: manche schreien oder schweigen, werden aggressiv oder igeln sich ein, diskutieren bis ihre Kehlen heiser werden oder brüten schweigend, beschimpfen die Frau oder verzweifeln an sich selbst. Ich verstehe Frank, kenne den Schmerz aus eigener Erfahrung; die Aushöhlung des Egos wenn jemand vorgezogen wird, der in den eigenen Augen so minder scheint.

Man erinnert sich an die Momente, in denen die Geliebte einen anlächelte, strahlte allein wegen der Tatsache, dass sie bei einem saß oder die Hand hielt. Es ist unmöglich sich vorzustellen, dass sie die Hand des Neuen mit einem ebensolchen Lächeln hält. Wird sie sich bei ihm ebenso wohl fühlen? Unmöglich, sagt man sich selbst, aber der Brustton der Überzeugung ist ein kraftloses Krächzen, denn wenn nicht, warum sollte sie einen dann verlassen? Warum den anderen vorziehen? Man selbst wollte alles für die Geliebte tun, glaubte ihre Wünsche zu kennen und ihre Sehnsüchte zu erfüllen – tat man es nicht, täuschte man sich so sehr? Jetzt ist es der Andere, der ihre Träume erfüllt, und man möchte nicht glauben, dass er es kann, nicht halb so gut wie man selbst.

Aber er kann es wohl, und er tut es gerade jetzt, in diesem Moment. Weil sie es so entschieden hat. Sie tut es nicht aus Bosheit, sondern in der Überzeugung das Beste für sich zu tun; so wie wir alle, wer kann sie deswegen verurteilen? Aber genau deswegen wird man klein, zum Besiegten, und jeder reagiert auf seine Art darauf. Man sucht nach Fehlern, manche bei sich, bei ihr, bei allen anderen.

Regen fällt auf mein Gesicht, schlägt kühl auf die Haut und rinnt herab. In jeden Tropfen stecke ich eine Erinnerung an die Geliebten. Ein Tropfen eine Erinnerung, die feucht über mein Gesicht gleitet, kleiner wird und dann von mir abfällt, sich in den Pfützen vereint mit allen Erinnerung, über den Asphalt fließt hinab in die Abflüsse und weggespült wird. Zurück bleibt nur ein Echo; es ist da, auch wenn man es nicht hört und wartet nur darauf, auf den nächsten Seufzer zu antworten.

Ich richte nicht über Franks Gefühle. Jeder reagiert auf seine Art; manches wird toleriert, anderes muss unterbunden werden.

Die Spur führt mich in eine dieser schicken Bars mit viel Glas und orangener Beleuchtung, in der junge Menschen abhängen; sehen und gesehen werden. Der Kerl an der Tür zieht die Stirn in Falten, läßt mich aber hinein. Ich kenne diesen Laden, im Sommer öffnet er im Hinterhof einen Biergarten, der bei diesem Wetter bestimmt geschlossen ist. Perfekt.
In dem Chaos an Gerüchen entdecke ich zwei bekannte. Kira sehe ich zuerst: Sie sitzt an der Bar, wo sie einen guten Überblick hat, und weist mit ihrem Glas nach rechts. Dort steht Frank bei einer kleinen Gruppe. Bevor ich zu ihm gehe, gebe ich Kira mit einem Zeichen zu verstehen, sie soll sich zurückhalten. Sie nickt.

Die Musik ist zu laut um sich normal unterhalten zu können. Für mich ist diese Lautstärke unangenehm, in meiner Wolfsform würde sie mich schmerzen. Durch ihr viel schlechteres Gehör nicht so empfindlich, machen die Menschen das Beste daraus, stehen eng beieinander und brüllen sich Sätze direkt in die Ohren – ein gutes Alibi um sich körperlich näher zu kommen oder hin und wieder einen Arm um die Hüfte des Partners zu legen.

Trotz der Musik höre ich Franks Stimme – und Klaudias. Ich dränge mich an den anderen Gästen vorbei zu ihnen. Frank redet auf Klaudia ein, will sie überreden mit ihm zu kommen. Doch sie verneint, zieht sich in den Kreis ihrer Freunde zurück, die eine Traube um sie bilden. Ein junger Mann tritt zwischen Frank und Klaudia, will beide beruhigen. Würde er um Franks Natur wissen, hätte er sich diesen Schritt sicherlich zweimal überlegt.
Ich renne fast.

Der Friedensstifter redet auf Frank ein, weicht auch nicht zurück als Frank ihn anbrüllt. Da holt Frank zu einem Schlag aus.

Ich bin bei ihm, greife mir den Schlagarm und verdrehe ihn. Frank stöhnt vor Schmerzen auf, dreht sich zu mir um und verharrt in der Bewegung. Unser Blicke kreuzen sich.
Ohne ein Wort lassen wir Klaudia und ihre Clique einfach stehen. Wir gehen vorbei an den Toiletten zum Hinterausgang. Ich überwinde das Schloss und wir stehen im Hof.

Unter einer blauen Zeltplane stehen die zusammengeklappten Tische und Stühle für die kommenden Führjahrsaison. Einige Topfbäumchen haben den Winter draußen verbracht und lassen ihre Blätter im Regen hängen. Die einzige Beleuchtung kommt aus dem Restaurant und wenigen noch erleuchteten Nachbarfenstern. Der Mond ist hinter den Regenwolken nur als Schimmer auszumachen.

«Meine Sachen sind zu groß für dich!» Er lacht und geht mit wiegenden Schultern ein paar Schritte durch den Hof.

Auch ich nutze die Gelegenheit Entfernung zwischen uns zu bringen. «Szandar will dich nicht verlieren, du gehörst in unsere Sippe. Vergiss Klaudia, mit der Zeit findest du jemand anderen.»

«Es geht mir nicht mehr um diese Fotze. Sie ist so klein und schwach wie all die anderen. Ich bin durch die Straßen gegangen und habe ihre Angst gerochen. Alle stinken Zweifel und scheißen sich in die Hosen wenn sie durch eine dunkle Straße gehen müssen. Jetzt weiß ich warum sie überall Lampen stehen haben: Sie fürchten sich vor dem Dunkel! Vor der Nacht haben sie Angst! Kannst du dir das vorstellen?»

Nein, das kann ich nicht, denn die Nacht riecht und klingt genauso deutlich wie der Tag.
Immer noch herumgehend, fährt Frank fort: «Sie fürchten sich vor allem und deswegen machen sie ihre Welt klein und überschaubar. Sie reudzieren ihre Gedanken darauf, ihrem Chef in den Arsch zu kriechen um noch mehr Geld zu verdienen. Sie können nicht schlafen aus Angst, nicht effizient genug zu sein, nicht schön genug für ihren Partner, zu arm für ihre Freunde – und für all ihre Mängel machen sie ihre Eltern verantwortlich, oder diesen fiesen Mathelehrer oder ihre böse Schwester oder diesen Kollegen der an ihrer Stelle die Beförderung bekommt. Nie sich selbst. Nie!»

Jetzt bleibt er stehen, etwa sechs Meter von mir entfernt. Sein Brustkorb hebt und senkt sich, als er erregt fortfährt: «Sie sind so schwach – und was tun wir? Wir könnten ihre Könige werden, ihre Nächte regieren. Wir sollten ihnen zeigen, warum sie die Nächte fürchten. Die Menschen können uns nichts. Sie sind schwach, gebrechlich, ihre Knochen dünn wie Streichhölzer, ihre Zähne verfaulen weil sie nur noch Nudeln und Reis lutschen. Wir sollten über sie herrschen! Wir sind die Stärkeren! Wir sind die Jäger, sie die Beute!»

«Stärke ist nicht alles.»

«Doch!» Mit diesem Wort setzt die Verwandlung ein. Wieder zerreißen die Kleider über seinen sprießenden Muskeln, die Schuhe platzen auf als sich seine Beine streckten, aus den Zehen Krallen werden.

Ich setze nicht zur Verwandlung an, sondern greife in meine Tasche und hole die Maschinenpistole mit Schalldämpfer hervor, entsichere sie und ziele. Als Frank in Werwolfsgestalt auf mich zugerannt kommt, gebe ich den ersten Feuerstoß ab. Die Waffe bäumt sich hart in meinen Händen auf, die Schüsse nicht lauter als die zu Boden fallenden Patronenhülsen.

Frank macht große Sätze, wirft sich hin und her um den Schüssen auszuweichen und scheint Erfolg zu haben – bis ihn die erste Kugel trifft. Sie bringt ihn aus dem Gleichgewicht. Der zweite Treffer schlägt in seinen Bauch, er krümmt sich, und die drei folgenden Schüsse in die Brust stoppen ihn.

Er ändert die Taktik, geht in die Hocke und macht einen gewaltigen Sprung in meine Richtung. Damit will er die Entfernung so schnell als möglich überbrücken. Dummer Junge, denn während des Sprungs kann er nicht ausweichen. Ich versenke noch sieben oder acht Kugeln in seinen Körper, gehe zwei Schritte zur Seite.

Schwer schlägt Franks Körper neben mir auf den Asphalt, Wasser spritzt und beschmutzt den blutigen Wolfspelz. Sein Atem geht schwer, rasselt in der zerstörten und von Blut überschwemmten Lunge. Seine Glieder zittern.

Diese ganze Geschichte mit der tödichen Silberkugel, womöglich noch gegossen von einer liebenden Person – Blödsinn, erfunden von romantischen Schreibern und Regisseuren. Wir Lykanthropen sind keine Untoten, Zombies oder Vampire; wir leben wie Menschen oder Wölfe, und ebenso wie diese vertragen unsere Körper nur ein gewisses Maß an Schaden. Wenn ich jetzt keinen weiteren Schuss abgäbe und Frank bald in ärztliche Obhut käme, würde er diesen Abend überleben.

Es ist nun an mir.

Die Waffe auf ihn gerichtet, gehe ich in die Hocke und sehe in seine Augen. Er sieht die Maschinenpistole in meinen Händen und hört meine Wort: «Die Menschen brauchen nicht unsere Stärke. Sie sind gefährlich, weil sie das Töten so einfach gemacht haben.»

Ich blicke in seine Augen – und sehe nichts anderes als den Hochmut von jemandem, der sich über andere erhaben empfindet.

Ich fälle mein Urteil. Lege die Mündung der Maschinenpistole an seine Stirn.

Und krümme den Finger.

© 2012 Ulli Schwan